Analyse: Die Krise und der Arbeitsmarkt: Ende der Schonzeit

Analyse: Die Krise und der Arbeitsmarkt: Ende der Schonzeit

Bild vergrößern

Henning Krumrey, Leiter des Hauptstadtbüros der WirtschaftsWoche

In dieser Krise hat die Politik wirklich alles versucht: die Kapitalmärkte geflutet, den Autoabsatz angekurbelt, das Handwerk mit Aufträgen beglückt, Entlassungen aufgehalten – alles um den Preis rasant steigender Staatsschulden. Der stellvertretende WirtschaftsWoche-Chefredakteur Henning Krumrey über die Rückkehr des Marktes und den Staat.

Bundesarbeitsminister Olaf Scholz hat eine Verlängerung der Kurzarbeiter-Regelung bis auf 24 Monate und die volle Übernahme der Sozialabgaben angezettelt und schnell Zustimmung bei der Union gewonnen. Seit im Frühjahr die Arbeitszeitkonten erst leer geräumt und dann ins Minus gefahren worden waren, bot die Kurzarbeit willkommenen Ersatz und politisch-menschliche Erlösung. Bald 1,5 Millionen Menschen arbeiten bestenfalls stundenweise, bangen aber rund um die Uhr. Ginge es nach der großen Koalition, könnten die Betriebe bis ins Jahr 2011 ihre Mitarbeiter auf Sparflamme halten.

Aber so wird es nicht kommen. Denn für viele Unternehmen geht es nicht mehr darum, die mühsam ausgebildeten Fachkräfte bis zur Rückkehr der Normalität kostengünstig zu parken. Immer mehr müssen erkennen: Die Krise könnte die Normalität werden, eine geschrumpfte Wirtschaft auf Jahre der Rahmen sein, in dem sich Micker-Wachstum abspielt. Dann aber müssen die Unternehmen die Schonzeit beenden und statt der Arbeitsstunden den Arbeitsvertrag auf null setzen.

Anzeige

Mit jedem Tag, den die Rezession länger dauert, wird deutlicher: Die Politik kann versuchen, eine Konjunkturdelle auszugleichen, aber sie kann nicht ewig gegen die Marktkräfte anfinanzieren. Das kann der Staat, also der Steuerzahler, nicht schaffen.

Im Gegenteil: Die Interventionen haben den Markt stellenweise erst richtig zum Erliegen gebracht. Siemens kann selbst mitten in der Krise 1350 freie Ingenieurstellen nicht besetzen – wie viele Fachleute wähnen sich gleichzeitig anderswo trotz oder wegen reduzierter Stundenzahl noch sicher, sind also faktisch in Kurzarbeit eingesperrt? Der staatliche Schutzschirm für die Jobs verhindert – ganz klassisch – die Anpassung.

Wie in der Autobranche mit ihren riesigen Überkapazitäten. Die Bundesregierung braust mit ihrer Abwrackprämie unter Vollgas in die Sackgasse: Zwar sind die bereitgestellten fünf Milliarden Euro bald aufgebraucht, aber auch der Ansturm beim Bundesamt für Wirtschaft lässt nach. Schon deshalb, weil die Zahl der Altautobesitzer begrenzt ist, die sich den Tausch jetzt noch leisten können. Wenn der Staat den Verkauf auch nächstes Jahr stützen wollte, müsste er den Marktgesetzen folgen: entweder noch jüngere Autos für die Verschrottung freigeben oder gleich das Geschenk auf deutlich mehr als 2500 Euro erhöhen. Dann allerdings wird der Nachfrage-Absturz nach dem Ende der Vernichtungshilfe noch tiefer.

Selbst in der Finanzwirtschaft, wo angeblich der Markt versagt hat, funktionieren seine Regeln noch. Das Fluten der Kapitalmärkte durch die Zentralbanken hat Industrie und Mittelstand keine Liquidität zum Beinahe-Nulltarif gebracht. Wenn die Banken mit Pleitenwellen und Schrumpf-Wirtschaft rechnen, ist es kein Wunder, dass sie beim Geldverleihen Gefahrenzuschläge verlangen. Diese Risikoprämien kommen dann in der Politik als vermeintliche Kreditklemme an. Nur so erklärt sich, dass die Firmen zwar eine Klemme beklagen, die Bankenverbände aber sogar auf höhere Ausleihungen als im Vorjahr verweisen. Am Markt fehlt nicht das Kapital, es fehlt die Gewissheit, dass die Schuldner in ein paar Jahren noch da sind. Auch eine Milliardenflut spült kein Vertrauen an Land.

Das spüren insbesondere die Anleger, die nun – den Zentralbanken sei Dank – für ihr Erspartes nur noch Minizinsen bekommen. Die Kreditwirtschaft braucht das Geld einfach nicht, sie hat ja reichlich. Und kann sich nun über historisch hohe Margen freuen.

Dafür braucht’s den Staat nun wirklich nicht.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%