Arbeitgebertag: Reformieren? Wir haben doch Wichtigeres zu tun!

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Arbeitgebertag: Reformieren? Wir haben doch Wichtigeres zu tun!

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Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Deutschen Arbeitgebertag 2015.

von Max Haerder

Die Wirtschaft klagt über die große Koalition. Und die Regierung? Redet lieber über Flüchtlinge. Szenen Berliner Beziehungsprobleme auf dem Arbeitgebertag.

Den Unterschied zwischen wichtig und sehr wichtig erlebt Eric Schweitzer um kurz nach vier am eigenen Leib. Der DIHK-Präsident beantwortet gerade eine Frage zur Stimmung in der deutschen Wirtschaft als er plötzlich von höherer Gewalt unterbrochen wird. Die Bundeskanzlerin betritt den Saal des Tagungsortes, dem Berliner Hotel Estrel, und sofort brandet Applaus auf. Einige Anwesende erheben sich. Was Schweitzer gerade zur Lage des Landes sagen wollte - plötzlich nicht mehr ganz so wichtig.

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Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer Flüchtlinge sind eine Chance für Unternehmen

Die Wirtschaft ist bereit, Flüchtlinge in großer Zahl zu beschäftigen – doch sie müssten zu Deutschkursen verpflichtet werden, fordert Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer. Bei Mindestlohn sollen bestimmte Ausnahmen greifen.

„Jedes vierte Unternehmen sucht mittlerweile händeringend Fachkräfte.“ Quelle: dpa

Ein paar Minuten muss Angela Merkel dann noch in der ersten Reihe warten und der Diskussion auf dem Podium lauschen. Diese Zeit nutzt der Gastgeber, Arbeitgeber-Präsident Ingo Kramer,  um sein Ceterum Censeo des Tages im Beisein der Regierungschefin noch einmal sehr zielgenau zu platzieren: Gefährdet unsere Wettbewerbsfähigkeit nicht! Und, ganz konkret: der jüngste Gesetzesentwurf aus dem Hause von Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) zur Regulierung von Zeitarbeit und Werkverträgen bedeute so ziemlich das Gegenteil. Herausforderungen wie die Flüchtlingskrise seien doch nur mit einer starken Wirtschaft zu schaffen, sagt Kramer, nicht mit einer schwachen. „Das aber“, schließt er, „setzt voraus, dass man uns keine Knüppel zwischen die Beine wirft.“

Die Antwort? Tja. Die Rede Merkels direkt danach ist ein symptomatischer Beleg für das Verhältnis von Regierung und Wirtschaft. Oder, genauer: für das Nichtverhältnis. Den Kernanliegen der Arbeitgeber – Merkel nennt sie mit ganz zart anklingender Süffisanz „Ihre Leib-und-Magen-Themen“ – widmet sich die Kanzlerin in demonstrativer Kürze: ein paar Minuten ihrer rund halbstündigen Ansprache sind dafür reserviert, mehr nicht. Zu sagen, sie nähme die Sorgen und Kritik intensiv zur Kenntnis, das wäre eher schon eine freundliche Übertreibung.

Was sich die Deutschen von ihrem Arbeitgeber wünschen - und was sie bekommen

  • Flexible Arbeitszeiten

    53 Prozent der Deutschen hätten gerne flexible Arbeitszeiten. Doch nur 46 Prozent bekommen sie auch.

     

    Quelle: Umfrage "Traumarbeitgeber" des Direktversicherers Hannoversche

  • Work-Life-Balance

    Für 44 Prozent wäre eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben wichtig. Nur 31 Prozent können sich tatsächlich darüber freuen.

  • Gehalt

    Der Traumarbeitgeber zahlt für 41 Prozent mehr als branchenüblich. Tatsächlich so viel wie erträumt bekommen jedoch nur 16 Prozent.

  • Zuschüsse zur betrieblichen Altersvorsorge

    27 Prozent sagen, dass ihr Traumarbeitgeber ihre betriebliche Altersvorsorge bezuschussen sollte. In den Genuss der Förderung kommen tatsächlich sogar 30 Prozent.

  • Urlaub

    22 Prozent wünschen sich mehr Urlaub als normalerweise in der Branche üblich. Doch nur bei zehn Prozent wird dieser Traum auch wahr.

  • Verpflegung

    Für 13 Prozent sind kostenloses Essen und Getränke, wie z.B. Obst oder Mineralwasser wichtig. 20 Prozent bekommen Gratis-Essen und Getränke.

  • Kantine

    11 Prozent wünschen sich in ihrer Kantine auch gesundes Essen, statt immer nur Schnitzel und Currywurst. 18 Prozent können tatsächlich auch mal zum Salat greifen.

  • Jobtickets

    Fahrtkostenzuschüsse, z. B. für öffentliche Verkehrsmittel wünschen sich elf Prozent. Tatsächlich zur Verfügung stehen sie jedoch für 15 Prozent der Arbeitnehmer.

  • Büroatmosphäre

    Acht Prozent legen Wert auf eine individuelle Arbeitsplatzgestaltung, z. B. angepasste Möbel und Pflanzen. Angeboten wird es für 14 Prozent.

  • Fitness

    Keine Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit gibt es bei Zuschüssen zur Gesundheitsvorsorge, wie z. B. einem Zuschuss für den Beitrag im Fitnessclub. Sieben Prozent wünschen es sich, sieben Prozent bekommen es.

  • Feelgood-Manager

    Einen Beauftragten, der sich um die Verbesserung des Betriebsklimas kümmert (Feel-Good-Manager) wünschen sich sechs Prozent der Deutschen. Tatsächlich haben ihn jedoch nur drei Prozent der Befragten.

  • Personalrabatt

    Firmenvergünstigungen bei Veranstaltungen und beim Einkaufen wünschen sich nur vier Prozent, wobei zwölf Prozent solche Rabatte in Anspruch nehmen können.

  • Betriebssport

    Fußball, Rückenschule, Yoga: Nur drei Prozent legen Wert auf Betriebssport-Angebote. Dagegen können 13 Prozent solche Angebote nutzen.

  • Wellness

    Drei Prozent würden sich gerne am Arbeitsplatz massieren lassen, vier Prozent können sich tatsächlich einen Masseur an den Schreibtisch bestellen.

  • Meditation

    Außerdem können drei Prozent der Befragten am Arbeitsplatz kostenlose Angebote für Achtsamkeits- und Mediationstrainings wahrnehmen. Allerdings legen nur zwei Prozent tatsächlich Wert auf ein solches Angebot.

Immerhin, aus Sicht der Anwesenden: Zum Thema Werkverträge sagt Merkel doch sehr deutlich, dass Nahles in ihrem Entwurf deutlich über den Koalitionsvertrag hinausgegangen sei. „Hier verstehe ich mich als Wächterin des Koalitionsvertrages.“ Will heißen: das drehen wir wieder zurück. Ein solcher Satz reicht an diesem Nachmittag schon, um üppigen Beifall zu bekommen.

Viel länger und leidenschaftlicher redet Merkel allerdings über den Terror und die Flüchtlingskrise. Die Türkei und Syrien, Schengen und Dublin, all das beschäftigt sie sichtbar mehr als Reformen im eigenen Land. Man bekommt den Eindruck, die Kanzlerin redet absichtlich kundiger über die Schiffbarkeit des Niger und den Pegel des Tschadsees – Stichwort: Fluchtursachen – als über Verleihdauern von Zeitarbeitern und die Kriterien guter Werkverträge.

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Merkel verteilt außerdem Lob für den Krisenmanager im Bundesamt für Migration, Frank-Jürgen Weise, und tadelt – sehr indirekt, aber unüberhörbar – Horst Seehofer: Die Flüchtlingsströme könne man nur an den europäischen Außengrenzen regulieren, aber nicht an der deutsch-österreichischen Grenze.

Selbst der Wirtschaftsminister und Vizekanzler, Sigmar Gabriel (SPD), widmet ein paar Stunden vorher seine Rede ganz den Flüchtlingen und der europäischen Antwort. Die Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik lässt er bei seinem Auftritt ebenfalls links liegen. Als hätten sich die Kanzlerin und ihr Stellvertreter vorher abgesprochen, Reformanliegen einfach  zu ignorieren. Die Stimmung, um auf Eric Schweitzer zurückzukommen, war schon deutlich besser.

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