Alternative für Deutschland: Braindrain bei der AfD

ThemaParteien

Alternative für Deutschland: Braindrain bei der AfD

Bild vergrößern

Hans-Olaf Henkel (rechts) ist schon aus der AfD ausgetreten. Am Donnerstag könnte Ex-Parteichef Bernd Lucke folgen.

von Tim Rahmann

Liberale AfD-Anhänger verlassen die Partei nach dem Rechtschwenk vom Wochenende. Zahlenmäßig sind die Austritte noch verkraftbar. Schlimmer für die Partei ist, dass gerade die klugen Köpfe aus der AfD flüchten.

Von einem Exodus kann man (noch) nicht sprechen; die gefürchteten Massenaustritte aus der AfD lassen auf sich warten. 512 Austritte haben AfD-Pressesprecher Christian Lüth und die Bundesgeschäftsstelle bislang registriert. Das sind rund 2,5 Prozent der Mitglieder. Gut möglich, dass in den kommenden Tagen noch Hunderte, im Extremfall gar bis zu 4000 AfD-Mitglieder – nämlich all diejenigen, die sich im „Weckruf“ organisiert haben – der Partei den Rücken kehren.

Der Vorstand des Weckruf-Vereins will bis Donnerstag die Haltung der Mitglieder abfragen. Danach werde man ein „starkes Signal“ senden, so AfD-Parteigründer Bernd Lucke bei einer Pressekonferenz in Straßburg. Für den Moment nur so viel: Die „Weckruf“-Mitglieder seien „entsetzt“ über den Rechtsruck in ihrer Partei.

Anzeige

Die AfD – neue Volkspartei oder kurze Protestepisode?

  • Wie viel Union von Kohl und Strauß steckt in der AfD?

    Es steckt einiges von der Union früherer Zeiten in der Alternative für Deutschland (AfD). Nur in der Europapolitik grenzt sich die AfD klar von dem ab, was Helmut Kohl zu seinen Kanzlerzeiten wichtig war. Die AfD besetzt aber andere zentrale Themen der Union wie Familie, Kriminalität und Zuwanderung - Themen, wie sie die früheren Vorsitzenden von CDU und CSU, Helmut Kohl und Franz Josef Strauß, verkörperten: starke Polizeipräsenz, begrenzte Zuwanderung und ein Familienbild mit Vater, Mutter und Kindern. Die Warnungen der AfD vor einer Überlastung der Sozialsysteme durch Asylbewerber erinnern an die aufgeheizte Das-Boot-ist-voll-Debatte Anfang der 90er Jahre. Die AfD knüpft zudem an die konservative Gedankenwelt von Bundesministern wie Manfred Kanther (CDU) und Theo Waigel (CSU) an.

  • Kümmern sich CDU und CSU um solche Themen nicht mehr?

    Doch. Auch heute sind das Schwerpunkte der Union. Doch die CSU war im Europa-Wahlkampf mit ihrer auf Ausländer gemünzten Parole „Wer betrügt, der fliegt“ und dem Herziehen über die EU-Kommission nicht erfolgreich. Und CDU und CSU bekamen unter Angela Merkel und Horst Seehofer bei der Bundestagswahl 41,5 Prozent - mit einer liberaleren Einstellung zu Homosexuellen, mit einer neuen Definition von Familie, aber ohne einen Law-and-Order-Mann als Bundesinnenminister. So machte die Union die Erfahrung, dass ein Kurs der Mitte mehr Stimmen bringt als das Beharren auf konservativen Positionen.

  • Was steckt noch in der AfD?

    Die AfD setzt sich für mehr Basisdemokratie ein – und steht damit im Kontrast zur CDU. Einige ihrer Mitglieder stammen außerdem aus der Konkursmasse kleinerer rechter, liberaler und konservativer Parteien. Ehemalige Angehörige von NPD und DVU können dagegen nicht Mitglied der AfD werden. Im Osten wirbt die Partei um DDR-Nostalgiker, die zwar den Sozialismus nicht zurückhaben wollen, aber zum Beispiel Elemente des alten Bildungssystems gut finden.

  • Ist die AfD denn eine Gefahr für die Union?

    Ja - auch wenn die CDU in Brandenburg und Thüringen trotz Stimmenverlusten an die AfD zulegen konnte. Erstens hat die Union durch ihren Wandel hin zu einer modernen, urbanen Partei eine Flanke an ihrem rechten Rand aufgemacht und könnte weiter Konservative, die in der Union keine Heimat mehr sehen, verlieren. Und zweitens wirbelt die AfD die Parteienlandschaft so durcheinander, dass die Machtoptionen für die Union schwinden. Eine Koalition mit der AfD schließt die CDU genauso aus wie mit der Linken, und auf die FDP kann sie nicht mehr zählen. Unabhängig davon, dass Schwarz-Grün im Bund ein Novum wäre, könnte es mit den Grünen knapp werden - wenn die AfD denn 2017 in den Bundestag einzöge. Bliebe ein Bündnis mit der SPD - das sollte aber aus Sicht beider Parteien kein Dauerzustand sein.

  • Wie wehrt sich die Union gegen die AfD?

    Nicht einheitlich. CDU-Generalsekretär Peter Tauber sagt: „Wir wollen die Wähler zurückgewinnen.“ Fraktionschef Volker Kauder (CDU) will die AfD ignorieren und sich mit ihren Politikern nicht einmal in eine Talkshow setzen. Wolfgang Bosbach vom konservativen „Berliner Kreis“ der CDU hält das für falsch. Viele Unionspolitiker raten inzwischen, sich intensiv mit der AfD auseinanderzusetzen. Parteichefin und Kanzlerin Angela Merkel ging im Brandenburger Wahlkampf deutlich auf die Grenzkriminalität ein, nachdem die AfD bei der Sachsen-Wahl damit punktete. Koalitionen mit der AfD schließt sie aber aus.

  • Was macht die AfD attraktiv?

    Die AfD stellt sich als Partei der braven Sparer und Steuerzahler dar, deren Wohlstand durch die Rettung maroder Banken und überschuldeter Euro-Länder gefährdet ist. Sie fordert, dass außer Flüchtlingen nur noch „qualifizierte und integrationswillige“ Ausländer nach Deutschland kommen dürfen und bemüht dafür gerne das Beispiel des Einwanderungslandes Kanada. Die AfD, die sich seit ihrem guten Abschneiden bei drei Landtagswahlen als „kleine Volkspartei„ bezeichnet, wettert gegen die in Deutschland inzwischen weit verbreitete Kultur der „politischen Korrektheit“. Ihrer Führungsriege gehören etliche Ex-Mitglieder von CDU und FDP an. Deshalb finden einige wertkonservative Wähler die Strategie der CDU, die AfD wie eine nicht-salonfähige Randgruppe zu behandeln, wenig glaubwürdig.

  • Droht der AfD das selbe Schicksal wie den Piraten?

    Nein. „Eintagsfliege“, „Protestpartei“ – diese Etiketten wurden der AfD in den ersten Monaten oft aufgeklebt. Doch im Gegensatz zu den Piraten, die sich lange vor allem der Selbstzerfleischung widmeten, halten sich die internen Streitereien noch im Rahmen. Außerdem hat sich die AfD rasch von einer Ein-Thema-Partei (Eurorettung) zu einer gemausert, die verschiedene Politikfelder besetzt.

Unabhängig davon, ob der Weckruf erwartungsgemäß von Bord geht und die Zahl der Austritte noch steigt, hat die AfD schon heute ein gewaltiges Problem: Es treten bisher schon vor allem die klugen Köpfe aus der Partei aus. Liberale, Ökonomen, Professoren, Mittelständler. Sie fühlen sich in der „Alternative für Deutschland“ nicht mehr wohl, nachdem sich Frauke Petry deutlich gegen Bernd Lucke bei der Wahl zum Bundesvorstand am Wochenende in Essen durchsetzte.

Schlimmer für viele noch: Wie ein Teil der AfD-Mitglieder aus den ostdeutschen Landesverbänden mit Gründer Lucke umging. Er wurde beschimpft, ausgebuht und angegangen. Personenschützer mussten Interviews des Ex-Bundessprechers begleiten.

„Man hatte zeitweilig den Eindruck, sich in einem Fußballstadium unter lauter Hooligans zu befinden“, schreibt ein AfD-Mitglied der ersten Stunde in seinem Austrittsschreiben, das WirtschaftsWoche Online vorliegt. „Mit solchen Leuten kann man keine vernünftige Politik machen.“ Die Partei bewege sich nun „eindeutig in Richtung FPÖ“.

weitere Artikel

Mit dieser Partei wollen unter anderen auch der Euro-Kläger Joachim Starbatty, Ex-BDI-Chef Hans-Olaf Henkel, die AfD-Landesvorsitzenden sowie die Europaabgeordneten Bernd Kölmel (Baden-Württemberg) und Ulrike Trebesius (Schleswig-Holstein) nichts mehr zu tun haben. Auch Publizist Konrad Adam könnte folgen. Er erwäge einen Austritt, so der Mitgründer, der sich in den vergangenen Wochen von Bernd Lucke distanziert und die Wahl von Frauke Petry unterstützt hat. Adam hat sich damit den Groll der Gemäßigten in seiner Partei zugezogen und ist nun auch im „Weckruf“ nicht willkommen.

Der AfD geben die Ausgetretenen keine Überlebenschance im politischen Betrieb. Ein Ex-Mitglied fasst resigniert zusammen: „Deutschland, das ist meine Überzeugung, wird in den nächsten Jahren immer mehr zu einer Fassadendemokratie werden, auch in Fragen, die mit der Eurokrise wenig zu tun haben. Denn am Ende gibt es kaum ein Politikfeld mehr, auf dem die Letztentscheidung nicht doch in Brüssel liegt.“ Die Berliner „Allparteienkoalition“ habe sich sämtliche Entscheidungsspielräume nehmen lassen.

Dem Autor auf Twitter folgen:

.

Anzeige

17 Kommentare zu Alternative für Deutschland: Braindrain bei der AfD

  • Bleibe dabei: Schlechte(r) Verlierer! Nicht demokratiefähig!

  • Die frühere AfD ist doch nur eine Ersatz für FDP gewesen. So war es auch im Sinne von Lucke. 33 Jahre in Worte dreiunddreißig Jahre und kein bisschen weise in der CDU. Weder christlich - siehe Zuzug von Kriminellen, Masseninvasion, Deutsch??? eher ausführendes Organ der Siegermächte- Union was soll hier den vereinheitlicht werden. Alles Blockparteien wie DDR.
    Ob die AfD wirklich eine Partei sein wird, die das Gemeinwohl des DEUTSCHEN Volkes vertritt, muß man haargenau beobachten. Wenn sie nicht jetzt unterwandert ist, dann evt. später.
    Lucke kann wirtschaftliche Zusammenhänge gut erklären und hat sich im Fernsehen gut gehalten. Aber ein eindeutiger Politisierer ist er in übrigen Dingen nicht.
    Leider.
    Denn in Deutschland gibt es viele Tabus.
    Mit diesem kann man Wählerstimmen gewinnen.
    Siehe über 50 % Nichtwähler.

  • Leider ist meine Richtigstellung zu umfangreich für dieses Kommentarfeld. Lesen Sie bitte auf folgender Seite: https://greypanter.wordpress.com/

Alle Kommentare lesen
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%