Andrea Nahles: Von einer Politikerin zur machtbewussten Ministerin

ThemaParteien

Andrea Nahles: Von einer Politikerin zur machtbewussten Ministerin

Bild vergrößern

Früher erweiterte man seinen Horizont in Italien. Heute reisen Politikern wie Andrea Nahles ins Silicon Valley, sie wollen Zukunft sehen. Und keine Vergangenheit.

von Max Haerder

Andrea Nahles ist in den vergangenen Jahren zu einer machtbewussten Ministerin gereift. Das war nicht zu erwarten. Nun möchte sie nicht länger Wirtschaftsfeindin sein. Unterwegs mit einer Frau, die viel vorhat.

Als Andrea Nahles der Zukunft entsteigt, hat sie ein Strahlen im Gesicht. „Super“, sagt sie. „Ich bin begeistert. Werd ich mir besorgen.“ Dann lässt die Arbeitsministerin die Tür des Audi-Coupés ins Schloss fallen, was beim Einrasten dieses schöne, satte Wohlstandsgeräusch hinterlässt. Sehr vertraut klingt das, und doch ist hier nichts vertraut. Der Audi hat den hohen Besuch aus Deutschland nämlich gerade eine halbe Stunde lang über einen kalifornischen Highway chauffiert, ohne dass es des anwesenden Fahrers bedurft hätte. Das selbstfahrende Auto ist eines der großen Sehnsuchtsprojekte hier im Silicon Valley. Nahles sieht denn auch sehr glücklich aus. Vielleicht wird also alles gut.

Die Sozialdemokratin gilt eigentlich als begeisterte Selbstfahrerin. Sie ist Ex-Golf-GTI-Besitzerin, die Nürburgring-Schleifen in ihrer Eifeler Heimat kennt sie ziemlich gut, und wenn sie Lamborghini meint, sagt sie „Lambo“. Doch was sie hier, während ihrer Reise in Silicon Valley, begeistert, ist die Tatsache, dass es deutsche Entwickler sind, die die Sache mit dem autonomen Fahren auch beherrschen. Eben nicht nur Google oder Apple, sondern Good Ol’ Germany.

Anzeige

Zur Person

  • Andrea Nahles

    Andrea Nahles, 45, geboren in Mendig (Rheinland-Pfalz), ist deutsche Arbeits- und Sozialministerin. Davor war die studierte Germanistin und Politikwissenschaftlerin von 2009 bis 2013 SPD-Generalsekretärin.

Wenn Sozialdemokraten das Ressort für Arbeit und Soziales übernehmen, dann geht es meist darum, Missstände zu reparieren. Andrea Nahles hat genau das getan, als sie 2013 anfing. Allerdings mit der besonders leidenschaftlichen Eile einer, die endlich dort angekommen war, wo sie wirklich hin wollte. Der Mindestlohn war ihr Herzensprojekt, das Rentenpaket Pflicht. Und dann hat sie für die großen Gewerkschaften und Arbeitgeber auch die Tarifeinheit durchgedrückt. Nahles hat regiert, als hätte ihre Legislaturperiode nicht vier Jahre, sondern nur zwei. So als fürchte sie, dass die Zeit nicht ausreichen würde für all das, was sie vorhat. Das war Phase eins.

Phase zwei zündet so richtig in jener Woche Ende August in Kalifornien, in der Nahles die Zukunft besuchen will. Aber ihren Anfang nimmt sie viel früher, bei einem Abendessen. Kurz nach der Wahl trifft sich Nahles mit dem IG-Metall-Vize Jörg Hoffmann. Weil wenig Zeit ist, holen sich die beiden einfach ein Gericht aus der Ministeriumskantine und essen in Nahles’ Büro. Als sie fertig sind, steht die Erkenntnis, dass Nahles nicht nur 8,50 Euro Mindestlohn für alle angehen muss, sondern auch die digitale Umwälzung der Arbeitswelt.

An diesem Abend keimt die Idee des Projekts Arbeit 4.0, mit dem die Arbeitsministerin die Deutungs- und die Gestaltungshoheit über die digitalen Umbrüche der Arbeitswelt erringen will. Ein Grünbuch mit Fragen und Aufgaben gibt es seit einigen Monaten, bis 2016 will Nahles konkrete Vorschläge machen. Die Reise nach Kalifornien, ins Silicon Valley, soll ihr dabei helfen, „Witterung aufzunehmen“, wie sie sagt.

Serie Wirtschaftswelten 2025 Wie wir in Zukunft arbeiten werden

Intelligente Maschinen erledigen unsere Jobs: Wir müssen weniger körperlich schuften und werden flexibler arbeiten. Die digitale Revolution verändert zahlreiche Berufe. Wer gewinnt - wer verliert?

Maschinelle Produktion bei BMW Quelle: Bloomberg

Nahles geht die Sache bislang als Optimistin an. Sie kennt natürlich die einschlägigen Pamphlete, etwa das Buch „The Second Machine Age“ zweier MIT-Forscher, das die epochale, revolutionäre Kraft der Algorithmen und Roboter beschwört. Oder eine Oxford-Studie, nach der nahezu jeder zweite Job bald von einem Computer erledigt wird. Aber die Sozialdemokratin – und das ist bemerkenswert, weil Genossen für drohenden Abstieg ein feines Sensorium haben – geht nicht mit. Sie ahnt zwar, dass Jobs und damit Menschen auf der Strecke bleiben werden; dass Arbeitnehmer und Gewerkschaften zu kämpfen haben, wenn Jobs online und flexibel, automatisiert und individualisiert werden. Aber: Sie betont die Chancen. Denn es ist auch eine für sie selbst. Arbeit 4.0 ist ein Werk, das das Nahles-Bild von der Wirtschaftsfeindin und linken Sozialstaatsfetischistin verändern könnte. Nahles muss dieses Potenzial nur richtig nutzen.

Die Vergangenheit

Man kann, dem Internet sei Dank, noch immer einer frischgebackenen Juso-Chefin bei ihrer Arbeit im Jahr 1995 zuschauen. Es handelt sich um einen Beitrag der TV-Sendung „Zak“ über den Mannheimer SPD-Parteitag, bei dem Oskar Lafontaine Rudolf Scharping vom Parteithron fegte. Mittendrin: eine 25-jährige Andrea Nahles, mit rotem Strickpullover, roter Lockenmähne und losem Mundwerk, die erst Scharping stützt, um dann mit wehenden Fahnen und Juso-Stimmen Oskar Lafontaine dessen Umsturz ein klein wenig mit zu ermöglichen.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%