Analyse: Selbstsuggestion Deutschland

Analyse: Selbstsuggestion Deutschland

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Deutsche Spieler nach der Finalniederlage gegen Spanien

Was uns das EM-Abschneiden der deutschen Mannschaft über den wahren Zustand des Landes sagt. Eine Analyse vom Leiter des Hauptstadtbüro der WirtschaftsWoche, Michael J. Inacker.

Wenn die Politik mit Fußball-Vergleichen arbeitet, kommen meistens ziemlich gedrechselte Binsenweisheiten heraus. Doch trotzdem lohnt es, darüber nachzudenken, was uns diese Europa-Meisterschaft und vor allem das Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft, über den Zustand unseres Landes sagen kann. Denn kaum ein Sport sagt uns so viel über die Seelenlage der Nation wie der Fußball.

Zunächst die harte und unbequeme Wahrheit: Die Selbstsuggestion der Deutschen ist deutlich besser als die tatsächliche Lage und Leistungsfähigkeit. Zugegeben - der deutsche Fußball und Deutschlands Wirtschaft und Politik kamen ab 2005 aus einem tiefen Tal der Tränen. Reformstau, Behäbigkeit und Sattheit waren die Stichworte. Doch viele Jahre wollte niemand den Ernst der Lage tatsächlich wahr haben. Die Mentalität der vergangenen erfolgreichen Fußball-Jahrzehnte dominierte das kollektive Bewusstsein.

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Und das ging so: Egal wie schlecht die Deutschen bei EM und WM spielten, in den meisten aller Fälle reichte es doch zumindest für den Einzug ins Finale. Die Welt bestärkte uns in dieser Sichtweise. Fußball ist, wenn alle gegen das deutsche Tor anrennen – und Deutschland gewinnt, so hieß in den internationalen Sportkommentaren.

Und so war auch unser Bewusstsein mit Blick auf die Qualität unseres Wirtschaftsstandorts: Letztlich spielten die Kanzler Helmut Kohl (in seinen letzten Amtsjahren) und Gerhard Schröder (in seinen ersten Amtjahren) politischen Rumpel-Fußball. Nicht schön - und sich ausruhend auf den angeblichen deutschen Stärken, die angeblich immer galten. Doch wie im Fußball so passierte auch politisch-wirtschaftlich etwas Ungehöriges: Wir haben nicht gemerkt, dass andere Länder eine Schippe draufgelegt haben und einfach einige Trainings-Einheiten zugelegt hatten. Sie waren hungriger, engagierter und haben gekämpft bis zum Umfallen.

Macht nichts, dachte man in der deutschen Regierung und beim Deutschen Fußballbund, am Ende werden wir trotzdem vorne liegen. Dem war aber nicht so. Deutschland stieg ab, wirtschaftlich und fußballerisch. Das Land und die Nationalmannschaft fuhren gegen die Wand. Wachsende Arbeitslosigkeit, Ausscheiden in der Vorrunde bei der EM in Portugal.

Dann kamen in Politik und Sport einige Führungspersönlichkeiten: In Berlin entdeckten der sich neu erfindende Gerhard Schröder sowie Friedrich Merz und Angela Merkel als Dreier-Team wie Jürgen Klinsmann, Oliver Bierhoff und Jogi Löw den Reiz der Reform. Man baute ziemlich viel um, fand eine motivierende Rhetorik, versuchte komplett neue Wege zu gehen.

Ballack, Lehmann und Lahm sind Ausnahmen

Doch das war alles nur der Überbau. Denn Mittel und Wege sowie Personal kamen aus einem deutschen Milieu, das für sich wiederum die neuen Wege als befremdlich empfand. Es gab und gibt einige Persönlichkeiten, die mitreißen – so wie es einige Unternehmen gibt, die immer noch Weltspitze sind. Doch der Funke will einfach nicht überspringen – in die Breiten- und Tiefenschichten unseres Landes.

Anders als noch in den 50er, 60er, 70er Jahren – wo die breite Masse der Deutschen und ihrer Unternehmen Führungsanspruch hatten –  sind es heute nur noch einzelne Ausnahmen, die vorne mitspielen. Nicht umsonst spricht man von sogenannten „hidden champions“. Deutsche Leistung zeigt sich nicht mehr in der Breite der internationalen Öffentlichkeit, sondern im Verborgenen.

Die deutschen Firmen, die in der Globalisierung noch mitschwimmen, sind Unternehmen, deren Namen auf Gründungen vor 50 oder 100 Jahren zurückgehen: Daimler, Siemens, BMW oder VW. Nur eine Neugründung hat sich zu einem der international großen Unternehmen entwickeln können: die Software-Schmiede SAP. In den USA gibt es hingegen dominierende Neugründungen mit Apple, Microsoft, Cisco und auch Starbucks.

Deutschland und seine Wirtschaft leben längst von der Substanz. Die Deutsche Bank – einst auf den Spitzenplätzen der wirtschaftlichen Champions-League - ist froh, wenn sie eine Position im Mittelfeld halten kann. Genauso wie der deutsche Fußball. Bundesliga-Mannschaften spielen in der Champions-League keine führende Rolle mehr. Die Bayern wurden von russischen Klub Zenit St. Petersburg aus dem Uefa-Pokal-Wettbewerb geschmissen.

Keine Frage, wir haben noch einige Weltklasse-Spieler, die bei dieser EM gekämpft haben: Doch sind Ballack, Lehmann, Lahm und vielleicht Podolski Ausnahmen. Die Bundesliga lebt eben auch von ihrer Substanz und in der Masse von Spielern, die, anders als früher ein Schnellinger, Beckenbauer oder Netzer, international kaum noch umworben werden. Das gilt übrigens auch für die Trainer. Legenden wie Lattek, Cramer, Weisweiler waren auch anderswo gefragt. Heute warten ihre Nachfahren vergeblich auf Anrufe von Real Madrid oder Chelsea.

Gerade weil wir aber von unserer immer noch guten Substanz leben, sind positive Ausreißer nach oben möglich. Wir unterliegen dann der Versuchung der Selbstsuggestion – "ist doch alles nicht so schlimm“. Ein Abstieg aber vollzieht sich nicht linear - und an guten Tagen (wie gegen Portugal) kann ein deutsches Team immer noch Großes vollbringen. Aber eben nicht mehr in der Kontinuität, die einst die Stärke der Mannschaft und des Landes ausgezeichnet hat.

Fazit: Der Fußball zeigt uns, dass die Stimmung besser ist als die tatsächliche Lage. Er zeigt uns aber auch (siehe die Reform-Agenda Klinsmann), dass man etwas bewegen kann. Und dies zeigen uns immer auch noch einzelne deutsche Unternehmen, die ihre Märkte dominieren und sich vom allgemeinen Trend des Landes abgekoppelt zu haben scheinen.

Doch diesen Erfolg in der Breite und die Rückkehr zur eigenen Stärke kann es nur dann geben, wenn man etwas kämpferisch erreichen will und wenn dieses Land und seine Menschen wieder hungrig auf Erfolg und Leistung werden. Dazu brauchen wir den Konsens zwischen Spielern und Trainern – und den zwischen Bürgern und Regierenden.

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