Alternative für Deutschland: Das Parteivolk folgt dem Professor

ThemaWahlen 2017

Alternative für Deutschland: Das Parteivolk folgt dem Professor

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Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit seien „verraten und verkauft worden“.

von Henning Krumrey

Beim Gründungsparteitag der Anti-Euro-Partei kommen nicht Rentner und Rechtsradikale zusammen, sondern die ganz normalen Bürger aller Altersklassen. Nun startet die Gruppe in den Bundestagswahlkampf.

Kurz weht ein Hauch von Revolution durch den Saal. Schon beim ersten Satz des Eröffnungsredners Konrad Adam springen die ersten von ihren Plätzen auf und applaudieren stehend. Dabei hat der amtierende Sprecher der neuen „Alternative für Deutschland“ als Begrüßung nur gesagt, dass dieser Gründungsparteitag „der erste einer hoffentlich noch langen Reihe“ sei. Schon brandet Jubel auf.

Kräftiger Beifall auch, als Adam die Repräsentanten der amerikanischen und der niederländischen Botschaft begrüßt; der Beobachter der von der EU-Komission dagegen kassiert Buhrufe. Adam fährt fort: „Nehmen Sie die Botschaft mit nach hause, dass auch wir retten wollen – nicht unbedingt den Euro, aber Europa.“

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Adam, einst führender konservativer Intellektueller bei der „FAZ“ und der „Welt“, erinnert an die Rede des britischen Premierministers Winston Churchill 1946 in Zürich, bei der dieser die Einheit Europas beschwor (wenn auch ohne Großbritannien). Europa sei eine „faszinierende Idee“, sagt Adam, doch nachdem „Irland gerettet, Griechenland unter Kuratel gestellt und Zypern zu einem hohen Preis heraus gekauft“ wurde, stünde „Europas Name steht für Enttäuschung und Empörung“. Der Gedanke Europas sei „gründlich diskreditiert“.

Fakten zur Anti-Euro-Bewegung „Alternative für Deutschland“ (AfD)

  • Parteigründer

    Zum Parteivorstand gehören neben dem Hamburger Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke unter anderem der langjährige FAZ-Feuilletonist Konrad Adam und der ehemalige hessische Staatssekretär Alexander Gauland.

  • Nein zum Euro

    Die AfD fordert die Auflösung des Euro-Währungsgebietes und die Wiedereinführung nationaler Währungen.

  • Knapp gescheitert bei der Bundestagswahl

    Zur Bundestagswahl im September ist die neugegründete Partei erstmals angetreten. Sie erreichte 4,7 Prozent der Zweitstimmen. Zum Einzug ins Parlament fehlten ihr nur rund 130.000 Stimmen.

  • Europa-Wahl

    Bei der Europawahl am 25. Mai 2014 erreicht die AfD in Deutschland 7,0 Prozent der Wählerstimmen. Damit stellt sie zum Beispiel die FDP klar in den Schatten, die lediglich auf 3,4 Prozent der Wählerstimmen kommt.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit seien „verraten und verkauft worden“. Und polemisch-populistisch resümiert er: „Wem Gott ein Amt gibt, dem nimmt er auch den Verstand.“ Der Sprecher, der in anderen Parteien dem Vorsitzenden entspricht, kritisiert die „neue deutsche Sprachpolizei, die von uns verlangt, die Dinge beim falschen Namen zu nennen“. Als gute Europäer gälten diejenigen, die sagen, dass Deutschland am meisten vom Euro profitiert, und diejenigen als schlechte, die Griechenland gern aus dem Euro austreten sähen. Als solidarisch gelte, wenn die einen zwei Jahre länger arbeiten müssen, damit andere drei Jahre früher in Rente gehen dürfen. Das gern für die neue Partei gebrauchte Etikett wendet Adam ins Gegenteil: „Wenn die gewählten Volksvertreter uns entmündigen, dann sollten wir selbstbewusst genug sein, den Vorwurf des Populismus als Auszeichnung zu betrachten. Demokratie ist eine äußerst populistische Veranstaltung, weil sie dem Volk das letzte Wort gibt.“

Die wichtigsten Köpfe in der AfD

  • Bernd Lucke

    Professor, Gründer des Plenums der Ökonomen

    Der 51-Jährige wurde bei Gründung der AfD ihr Sprecher. Der Vater von fünf Kindern lehrt Makroökonomie an der Universität Hamburg. Über 300 Wissenschaftler schlossen sich seinem „Plenum der Ökonomen“ an, das als Netzplattform Wirtschaft erklärt. Nach 33 Jahren trat Lucke Ende 2011 aus der CDU aus. Er trat als Spitzendkandidat der AfD für die Europawahlen an und wechselte im Sommer 2014 nach Brüssel.

  • Beatrix von Storch

    Anwältin, Gründerin der Zivilen Koalition

    Die Juristin, die zunächst 2012 Mitglied der FDP war, ist seit 2013 Mitglied der AfD. Sie wird dem rechtskonservativen Flügel der Partei zugerechnet. Sie engagiert sich neben der Euro-Rettung vor allem für eine christlich-konservative Familienpolitik. Am 25. Januar 2014 wurde von Storch vom Bundesparteitag der AfD in Aschaffenburg mit 142 von 282 Stimmen auf Platz vier der Liste zur Europawahl gewählt - und zog anschließend ins Europaparlament ein.

  • Joachim Starbatty

    Emeritierter Professor für Volkswirtschaft

    Im Kampf gegen den Euro hat er die größte Erfahrung: 1998 klagte er gegen dessen Einführung vor dem Bundesverfassungsgericht, 2011 gegen die Rettungsmaßnahmen. Der 72-Jährige, einst Assistent von Alfred Müller-Armack, führt den wissenschaftlichen Beirat der AfD – so etwas hat keine andere Partei.

  • Frauke Petry

    Promovierte Chemikerin und Unternehmerin

    Nach dem Studium gründete die Mutter von vier Kindern 2007 ihr eigenes Chemieunternehmen Purinvent in Leipzig – mit dem Patent auf ein umweltfreundliches Dichtmittel für Reifen. Sie fürchtet, ihre demokratischen Ideale würden „auf einem ideologisierten EU-Altar geopfert“. Seit 2013 ist sie eine von drei Parteisprechern und Vorsitzende der AfD Sachsen

  • Konrad Adam

    Journalist, Publizist, Altsprachler und Historiker

    Bei den bürgerlichen Blättern – 21 Jahre im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen“, sieben Jahre als politischer Chefkorrespondent der „Welt“ – erwarb er sich den Ruf als konservativer Vordenker. Sozial-, Bildungs- und Wissenschaftspolitik sind auch im Sprecheramt der AfD seine Schwerpunkte.

  • Alexander Gauland

    Beamter, Politiker, Herausgeber, Publizist

    Der promovierte Jurist leitete die hessische Staatskanzlei unter CDU-Ministerpräsident Walter Wallmann. Dann Geschäftsführer und Herausgeber der „Märkischen Allgemeinen“ in Potsdam. Führte die brandenburgische AfD bei den Landtagswahlen zu einem überraschend starken Ergebnis und führt nun die Fraktion im Landtag an.

Es holpert zu Anfang noch kräftig. Dass das Tagungspräsidium zu wählen ist, hat der stellvertretende Parteisprecher Schünemann leider vergessen und muss erst von Lucke mehrfach darauf hingewiesen werden. Auch die Gegenprobe der Nein-Stimmen fällt noch etwas schwer. „Und bitte auch nach Enthaltungen fragen“, tönt es aus der Tiefe des Saales. Richtiges Chaos bricht dann bei den Kandidaturen für die Parteiführung aus. Denn insgesamt haben sich schon vor dem Parteitag 150 Interessenten für die wenigen Ämter gemeldet, und während der ersten Minuten des Parteitages kommen noch einmal rund 20 Bewerber hinzu. Völlig illusorisch, dass die sich alle persönlich vorstellen dürften – denn das wären selbst bei nur zwei Minuten Redezeit pro Kopf fast sechs Stunden Bewerbungsreden.

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