Arbeitsmarkt: Das Geschäft mit der Arbeitslosigkeit - Seite 4

Arbeitsmarkt: Das Geschäft mit der Arbeitslosigkeit

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Verstecktes Heer Quelle: WirtschaftsWoche, BA, eigene Berechnungen
Verstecktes Heer Quelle: WirtschaftsWoche, BA, eigene Berechnungen

Gerwerts Schützlinge pflegen heute den Rasen beim VfL Osnabrück, arbeiten als gelbe Engel beim ADAC oder als Lokomotivführer bei der Nordwestbahn. Bisher konnte Gerwert 63,7 Prozent der Ex-Karmännern einen neuen Job verschaffen. Und der Betriebsrat jubelt, dass sich das Millionengeschäft rentiert habe.

Die Frage ist nur, für wen. Wissenschaftler vermuten, die Arbeitsagentur wäre bei der Vermittlung genauso gut gewesen. Ganz ohne Millionengeschäft. „Im Grunde sind Transfergesellschaften Geldverschwendung“, sagt Ökonom Hilmar Schneider, der den Weiterbildungsmarkt im Jahr 2006 im Auftrag der Bundesregierung untersucht hat. Es gebe keinen Beleg dafür, dass sie den Betroffenen schneller aus der Arbeitslosigkeit helfen könnten als die Arbeitsagentur – das Instrument könne man sich sparen.

Auch das Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB) ist misstrauisch. Die Vermittlungserfolge der Transfergesellschaften seien „oftmals nicht besonders gut“, urteilt Vize-Präsident Reinhold Weiß. Sie seien dann angebracht, wenn größere Entlassungen anstünden. „Allerdings sammeln sich dort meist auch diejenigen Beschäftigten, die ohnehin geringe Vermittlungschancen haben.“

Was kommt nach der Kurzarbeit?

Dennoch würden vor allem die Gewerkschaften die Transfergesellschaften gern ausdehnen. Schon im Herbst starteten ihre Vertreter dazu im Verwaltungsrat der Bundesagentur für Arbeit einen Vorstoß. „Viele Unternehmensleitungen, aber auch Beschäftigte fragen sich, was nach der Kurzarbeit kommt“, sagt zum Beispiel IG-Metall-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban. „Wir sollten zum Beispiel darüber nachdenken, die Dauer des Transfer-Kurzarbeitergeldes auf mindestens 24 Monate zu verlängern.“ Außerdem solle man den Betroffenen die Rückkehr in ihre alten Unternehmen oder eine gesicherte Beschäftigungsperspektive garantieren.

Davon allerdings könnten die Arbeitnehmervertreter auch selbst profitieren. Die ganz großen Anbieter der Branche liegen ohnehin in der Hand von Verbänden und Gewerkschaften. So betreibt das gewerkschaftseigene Berufsfortbildungswerk die Unternehmensberatung Weitblick, die sich auf Transfergesellschaften spezialisiert hat. Und Gründer von Mypegasus, einem der umstrittensten Anbieter der Branche, ist der ehemalige IG-Metall-Justiziar Peter Hunnekuhl.

Aber auch die Arbeitgeber profitieren vom Transfergeschäft. Anteile am Branchenriesen Peag (Jahresumsatz 2008: rund 57 Millionen Euro) halten die Konzerne ThyssenKrupp, Evonik und RWE. Die Verbände der bayerischen Wirtschaft wiederum verdienen an Entlassungen mit ihrem Transfer-Betreiber Train.

Hoffen auf Volkswagen

Am Ende handele es sich beim Geschäft mit den Arbeitslosen um einen „Beziehungsmarkt“, klagt Siegfried Backes, Chef der unabhängigen Personaltransfer GmbH aus Berlin, der ein Qualitätsnetzwerk initiiert hat. Jedes Unternehmen starte in der Regel nur ein einziges Mal ein solches Projekt – wenn es zu Massenentlassungen komme oder wenn in der Insolvenz der Weg für einen neuen Investor frei gemacht werden solle. Anbieter seien daher zwangsläufig auf gute Kontakte zum Unternehmensumfeld angewiesen: zu Insolvenzverwaltern, Wirtschaftsverbänden oder Betriebsräten.

Auf seine Transfergesellschaft setzt Holger Klekamp nicht mehr, er baut jetzt auf Volkswagen. 2011 wollen die Wolfsburger das übernehmen, was von Karmann noch übrig ist. Und jetzt hofft Klekamp wieder auf einen neuen Job.

19 Jahre lang hat der Konstruktionsmechaniker bei Karmann geschafft, in der technischen Entwicklung Cabrio-Prototypen gebaut: für den New Beetle, den Mercedes Vaneo oder den Nissan Micra. Ein Job, sagt Klekamp, für den er jeden Morgen begeistert aufgestanden sei.

Doch mit der Insolvenz kam die Kündigung, die letzten Monate verbrachte Klekamp in der Transfergesellschaft. An der Abendschule hat er sich zum Maschinenbautechniker weitergebildet, jetzt hängt er noch den Schweißtechniker dran, und den Kurs für das neue Konstruktionsprogramm CatiaV5 hat er auch schon hinter sich.

42 Bewerbungen hat Holger Klekamp in dieser Zeit geschrieben.

Eine Zusage war nie dabei.

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12 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 06.02.2010, 15:34 UhrAnonymer Benutzer: Ex Peronaler

    Nachtrag : Habe gerade nochmal recherchiert. besagte bildungsträger ist eine "gemeinnützige GmbH" !

  • 06.02.2010, 15:27 UhrAnonymer Benutzer: Ex Personaler

    Habe das in berlin vor einigen Jahren selbst als Verhandlungspartner mit einem dieser "bildungsträger" erlebt. Da sitzt ein schmieriger Typ als Geschäftsführer im Luxusbüro samt benz vor der Tür mit besten beziehungen in die Arbeitsämter, beschäftig eine einzige Festangestellte (Sekretärin) und dutzende freie Mitarbeiter (sog. "Dozenten") zu 12€/h. Der muß als GmbH gar keinen Gwinn machen, da er als alleiniger inhaber mit einem fürstlichen Gehalt gut auskommt und das Geld in eine Top-Ausstattung steckt. Das wiederum macht ihn zum Vorzeigeunternehmen und sichert über diese Schiene ein erkleckliches Auskommen. Allein das Personal ist zu bemitleiden, das nach absolvierter Lehrer-/EDV-/ingenieurausbildung zu Dumpinglöhnen arbeiten muß. Und die Teilnehmer erst : Null Motivation und teilw. sehr sinnlose beschäftigung. Hauptsache die Teilnehmerzahlen stimmen - es gibt "Kopfgeld". Was immer aus den Arbeitslosen nach dieser Maßnahme wird ist wirklich völlig ohne belang.

  • 06.02.2010, 10:38 UhrAnonymer Benutzer: Hägar Schmidt

    Ein guter Artikel. Die Schulungsbranche muss diese Opportunität wahrnehmen, weil sie da ist (so ist nun mal das Wirtschaftsleben). Das ist den Entscheidern völlig klar (und sie profitieren davon häufig genug direkt oder indirekt). Der Sozialstaat ist keine Einladung zum Mißbrauch - er ist ein befehl dazu. Unternehmen, die nicht die idiotischen Subventionen (einmal direkt bei Verantvortlichen für jeweilige Subventionstöpfe anrufen und sich anhören, was sie sagen -sehr lehrreich) in Anspruch nehmen, sind massiv im Nachteil. Der Staat schafft eine sinnlose Nachfrage, der sinnlose Angebote folgen, die zu sinnlosen Pseudoleistungen führen (z.b. dümmliche Schulungen). Lösung? Staatsquote auf 25% senken. Einfach? Ja. Politisch korrekt? Nein. Fazit?

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