Arbeitsmarkt: Deutsches Jobwunder stößt an seine Grenzen

KommentarArbeitsmarkt: Deutsches Jobwunder stößt an seine Grenzen

von Bert Losse

Der Arbeitsmarkt hält sich weiter wacker - und allein die Deutsche Bahn sucht rund 10.000 Leute. Dennoch: Das deutsche Jobwunder stößt 2012 an seine Grenzen.

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Das deutsche Jobwunder 2011 wird vorerst anhalten. Ein weiterer, temporeicher Abbau von Arbeitslosigkeit ist 2012 jedoch nicht zu erwarten. Grund ist die strukturelle Arbeitslosigkeit.

In der vergangenen Woche präsentierten zwei große Euro-Staaten neue Arbeitsmarktstatistiken, die unterschiedlicher nicht sein könnten: In Spanien ist die Arbeitslosenzahl auf einen neuen Rekordstand von 4,42 Millionen gestiegen; die Erwerbslosenquote liegt mit 21,5 Prozent so hoch wie in keinem anderen EU-Land.

In Deutschland hingegen gab es im Dezember lediglich einen leichten jahreszeitbedingten Anstieg auf moderate 2,78 Millionen; die Quote liegt hier aktuell bei nur 6,6 Prozent. Saisonbereinigt betreute die Bundesagentur für Arbeit (BA) im Dezember sogar 22.000 Arbeitslose weniger.

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Jobwunder hält noch an

Damit setzt sich das deutsche Jobwunder vorerst fort. 2011 ist die Arbeitslosenzahl mit im Schnitt 2,97 Millionen auf den tiefsten Stand seit 20 Jahren gefallen. Und trotz Schuldenkrise und dunkler Wolken am Konjunkturhimmel wollen viele Betriebe auch in diesem Jahr neue Jobs schaffen.

Allein die Deutsche Bahn sucht rund 10.000 Leute, Autobauer wie VW und Porsche stocken ihr Personal ebenfalls auf. Insgesamt wollen 16 Prozent der Unternehmen in Deutschland ihre Mitarbeiterzahl erhöhen und nur zwölf Prozent Personal entlassen, ergab eine Umfrage des ifo Instituts für die WirtschaftsWoche.

Das Problem ist nur: Die Fachkräfte, die jetzt allerorten gesucht werden, gibt es im Arbeitslosenbestand immer seltener. Ein Blick ins Kleingedruckte der BA-Statistik zeigt, dass aktuell 43 Prozent der Arbeitslosen keine abgeschlossene Berufsausbildung haben.

Ein Drittel der Menschen ohne Job ist zudem langzeitarbeitslos, das heißt länger als zwölf Monate ohne Beschäftigung. 400.000 Menschen haben seit der Einführung von Hartz IV im Jahr 2005 nicht einen Tag sozialversicherungspflichtig gearbeitet – und sind damit praktisch unvermittelbar.

Es wäre daher naiv, zu glauben, der Abbau der Arbeitslosigkeit könne im gleichen Tempo wie 2011 weitergehen. Fakt ist: Es gibt in Deutschland eine chronische strukturelle Arbeitslosigkeit. Wovon manche Politiker träumen, nämlich die Zwei-Millionen-Grenze bei der Arbeitslosenzahl zu knacken, ist daher – leider – unrealistisch.

Wachsende Risiken

Es ist vielmehr so gut wie sicher, dass die Arbeitslosenzahl im Januar oder spätestens Februar wieder über die Drei-Millionen-Marke klettert, wenn die typische Winterarbeitslosigkeit einsetzt, etwa auf dem Bau.

Auch die allgemeinen Rahmenbedingungen für den Arbeitsmarkt dürften sich 2012 verschlechtern. Demografiebedingt sinkt das Erwerbspersonenpotenzial um 250.000, und es ist unsicher, inwieweit eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen, Älteren und Zuwanderern dies kompensieren kann.

Die Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie könnte im Frühjahr die Lohnkosten vieler Betriebe nach oben treiben. Und wenn die Euro-Krise weiter eskaliert oder die globale Konjunkturlokomotive China ins Straucheln gerät, dürften viele Unternehmen ihre Personalpläne überdenken. Freuen wir uns also über unser Jobwunder – solange es noch anhält.

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