Alte Bahnhöfe: Rentner Reiners sorgt in der Provinz für Ordnung

Alte Bahnhöfe: Rentner Reiners sorgt in der Provinz für Ordnung

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Rentner Reiners: Sein Lohn ist der einzige saubere Bahnhof weit und breit

Die Bahn lässt viele ihrer Provinzbahnhöfe verlottern. Manfred Reiners akzeptiert das nicht – und schafft Ordnung.

Der Bahnhof in Dinslaken ist eigentlich nicht vom Glück geküsst. Vieles wirkt, als hätten die vom Börsengang beseelten Bahn-Manager im fernen Berlin den Haltepunkt am nordwestlichen Rand des Ruhrgebiets aus den Augen verloren. Zwischen schäbigen Pflastersteinen recken Unkrautzupfen ihre Köpfchen in die Höhe. Schiefe Bodenplatten laden zum Stolpern ein. Die Fliesen in der funzeligen Unterführung haben Farbe gelassen. Klebebänder halten eine Scheibe davon ab, sich in kleine Brösel aufzulösen. Aber es könnte schlimmer sein. Die Mülleimer könnten überlaufen – oder ganz verschwunden sein. Die Lichter könnten nicht funktionieren. Graffiti könnten Fahrpläne und Hinweisschilder verdecken. So wie an vielen anderen deutschen Provinzbahnhöfen auch. In Dinslaken ist das anders. Und das liegt an Manfred Reiners.

Irgendwas an ihm bewegt sich immer. Der Dinslakener Rentner kommt nicht zur Ruhe. Wer mit ihm spricht, kann kaum folgen. Wer ihn länger als drei Minuten auf einem Stuhl zu halten versucht, wird daran scheitern. Wer mit ihm umhergeht, kann kaum Schritt halten. Dabei blickt Reiners auf 69 Lebensjahre zurück. Die halten ihn nicht davon ab, im Sauseschritt voranzustürmen. Dann wehen seine weißen Haare um den Kopf, und die Brille rutscht im Eifer des Gefechts schon mal ein Stück den Nasenrücken hinab. In Windeseile führt der Rentner durch den Bahnhof Dinslaken — Reiners’ Revier. Hier kennt er sich aus, hier hat er alles im Griff. Zum Glück für viele Bahnfahrer. Und zum Glück für die Deutsche Bahn. Denn ohne Reiners’ ehrenamtlichen Einsatz würde am Bahnhof Dinslaken wohl kaum etwas funktionieren.

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„Können Sie mal kurz schauen?“ Die junge Frau kämpft mit Dinslakens einzigem Fahrkartenautomaten um ein Ticket. Manfred Reiners runzelt die Stirn, drückt die richtigen Tasten und lässt sich mit einem Lächeln danken. „Das passiert, wenn die Bahn alles ohne Mitarbeiter regeln möchte“, schimpft der Rentner. Er beobachtet das an dem Bahnhof in der 70.000-Einwohner-Stadt seit Jahren. Erst kürzte die Bahn hier ein bisschen, dann dort ein bisschen – und am Ende regierte am Dinslakener Bahnhof der Schmuddel. „Aber alle Politiker hier haben nur lamentiert“, fand Reiners vor acht Jahren und erkannte, dass das nicht weiterführt. Denn Reiners, vor seiner Pensionierung auf dem städtischen Bauhof beschäftigt, ist von jeher ein Mann der Tat.

Das Beispiel macht Schule

Samstags im Morgengrauen schlich er sich damals zum Bahnhof, leerte Mülleimer, sammelte Abfälle, hakte Laub und jätete Unkraut. Schön in Müllsäcke verpackt, deponierte Reiners das Ergebnis seiner Arbeit vor dem Bahnhof und legte einen Brief an die Bahn bei. „Sie müssen es nur noch wegfahren“, schrieb er darauf und verschwand. Sechs Wochen ging das so. Bei der Bahn hatten sie ihn bereits das „Heinzelmännchen von Dinslaken“ getauft. „Dann habe ich mich zu erkennen gegeben“, erzählt Reiners und schmunzelt in Erinnerung an die Reaktion der Bahner. Die wollten ihn nämlich gegen eine kleine Aufwandsentschädigung gleich ganz mit der Wartung des Bahnhofs beauftragen. Aber Reiners winkte ab: „Ich will niemandem den Arbeitsplatz wegnehmen.“

Reiners’ Beispiel hat Schule gemacht. Zig Helfer deutschlandweit wollen nicht mehr tatenlos zusehen, wie der Staatskonzern seine Haltepunkte verlottern lässt. Die Bahn und die Nahverkehrsverbände haben daraus unter dem Schlagwort „Bahnhofspaten“ ein Programm entwickelt. Vor allem viele Provinzposten an Nebenstrecken würden ohne die ehrenamtliche Hilfe schlecht aussehen. Aber keiner der Ehrenamtler — allein in Nordrhein-Westfalen gibt es 50 — nimmt seine Aufgabe so ernst wie Manfred Reiners. Eigentlich sollen die Hobby-Heinzelmänner nur Zerstörungen oder Verschmutzungen bei der Bahn melden. Deren Mitarbeiter sollen die Schäden dann beheben. Reiners verlässt sich darauf nicht. Er packt selbst an.

Wenn morgens die Sonne über Dinslaken aufgeht, ist Reiners schon auf den Beinen. Mit Harke, Besen und Müllsack durchkämmt er das Bahnhofsgelände. „Der Bahnhof soll ja sauber sein, wenn die Pendler morgens ankommen“, sagt er. Und damit der Bahnhof das auch noch ist, wenn die Pendler abends aus ihren Büros zurückkehren, legt Reiners nachmittags eine zweite Schicht ein. Drei, vier Stunden verbringt der Pensionär so täglich. Reiners ist der gute Geist vom Bahnhof Dinslaken. „Ohne dich wäre das hier eine Müllhalde“, lobt ein Fahrgast im Vorbeigehen.

Unschlagbar günstig

Den Eindruck hat Reiners auch. In der vergangenen Woche hat er zudem die Büsche auf der Wartefläche gestutzt: „Die Fahrgäste hatten ja immer weniger Platz“, sagt er. Am Wochenende hat er die Bahnsteigwände gestrichen. „Sonst sind hier nur noch Graffiti“, erzählt der Rentner und eilt zu einem Jugendlichen, um ihm die Kippe aus dem Mund zu nehmen: „Rauchverbot.“ Der Bahn ist so viel Einsatz ganz recht. Ehrenamtler Reiners ist schließlich unschlagbar günstig: „Die haben mich schon gefragt, ob ich auch den Bahnhof in Wesel mitbetreuen möchte.“ Das war dann aber doch zu viel, trotz angebotener Aufwandsentschädigung. „Meine Frau hätte schon jetzt gerne, dass ich öfter zu Hause bin.“

Am Anfang hat der Unruheständler sich oft gefragt, ob das alles einen Sinn macht — schließlich sah der gereinigte Bahnhof am nächsten Tag oft genauso aus wie vor dem Arbeitseinsatz. „Aber mittlerweile nimmt die Zerstörung ab“, beobachtet Reiners. „Die Leute trauen sich weniger, etwas zu zerstören, wenn alles sauber und ordentlich ist.“ Dinslakens Saubermann reicht das als Lohn: „Das Schönste ist doch, dass das hier der einzige saubere Bahnhof weit und breit ist.“

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