Appell zum IT-Gipfel: Gabriel-Berater fordern Schulfach „Digitalkunde“

Appell zum IT-Gipfel: Gabriel-Berater fordern Schulfach „Digitalkunde“

, aktualisiert 15. November 2016, 12:47 Uhr
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Pädagogen und Wissenschaftler warnen davor, den Einsatz von Tablets oder Smartphones im Unterricht zur Pflicht zu machen.

von Dietmar NeuererQuelle:Handelsblatt Online

Beim Thema „Digitale Bildung“ in Deutschland sehen Berater von Wirtschaftsminister Gabriel einen „massiven Aufholbedarf“. Ihr Vorschlag für ein spezielles Schulfach für Grundschüler stößt bei Lehrern aber auf Ablehnung.

BerlinDer Deutsche Lehrerverband lehnt die Forderung des Beirats Junge Digitale Wirtschaft (BJDW) beim Bundeswirtschaftsministerium nach der Etablierung eines verpflichtenden Schulfaches Digitalkunde an Grundschulen ab. „Ich bin für etwas mehr Realitätssinn und etwas weniger Euphorie in dieser Sache“, sagte Verbandspräsident Josef Kraus dem Handelsblatt. „Die Erziehung junger Menschen zu medienmündigen Bürgern ist natürlich eine neue Aufgabe für die Schule. Es ist auch sinnvoll, dass in den weiterführenden Schulen das Pflicht- oder zumindest das Wahlpflichtfach Informatik eingeführt wird.“

Der Beirat Junge Digitale Wirtschaft (BJDW) hatte anlässlich des am 16. und 17. November unter dem Motto „Lernen und Handeln in der digitalen Welt“ in Saarbrücken stattfindenden Nationalen IT-Gipfels Alarm geschlagen. „Wir müssen unseren Nachwuchs besser auf die Herausforderungen des digitalen Zeitalters vorbereiten und deswegen digitale Kompetenzen zu einem elementaren Bestandteil der Schulausbildung machen“, sagte der Beirats-Vorsitzende Tobias Kollmann. Das Ende der Kreidezeit ist längst erreicht.“ Beim Thema „Digitale Bildung“ in Deutschland sieht das Berater-Gremium einen „massiven Aufholbedarf“. „Kinder, die heute zur Schule gehen, werden nach ihrem Abschluss von einer Arbeits- und Lebenswelt umgeben sein, die in einem hohen Maß von Computern gezeichnet ist, sowohl im privaten Umfeld als auch dem öffentlichen Bereich, zum Beispiel politische Bildung, Nachrichten, Vernetzung und Teilhabe“, heißt es in einer Pressemitteilung des BJDW. Die Schule bereite jedoch mit den derzeitigen Lehrplänen nur „ungenügend“ auf diese Realität vor, bisherige Informatik- und Medienpädagogische Elemente seien „nicht ausreichend“.

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Dieser Mangel setze sich an den Hochschulen fort, wo die Themen Digitale Wirtschaft, Digitale Transformation und digitales Unternehmertum ebenfalls kaum verankert seien und deswegen viel zu wenig IT-Fachkräfte, E-Business-Manager und Gründer von digitalen Start-ups ausgebildet werden. „Der resultierende Mangel an Digitalen Köpfen wird somit gerade für die Wirtschaft zu einem zentralen Problem für die Zukunft“, warnen die Berater. Sie fordern daher von der Bundesregierung die Planung und Etablierung eines verpflichtenden Schulfaches „Digitalkunde“, „Informatik“ beziehungsweise „Computing“ als grundsätzliche Einführung in die digitale Welt an der Grundschule. Denn jeder Mensch werde mit dem Thema „Digitalisierung“ in Berührung kommen und brauche daher eine entsprechende Grundkompetenz.

Der Lehrerverbands-Präsident Kraus machte indes deutlich, dass er keineswegs die Digitalisierung bereits in der Grundschule wolle. Vielmehr plädiert er dafür, insbesondere den berufsbildenden Schulen eine „optimale Hard- und Software-Ausstattung“ zur Verfügung zu stellen. Ansonsten sei Bildung zum mündigen Umgang mit den digitalen Möglichkeiten eine „Querschnittsaufgabe, die alle Schulfächer, freilich in unterschiedlicher Weise, zu erfüllen haben“, betonte Kraus.


Kritik an Milliarden-Digitalpakt von Bildungsministerin Wanka

Digitalisierter Unterricht werde den herkömmlichen Unterricht aber nicht ersetzen können, sondern allenfalls ergänzen. „Es gibt auch keine Studie weltweit, die eine Überlegenheit digitalisierten Unterrichts gegenüber dem herkömmlichen Unterricht bestätigen würde“, betonte der Lehrerverbands-Präsident. Bei aller Euphorie in Sachen Digitalisierung dürfe man daher auch nicht übersehen, „dass ein solcher Unterricht den zwischenmenschlichen Diskurs, den jeder Unterricht braucht, einschränkt und dass Schüler damit dazu verführt werden können, nur noch Informationshäppchen zu recherchieren und zur Kenntnis zu nehmen“.

Dass es vor allem die großen IT-Firmen und deren Stiftungen seien, die eine Digitalisierung von der Schule forderten, sollte man aus Sicht von Kraus auch „kritisch reflektieren“. Der Lehrerverbands-Präsident steht nicht alleine mit seiner Kritik.

Zusammen mit vielen anderen Pädagogen und Wissenschaftlern hat er eine Petition gegen den von Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) angekündigten IT-Digitalpakt für Schulen unterschrieben. Unter dem Titel „Trojaner aus Berlin: Digitalpakt#D“ äußern die Unterzeichner Zweifel an der Wirksamkeit der vorgeschlagenen Maßnahmen.
So betonen sie etwa, dass Schulen und Hochschulen Bildungseinrichtungen in humanistischer und demokratischer Tradition seien, die man vom Menschen her denken müsse und „nicht von technischen Systemen und deren Entwicklungszyklen“. Nötig seien daher mehr Lehrkräfte Mentoren, Tutoren, aber nicht Hardware.

Nach den Plänen von Bildungsministerin Wanka sollen alle Schulen in Deutschland mit einem Fünf-Milliarden-Programm für digitale Bildung fit gemacht werden. Der „Digitalpakt“ sieht vor, „Grundschulen, weiterführende allgemeinbildende Schulen und Berufsschulen mit digitaler Ausstattung wie Breitbandanbindung, W-LAN und Geräten zu versorgen“, erklärte die CDU-Politikerin kürzlich. Die für Schulpolitik zuständigen Länder sollten sich verpflichten, pädagogische Konzepte, die Aus- und Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern sowie gemeinsame technische Standards umzusetzen.

Die Unterzeichner der Petition verwahren sich indes gegen zu viel Einflussnahme auf den pädagogischen Alltag. „Weder Lehrkräfte noch Schülerinnen oder Schüler dürfen verpflichtet werden, Geräte der Medien- bzw. Unterhaltungselektronik wie Tablets, Smartphones und ähnliches im Unterricht einzusetzen“, heißt es in einem Forderungskatalog der Experten. „Jedes Kind muss ohne Nutzung elektronischer Geräte am Unterricht teilnehmen und Hausaufgaben machen können, ohne benachteiligt zu werden.“


Viertel der Deutschen hat kaum oder sehr wenige Digitalkompetenzen

Der Beirat Junge Digitale Wirtschaft (BJDW) sieht hingegen noch in einem weiteren Bereich Handlungsbedarf – bei der universitären Ausbildung. Von der Bundesregierung fordern die Berater „eine zeitnahe Initiative zur Schaffung von Lehrgängen und Lehrstühlen speziell für das Themenfeld „E-Entrepreneurship“ an Hochschulen mit BWL und Informatik bzw. Wirtschaftsinformatik“. Ziel sei die Förderung einer speziellen Gründerausbildung. Dahinter steht die Vorstellung, studentische Ausgründungen zu intensivieren, um mehr Startups im Bereich der digitalen Wirtschaft in und für Deutschland den Weg zu ebnen.

Den digitalen Handlungsbedarf belegt auch eine Studie der Initiative D21 und Kantar TNS im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums, die heute veröffentlicht wurde. Laut dem D21-Digital-Index 2016 halten in diesem Jahr zwar 43 Prozent und damit 30 Millionen Menschen mit der digitalen Entwicklung Schritt und eignen sich die Kompetenzen an, die sie benötigen. Knapp ein Drittel (21 Millionen Menschen) gehören sogar zu den Digital-Vorreitern, die alle Trends verfolgen und ihrer Zeit voraus sind. Allerdings haben der Untersuchung zufolge 18 Millionen Menschen (26 Prozent der Bevölkerung) kaum oder sehr wenige Digitalkompetenzen.

Staatssekretär Matthias Machnig mahnte daher, noch mehr zu tun, um die „digitale Spaltung“ zu überwinden. „Wir müssen auch diejenigen erreichen, die digital im Abseits stehen oder gerade noch so mit der Entwicklung Schritt halten“, sagte der SPD-Politiker. Schon in der Schule müsse daher für die bessere Vermittlung von Digitalkompetenzen gesorgt werden.

Das wünschen sich auch Schüler, Eltern und Lehrkräfte, wie eine eignes zum IT-Gipfel erstellte Sonderstudie zu Digitalkompetenzen und der digitalen Infrastruktur in den Schulen ergab. Die Befragten halten demnach mehrheitlich die umfassende Einbindung digitaler Medien in den Unterricht für notwendig. Gleichzeitig wird jedoch beklagt, dass eine entsprechende Umsetzung „durch fehlende strukturelle Verankerung und damit einhergehende mangelnde IT-Infrastruktur und Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte verhindert“ werde.

Quelle:  Handelsblatt Online
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