exklusivAllensbach-Studie: Die Mehrheit sieht die Marktwirtschaft kritisch

10. November 2012
von Henning Krumrey und Jürgen Salz

Erstmals sehen auch die Westdeutschen mehrheitlich die Marktwirtschaft kritisch. Noch nie war die Zustimmung zum hiesigen Wirtschaftssystem so gering.

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Über 60 Jahre sind sie schon zusammen, nun leidet die Beziehung immer heftiger: Die Deutschen entfremden sich von ihrer Marktwirtschaft, ermittelte das Institut für Demoskopie Allensbach. Die freie Wirtschaft führe automatisch zu sozialer Ungerechtigkeit, dieser Aussage stimmen mittlerweile 46 Prozent der Deutschen zu (siehe Grafik). Dass die Marktwirtschaft soziale Gerechtigkeit erst ermögliche, glauben dagegen nur 38 Prozent. Bemerkenswert: Während die Ostdeutschen schon immer eher skeptisch waren, bewertet nun erstmals auch im Westen die Mehrheit der Befragten die Marktwirtschaft negativ.

Unterschiedlich ist die Sicht auf Ursache und Wirkung: Während die Wessis mit knapper Mehrheit die Freiheit als Voraussetzung für Wohlstand sehen, ist es bei den Ossis genau umgekehrt. Die Umfrageergebnisse fließen in den Freiheitsindex ein, den das Heidelberger John Stuart Mill Institut in dieser Woche präsentiert. „Klarer Favorit ist der ,betreuende‘ und ,kümmernde‘ Staat, der im Unterschied zum ,liberalen‘ Staat als gerechter, wohlhabender, menschlicher und lebenswürdiger angesehen wird“, resümiert Ulrike Ackermann, Direktorin des Instituts.

Die wachsende Ablehnung registriert auch der Freiburger Volkswirtschaftsprofessor Lars Feld, Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und Direktor des Walter Eucken-Instituts. „Insgesamt hat sich der Wind in Deutschland gedreht: Weg von der Idee der Marktwirtschaft und dem Leistungsdenken, hin zu mehr Umverteilung und sozialer Gerechtigkeit.“ Die Politik habe bereits reagiert. „Überall lässt sich beobachten, dass der Staat seinen Einfluss ausdehnt und eine größere Rolle übernimmt. Er fängt wieder an, Unternehmen zu kaufen, wie Stromversorger, Wasserwerke oder EADS.“

Grafik Umfrage unter Bundesbürgern zu Marktwirtschaft und sozialer Gerechtigkeit
Klicken Sie auf die Grafik, um eine vergrößerte Ansicht zu erhalten

Und der Trend könne sich noch verstärken, weil die Politik Umfragen ernst nehme. „Durch solche Ergebnisse haben es alle Reformen in Richtung auf mehr Marktwirtschaft künftig noch schwerer. Denn Politiker möchten ja wieder gewählt werden.“

Keine Debatten aufkommen lassen möchte dagegen Karl-Ludwig Kley, Chef des Darmstädter Pharmakonzerns Merck und Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI). „Die soziale Marktwirtschaft ist das einzige Wirtschaftssystem, das Freiheit und Verantwortung überzeugend miteinander verbindet.“ Sie sei die Grundlage von Wohlstand und Demokratie in Deutschland. „Ich jedenfalls wünsche mir weder die Planwirtschaft der DDR noch den Frühkapitalismus des 19. Jahrhunderts zurück.“

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Kommentare | 10Alle Kommentare
  • 10.11.2012, 13:59 Uhrmelitaz

    Die Verneinung der Marktwirtschaft kann sich ein Volk nur dann leisten, wenn es über einen gewissen Wohlstand verfügt! Außerdem wird vergessen, dass in das deutsche Modell der Marktwirtschaft eine soziale Komponente eingebaut ist. Doch diese wird leider immer weiter ausgedehnt, weil das Volk glaubt, darauf einen leistungslosen Anspruch zu haben, und die Politiker aus wahltaktischen Gründen diese Ansprüche ünterstützen. Wenn man diesen Gedanken weiter entwickelt, kann einem für die Zukunft Angst und Bange werden, weil alle auf Umverteilung setzen, und niemand fragt, wer die dazu notwendige Leistungen erbringt! Heute wird schon gestöhnt, wenn der Arbeitstag mal länger als 8 Stunden dauert, der Weg zur Arbeit mehr als 5 km beträgt und das Entgelt als unangemessen empfunden wird. Mit dieCJ7ser Einstellung, können wir unseren sozialen Abstieg sehr planbar machen und dann werden wir uns nach den "paradiesischen Zeiten" der sozialen Marktwirtschaft zurück sehnen, doch dann ist es zu spät!

  • 10.11.2012, 14:26 Uhrmorgehan

    Vielleicht rührt der Trend auch lediglich auf unserer altermden Gesellschaft? Alte Menschen möchten ja gerne an die Hand genommen werden und jemanden haben, der für Grechtigkeit sorgt. Ich persönlich verstehe schon nicht den Ausdruck "soziale Geechtigkeit", vielleicht soll dies ein garantiertes Mindesteinkommen bedeuten? Niemand ist gehindert 10 oder 20% seines Einkommens an Hilfsbedürftige zu verteilen, aber er wird vermutlich Probleme haben solche Menschen zu finden, die ihm dann würdig erscheinen, die Unterstützung zu erhalten. Die Idee, einen Anspruch auf ein komfortables Leben zu haben, ohne selbst durch eigene Anstrengung dafür zu sorgen führt - wie vielfach in der Geschichte bewiesen - sicher zu Unfreiheit und sinkendem Wohlstand. Vom Vermögen der "Reichen" kann man nur sehr kurz gut leben

  • 10.11.2012, 14:28 Uhrmorgehan

    Vielleicht hängt es nur mit der Alterung unserer Gesellschaft zusammen? Mehr Leute brauchen Fürsorge?

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