
Zehn Jahre nach der Einführung der Greencard ist eine neue Diskussion über die Zuwanderung nach Deutschland aufgeflammt, angestoßen von Wirtschaftsminister Rainer Brüderle.
Der Wirtschaftsminister misst dem Thema, wie Deutschland für ausländische Fachkräfte attraktiver werden kann, große Bedeutung bei und hat zu diesem Zweck eine politische Initiative angekündigt.
Die Diskussion trifft die Bürger unvorbereitet. Zwar sind 90 Prozent der Bevölkerung überzeugt, dass ein ausreichendes Reservoir an qualifizierten Arbeitskräften eine Grundvoraussetzung für einen guten Wirtschaftsstandort ist. Die meisten gehen jedoch davon aus, dass Deutschland diese Voraussetzung erfüllt. Vor einem Jahrzehnt, als der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder eine befristete Arbeitserlaubnis für Computerexperten durchsetzte, war der Fachkräftemangel einzelner Branchen weitaus mehr als heute ein öffentlich diskutiertes Thema.
In den Jahren danach beschäftigte sich die Öffentlichkeit unter dem Eindruck der steigenden Arbeitslosigkeit in erster Linie mit der Frage, ob in Deutschland überhaupt wieder genügend Stellen geschaffen werden können, um in Deutschland lebenden Bürgern ausreichende Jobchancen zu bieten.
Trotz der erfreulichen Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, die vor dem Hintergrund der Wirtschafts- und Finanzmarktkrise 2008 und 2009 alles andere als selbstverständlich ist, hat das Thema Arbeitslosigkeit nach wie vor einen hohen Stellenwert für die Deutschen. Zu ihren politischen Prioritäten befragt, setzen die Bürger unverändert den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit auf den ersten Rang. 85 Prozent halten es für vordringlich, die Zahl der Erwerbslosen weiter zu senken. Von einem echten Arbeitskräftemangel ist Deutschland nach dem Glauben der meisten Bürger noch um einiges entfernt.
Auch die Einführung der Greencard stieß damals auf weitverbreitete Zweifel, ob das Problem, das sie lösen sollte, überhaupt existiert. Trotz der wesentlich intensiveren gesellschaftlichen Diskussion waren damals nur 31 Prozent der Bürger überzeugt, dass es in einzelnen Branchen einen gravierenden Fachkräftemangel gibt. Vor allem wurde jedoch auch der Lösungsweg infrage gestellt. Damals unterstützten lediglich zwei Prozent die Position, einen Mangel an Fachkräften primär über Anreize für ausländische Experten zu lösen. 66 Prozent plädierten dafür, diese Fachkräfte durch die Qualifizierung von Arbeitskräften aus Deutschland bereitzustellen, 30 Prozent hielten es für sinnvoll, beide Wege zu beschreiten.

Seither hat sich die einseitige Präferenz für Qualifizierungsmaßnahmen und das Heben unausgeschöpfter Potenziale in Deutschland verstärkt. 72 Prozent der Bürger plädieren dafür, benötigte Arbeitskräfte verstärkt selbst auszubilden. Nur 26 Prozent möchten daneben und nur ein Prozent primär auf Arbeitskräfte aus dem Ausland setzen.
Dies geht nicht auf wachsende Sorgen um den eigenen Arbeitsplatz zurück. Diese Ängste haben angesichts des positiven konjunkturellen Umfeldes nachgelassen. Die meisten sehen für sich persönlich auch kein ernsthaftes Risiko, dass ihnen Zuwanderer den Arbeitsplatz streitig machen könnten. Die Konkurrenz um Arbeitsplätze ordnen die Menschen mittlerweile primär als globalen Standortwettbewerb ein, nicht als direkte Konkurrenz um Arbeitsplätze im eigenen Land. Und das Selbstbewusstsein der Bürger, dass Deutschland in diesem Wettbewerb erfolgreich bestehen kann, ist heute weit größer als noch vor einigen Jahren.
Neben der Unsicherheit, ob Fachkräftemangel in Deutschland ein gravierendes Problem ist, wird die Haltung der Bürger vor allem von der Überzeugung bestimmt, dass Deutschland noch erhebliche Reserven an Arbeitskräften hat, die durch eine bessere Bildung und Ausbildung, eine effizientere Vermittlung und die verstärkte Mobilisierung von nichtberufstätigen Bevölkerungskreisen ausgeschöpft werden könnten. Diese Sichtweise lässt sich durchaus begründen.
Es gibt in Deutschland zweifelsohne unausgeschöpfte Potenziale, die durch Qualifizierungsmaßnahmen und neue Anreize gewonnen werden können. Angesichts der ungünstigen demografischen Entwicklung ist es jedoch problematisch, dass die meisten einseitig auf diesen Weg setzen – und die notwendige Diskussion über qualifizierte Zuwanderung für überflüssig halten.













