Altkanzler zur Krim-Krise: Helmut Schmidts Weltkriegsanalogie ist Unsinn

KommentarAltkanzler zur Krim-Krise: Helmut Schmidts Weltkriegsanalogie ist Unsinn

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Altkanzler Helmut Schmidt auf der Feier, die "Die Zeit" zu seinem 95. Geburtstag am 19. Januar 2014 ausrichtete.

von Ferdinand Knauß

Wenn der Altkanzler redet, klingt das meist sehr weise - ist es aber nicht immer. Was er jetzt über die Ukraine-Krise und den Ersten Weltkrieg sagt, offenbart Arroganz gepaart mit historischer Unkenntnis.

Vom Ersten Weltkrieg ist derzeit viel die Rede. Vor 100 Jahren kam die Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts über Europa und die Welt. Dass sich ein großes Publikum dafür interessiert und Hunderttausende das große Werk des Historikers Christopher Clark über die Kriegsschuld aller beteiligten Regierungen lesen, ist hocherfreulich. Gerade, weil es gerade in der deutschen politischen Klasse an historischem Bewusstsein mangelt.

Diesen Mangel demonstriert gerade – entgegen seiner offensichtlichen Absicht - auch der Lieblingsaltkanzler der Deutschen: Helmut Schmidt.

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In einem Interview mit der Bild-Zeitung hält er die Situation in Europa angesichts der Ukraine-Krise für „zunehmend vergleichbar“ mit der Lage von 1914.  

Wenn Schmidt etwas sagt, lauschen ihm die Deutschen andächtig – inklusive der Journalisten, die ihn interviewen.

Schmidts Verkündungen erscheinen im „Spiegel“, der „Bild“ oder zumindest der „Zeit“, deren Herausgeber er bekanntlich ist, stets wie die Worte des Weisen vom Berge, da ihn seine Interviewer schon seit Jahrzehnten nicht mehr zu kritisieren wagen. Wer so behandelt wird, muss natürlich zur Überzeugung gelangen, dass er mit geradezu salomonischer Urteilsfähigkeit gesegnet ist.  

Und so raunt Schmidt nun auch voller Weihe von der „Gefahr, dass sich die Situation verschärft wie im August 1914“. Die Akteure auf allen Seiten „Europa, die Amerikaner, auch die Russen verhalten sich so, wie es der Autor Christopher Clark in seinem lesenswerten Buch über den Beginn des 1. Weltkriegs beschrieben hat: wie ‚Schlafwandler‘.“

Alle schlafwandeln. Nur er natürlich nicht. Schmidt hat den Durchblick. Das ist die Botschaft.

Man weist einen 95-jährigen Ex-Kanzler nicht gern zurecht. Und dennoch ist es notwendig. Was Schmidt sagt, ist nicht nur arrogant, sondern auch unsinnig.

Dass Schmidt sich mit der Genese des Ersten Weltkrieges offenbar nicht besonders gründlich befasst hat, beweist er schon dadurch, dass er den „August 1914“ mit der Gegenwart vergleicht. Im August 1914 herrschte bekanntlich schon Krieg.

Wer Politik macht oder darüber redet, sollte über ein historisches Bewusstsein und ein festes Fundament an historischer Bildung verfügen. Geschichte ist das, was dafür gesorgt hat, dass wir heute sind, wie wir sind. Ohne Geschichte versteht man gar nichts.

Aber gerade deswegen sollte man sich vor simplen Analogien hüten.

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Weder die Bündniskonstellation von 1914 – die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn gegen Frankreich, Großbritannien, Russland – noch die Verfassung der damaligen Staaten, noch die Mentalität der Handelnden oder die Bereitschaft der Völker zum Krieg waren auch nur ansatzweise mit der heutigen Situation vergleichbar. Von den kriegstechnischen Veränderungen wie der Existenz von Atomwaffen ganz abgesehen, die die Qualität internationaler Krisen grundlegend verändert haben. Nein, jegliche auch nur ansatzweise Analogie der Ukraine-Krise zur Juli-Krise von 1914 ist abwegig.

Manchmal mag der historische Vergleich die Gegenwart erhellen. Meist aber nicht.

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