Arbeitsmarkt: Große Koalition bremst die Jobcenter aus - Seite 2

Arbeitsmarkt: Große Koalition bremst die Jobcenter aus

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Diener zweier Herren (zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken)
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Dabei gibt es in Neukölln eigentlich genug zu tun. Was jeder verstehen wird, der den Kiez näher kennt. Die Arbeitslosenquote liegt bei 20,9 Prozent, der Migrantenanteil bei über 35 Prozent. Jeder Dritte lebt hier von Hartz IV. Neukölln schafft ein sehr spezielles Lebensgefühl. Was einen Jugendlichen hier bewegt, das erklärte der Rapper Bushido jüngst in einem Illustrierten-Interview: „Warum soll der eine Scheiß-Lehre machen für ein paar Euro, wenn er den Scheiß-Job später doch nicht kriegt!“

Aber Tack bekam es irgendwie hin. Gründete ein Neukundencenter, um Arbeitslosen, die nach zwölf Monaten in Hartz IV fallen, den ersten Schock zu nehmen. Schon nach 7,6 Tagen hat jeder seine Leistungsbewilligung in der Hand. Vorgegeben sind eigentlich 14 Tage. Aber gerade jetzt, da immer mehr Kunden ins Amt drängen, da das neue System vor dem Härtetest steht – ausgerechnet jetzt sind viele Mitarbeiter verstört. „Wir brauchen endlich Klarheit“, sagt Tack.

In den meisten Arbeitsgemeinschaften von Kommunen und BA, kurz auch Argen genannt, berichten Geschäftsführer, dass ihre Mitarbeiter demotiviert sind. Mitte März, als die Koalition die Gespräche über die Jobcenter abbrach, konnte man das noch als spontanen Frust werten. „Bei uns gibt es weder nachlassende Leistung noch Chaos“, mahnte BA-Chef Frank-Jürgen Weise seine Mitarbeiter im April in einem internen Rundschreiben.

Mahnbriefe bleiben unbeantwortet

Doch der Trend hält an. Die Jobcenter in Frankfurt am Main oder Hannover, in Kassel oder Soest – sie alle klagen über Dutzende Versetzungswünsche. Im Jobcenter Region Hannover zum Beispiel bitten wöchentlich zwei Kollegen darum, zu ihren alten Dienstherren zurückgeschickt zu werden, weil sie keine Perspektive mehr für sich sehen. Aufs Jahr gerechnet kämen so 100 Abgänge zusammen. Die Mitarbeiter seien zutiefst enttäuscht, schimpft Personalratschef Uwe Lehmensiek. „Es ist doch eine Geringschätzung für unsere Arbeit, dass die Politik sich nicht entscheiden kann.“

Inzwischen haben gleich mehrere Geschäftsführer wütende Mahnbriefe gen Berlin und Nürnberg geschickt. „Die ungeklärte Organisationsform ist ein ernsthaftes Risiko für die Leistungsfähigkeit der Jobcenter“, sagt Matthias Schulze-Böing, Sprecher des Bundesnetzwerkes Arge, in dem sich die Geschäftsführer organisieren. Das Netzwerk hat auch eine Protestnote an die Bundeskanzlerin verfasst. Eine Antwort hat es nie bekommen.

Um die 6,5 Millionen Menschen stecken derzeit im Hartz-IV-System, rund 2,3 Millionen von ihnen gelten in der Statistik als arbeitslos. Sie gehören zu jenen schwer Vermittelbaren, deren Chancen schlecht sind – die aber von den Reformen profitieren konnten. In den vergangenen vier Jahren ist die Zahl der Langzeitarbeitslosen um eine halbe Million gesunken. Hartz IV, jubelte BA-Vorstandsmitglied Heinrich Alt noch in der vergangenen Woche, sei ein voller Erfolg gewesen.

Krisenfetischist beim Jobcenter

Dabei hatte die Reform zwei Kerne: Finanziell bedeutete Hartz IV, dass der Sozialstaat nicht mehr unbegrenzt den Lebensstandard sichern könne. Und so mussten viele Langzeitarbeitslose lernen, mit weniger Geld auszukommen. Organisatorisch allerdings machte die Reform für viele Betroffene das Leben einfacher. Statt ständig vom Sozialamt zur Arbeitsagentur und zurück zu pilgern, wurden sie nun aus einer Hand betreut – in den über 340 Arbeitsgemeinschaften, aber auch in den 69 Optionskommunen, einer Sonderform, in der Städte oder Kreise allein die Vermittlung übernahmen.

Im Jobcenter Neukölln etwa ist es Detlef Stephan, der mitgeholfen hat, aus den Arbeitsmarktgesetzen Alltag zu basteln. Der Diplom-Ingenieur, der zur Arbeit auf dem Motorrad braust, ist eine Art Krisenfetischist. Er hat das Mobilfunknetz für die Telekom aufgebaut, die Lkw-Maut entwickelt – und schließlich Hartz IV eingeführt.

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Es hat gerappelt im Kollegenkreis, wie überall im Lande. Jene Mitarbeiter, die die Kommune entsandt hatte, fanden immer schon, dass die Kollegen von der BA viel zu zentralistisch dächten. Und jene Angestellten der BA, die ein straffes Controlling pflegen, fanden immer schon, dass in manchen Kommunen das Chaos tobe. Wahrscheinlich könnte auch die Vermittlung noch runder laufen. So klagte das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) jüngst, die Betreuung von Problemfällen sei in Deutschland nicht individuell genug.

14 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 09.07.2009, 12:50 UhrS.Ritter

    Wegen der aktullen schlechten Arbeitsmarkssituation sollte man alle ALGii bezieher - über fünfzig, die gesundheitlichen Einschränkungen unterliegen in Frührente schicken. Zu vermitteln sind die sowieso nicht mehr, auch wenn unsere Politiker das Gegenteil behaupten. Das würde die Jobcenter entlaßten. Geld für Maßnahmen würde gespart. Man kann die älteren ALGii Empfänger von einer Maßnahme zur anderen schicken, die Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessert man für diese Gruppe nicht. Das sind einfach nur rausgeworfene Finanzmittel, die lediglich die Statistiken schönen- jünger und gesünder werden die Menschen dadurch nicht.Auch würde ich die bezeichnung Hartz 4 Empfänger abschaffen. Das ist für alle ALGii bezieher eine beleidigung-wir wissen doch nun recht gut, welche miese Rolle der Hatz bei VW gespielt hat.

  • 08.07.2009, 20:55 UhrSiegfried Ritter

    ...Geld was der Staat eigentlich nicht hat,das er sich nun genau von denen borgen muss, die die Krise verursacht haben. Wie will der Staat die Zukunft seiner Menschen sichern? bedeutend weniger Steuereinnahmen, Millionen von Arbeitslosen und die Zinsforderungen nebst Tilgung der Staatsschulden. Wenn ich mir unsere Staatsschulden von ca 1,6 billionen verinnerliche und das mit einem Zinssatz von nur 5% verrechne ....da gibt es in Zukunft kein ALGii mehr- von einer Erhöhung ganz zu schweigen. Kommt der Export nicht wieder in Fahrt, droht uns die Staatspleite, denn alle andere industrie hat sich ja ins Ausland verlagert. ist die Ab wrackprämie durch, stirbt als erstes unsere Autoindustrie und alles was mit der zu tun hat. Wir wollen das Zenario nicht weiter denken. Sicherlich würden sich schon jetzt die ersten Politiker den deutschen Auswanderen anschließen-ja aber mit was wollen die im Ausland ihr Geld verdienen?Politiker haben die selber, in der Mafia ist auch kein Stuhl für sie frei -obwohl auseichende Vorkenntnisse vorhanden, im Vatikan kann man sie wegen fehlender Käuschheit u. Sprachkenntnissen auch nicht brauchen. Noch können wir über solche Darstellungen Witze machen. Das wird uns nach der bundestagswahl mit Sicherheit vergehen, denn dann wird man uns mit der nackten Tatsache konfrontieren, das sich Deutschland keine Sozialleistungen mehr leisten kann. Der Preis für Seilerwaren wird natürlich vom Staat großzügig und einmalig subventioniert. Frohe Zukunft ihr deutschen Schäflein - ihr solltet fleißig zur Wahl gehen -vorallem die Arbeitslosen- und nicht den Wolf zu eurem Schäfer wählen, wenn ihr mit "nur" blauen Augen davon kommen wollt.Da ihr euch sicherlich schon aufgegeben habt, geht ihr lieber zur Schlachtbank - als zu Wahl-also wie immer -nur dieses Mal ist es keine Übung - sondern bitterer Ernst!

  • 08.06.2009, 15:43 Uhrbeamter

    Schröder hat doch konsequent die gesamte Gesellschaft von der Justiz bis zum Sozialverband, von der Gesetzgebung bis zum Kindergarten auf die intressen von 30 Großkonzernen ausgerichtet und in vielen kleinen Detailverordnungen und Erlassen über Ausnahmen umgebaut. Alles unter dem Vorwand der EU, dass nur große Unternehmen weltweit bestehen können. Merkel hat doch bloss noch umgesetzt und zu Ende geführt.

    Ob Kinderarmut oder Finanzkrise, Schnüffelstaat oder Schmiergeld - das Fördern dieser Auswüchse verdanken wir der unsozialen Politik eines machtlüsternen Egoisten, der erst in Kaschmir im blitzlichtgewitter rumlief, und am Ende nicht begreifen wollte, das es für ihn vorbei war.

    Hätten Sie oder ich mich in der historischen Sendung so aufgeführt, hätte man uns kurzerhand entmündigt und für unzurechungsfähig erklärt. Wenn man oben ist, kriegt man aber dann einen Vorstandsposten.

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