Antisemitismus: Wie die bürgerliche Mitte den Begriff missbraucht

Antisemitismus: Wie die bürgerliche Mitte den Begriff missbraucht

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"Nie wieder!" Vor einem Jahr demonstrierten in Berlin Tausende zusammen mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland gegen Antisemitismus.

Bringen Flüchtlinge neuen Antisemitismus nach Deutschland? Möglich. Aber in Deutschland gibt es so oder so genug judenfeindliche Stimmung. Die bürgerliche Mitte gebraucht den Begriff Antisemitismus, wie es ihr passt.

Die deutschen Bürger haben eine neue Sorge: Sie fürchten, dass die ankommenden – muslimischen! – Flüchtlinge neben ihrem Gepäck, ihrer Angst um ihre Familien und die Zukunft, auch Antisemitismus in unser Land mitbringen können. Diese Sorge ist wohlfeile Heuchlerei.

Antisemitismus wird dabei als Begriff missbraucht; zu vielen in diesem Land dient er als Ultima Ratio dessen, was – zumindest in der Öffentlichkeit – nicht zu tolerieren ist.

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Katzenautor Akif Pirincci darf so monatelang auf widerlichste Weise gegen Frauen, Schwule, Lesben, Transgeschlechtliche und Muslime hetzen. Doch erst als er zwei Buchstaben, „KZ“, in den Mund nimmt, reagiert das deutsche öffentliche Gewissen ausreichend. Aber viel zu spät. Wie so oft, wenn es um judenfeindliche Stimmung in Deutschland geht.

Man könnte nun vorbringen, es wäre doch gut, dass hierzulande wenigstens noch auf Antisemitismus oder eine drohende Wiederholung der Shoah reagiert würde. Dass die nachkommenden Generationen gut aus der Vergangenheit gelernt hätten, dass sie so sensibel geworden wären.

Doch nach wie vor entscheidet die Mitte, was antisemitisch sei und was nicht – nicht etwa die davon Betroffenen.

Levi Israel Ufferfilge, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Hebräisch-Dozent an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er hält Vorträge und schreibt über die jüdische Kultur und Geschichte.

Levi Israel Ufferfilge, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Hebräisch-Dozent an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er hält Vorträge und schreibt über die jüdische Kultur und Geschichte.

Ja, richtig, die gesamte Gesellschaft ist vom Antisemitismus betroffen, weil er die Menschlichkeit aller erodiert und stets weitere Feindbilder und Verschwörungstheorien schafft. Wenn ich mit meiner Kippa auf dem Kopf unterwegs bin und deshalb jemand leere Glasflaschen nach mir wirft, bin ich betroffen. Ich werde unmittelbar vom Antisemitismus in diesem Land bedroht.

Es ist scheußlich, dass Jüdinnen und Juden in diesem Land immer wieder darum kämpfen müssen, dass die Mehrheitsgesellschaft das, was uns an Judenfeindschaft trifft, auch wirklich als Antisemitismus begreift und anerkennt. Denn es ist ja schließlich das Schlimmste, was sich der besorgte deutsche Bürger denken kann - also dürfe das Wort allein dann benutzt werden, wenn es ihm passt.

Eine Richterin darf in einem eindeutig antisemitischen Fall vor ein paar Monaten irrig behaupten, Antisemitismus bestünde ausschließlich dann, wenn er einen Bezug zur Shoah hätte.

Und als ich selbst im vorletzten Jahr monatelang eine Stalkerin hatte, die mich nur verfolgte, belästige und antisemitisch verunglimpfte, weil sie mich anhand meiner Kippa als Jude erkannte, wollten Polizei und Gericht zu lange nichts von Antisemitismus hören. Man solle dieses böse Wort ja nicht zu schnell in den Mund nehmen!

Stephans Spitzen Den neuen Antisemitismus bekämpfen!

Toleranz heißt Festhalten am Eigenen, ohne das Fremde zu schmähen. Toleranz für Antisemiten darf es aber nicht geben. Der neue Judenhass in Deutschland verpflichtet uns, die Werte des Westens zu verteidigen.

"Steh auf! Nie wieder Judenhass!" Vor einem Jahr demonstrierten in Berlin Tausende zusammen mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland, der Bundeskanzlerin und dem Bundespräsidenten gegen Antisemitismus. Quelle: dpa

Man darf gewiss nicht leichtfertig mit dem Begriff umgehen. Man darf ihn auch keinesfalls missbrauchen.

Doch er wird eben genau dann missbraucht, wenn er als Begriff nur deshalb abgelehnt wird, weil er sich auf die Mitte der Gesellschaft, auf tragenden Institutionen oder auf Intellektuellen (Katzenautoren sind nicht gemeint) bezieht. Wenn dort Antisemitismus auftritt, relativiert „man“ (die Mehrheit, die Mitte) Antisemitismus einhellig oder negiert ihn sogar.

Wenn allerdings die gefürchteten – weil muslimischen – Flüchtlinge ins Land kommen, lastet man ihnen schon jetzt künftigen Antisemitismus an. Man klopft einander auf die Schulter, dass man den Antisemitismus erkannt habe, bevor er sich das erste Mal bei einem Flüchtling offenbart hat.

Dabei muss Judenhass gar nicht mehr importiert werden. Wir haben ein Überangebot, das sich aus der belasteten deutschen Geschichte speist und immer neu speisen wird.

Weitere Links Stephans Spitzen

Bringen die Flüchtlinge also gar keinen Antisemitismus mit? In den Köpfen von einigen von ihnen wird sicherlich genau das sein. Denn Antisemitismus kommt sowohl im Islam als auch im Christentum, sowohl im Nahen Osten als auch in Europa  vor und in beiden Fällen schon seit Jahrhunderten. Er kennt keine Landesgrenzen. Er war auch in Deutschland nie weg.

Antisemitismus ist Konjunkturen unterworfen und er braucht nicht die Flüchtlinge, um wieder zu wachsen. Er mag sich zwar besonders an den gesellschaftlichen Rändern zeigen, doch er wächst aus der Mitte heraus, getragen von Hass und Abscheu, die sich als bürgerliche Besorgnis tarnen.

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