Arbeitsmarkt: Kosten für die Eingliederungshilfe explodieren

Arbeitsmarkt: Kosten für die Eingliederungshilfe explodieren

von Konrad Fischer

Jahr für Jahr steigen die Ausgaben für die Unterstützung behinderter Menschen, zuletzt waren es mehr als 13 Milliarden Euro. Ursache für die aus dem Ruder laufenden Kosten sind jedoch nicht steigende Fallzahlen oder ehrenwertes Samaritertum, sondern eine Kultur des Wegschauens und Abschiebens.

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Abdulhady-Ay (links) und Lothar Puzicha. Der 25-Jährige hört das ungern, aber er gilt als lernbehindert, da er kaum lesen und rechnen kann. Kollegen sagen: „Dafür ist er fleißig und zuverlässig.“ Lothar Puzicha hat früher in Südafrika Hochöfen montiert, jetzt leitet er die Werkstatt-Außenstelle, in der Gewürze abgefüllt werden. Und sagt: „Wer einmal hier arbeitet, der will nicht mehr weg.“

Abdulhady Ay kennt diesen Blick. Jeder, der den 25-Jährigen zum ersten Mal an seinem Arbeitsplatz trifft, mustert den stoppelbärtigen jungen Mann mit der kräftigen Statur wie einen ungewöhnlich günstigen

Gebrauchtwagen. Irgendwo muss der doch eine Macke haben. Schließlich kommt Abdulhady von der Behindertenwerkstatt Gelsenkirchen. Seine Augen: scheu, aber fokussiert; die Bewegungen: langsam, doch kontrolliert; die Sprache: konstante Tonlage, schlüssige Formulierungen; wo ist das Problem?

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Abdulhady schreit die Leute nicht an und lebt auch nicht in einer eigenen fernen Welt. Er ist, was sie hier einen Grenzgänger nennen. Wenn er mit Freunden Fußball spielt oder ins Kino geht, fällt er nicht weiter auf. Er gilt als lernbehindert, kann nicht rechnen, auch mit dem Lesen hapert es. Er selbst sieht es so: „Einen normalen Job werde ich niemals ausüben können, das geht einfach nicht.“

Nachfrage nach Eingliederungshilfe steigt

Deswegen ist Abdulhadys Problem unser aller Sorge. Knapp 730.000 Menschen in Deutschland bezogen 2009 Eingliederungshilfe, wurden also aufgrund ihrer Behinderung staatlich betreut. Das sind sechs Prozent mehr als im Jahr davor. 13,3 Milliarden Euro kostete das den Staat, innerhalb von 15 Jahren haben sich Kosten und Fallzahlen somit verdoppelt. „Eine Trendumkehr ist nicht abzusehen. Nach Lage der Dinge muss eher von einem weiteren Anstieg der Nachfrage nach Leistungen der Eingliederungshilfe in der Zukunft ausgegangen werden“, sagen die Beamten der zuständigen Arbeits- und Sozialministerin Ursula von der Leyen. Ihre zweite große Sozialleistung, die Grundsicherung nach Hartz IV, schlägt pro Jahr mit fünf Milliarden Euro zu Buche.

Wie viele Arbeitnehmer Eingliederungshilfe beziehen und was sie im Vergleich zur gesamten Sozialhilfe kostet Quelle: Destatis

Wie viele Arbeitnehmer Eingliederungshilfe beziehen (in Tausend) und was sie im Vergleich zur gesamten Sozialhilfe kostet (in Milliarden Euro)

Bild: Destatis

Der grundsätzliche Wert dieser Leistung steht nicht infrage. Der überwiegende Teil der Menschen, die Werkstätten für Behinderte besuchen, ist auf Hilfe angewiesen und findet sie auch. Bloß: Warum steigt die Arbeitslosigkeit unter Schwerbehinderten, während sie in der Gesamtbevölkerung so niedrig ist wie nie zuvor? Warum schaffen nur 2 von 1000 Beschäftigten in Behindertenwerkstätten den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt? Schließlich verheißt schon der Name Eingliederungshilfe, dass es zumindest bei einem Teil der Menschen darum geht, sie an den regulären Arbeitsmarkt heranzuführen.

Warum steigt überhaupt die Zahl der Behinderten, wo doch das demografische Pendel zurückschwingt? Die Verantwortlichen haben darauf zwei Antworten: Bei den älteren Jahrgängen wirke sich noch immer das Euthanasie-Programm der Nazis aus, und der medizinische Fortschritt erhöht die Lebensdauer vieler Betroffener. Beide Argumente sind nicht falsch, können aber den Trend nicht erklären.

Die Jahrgänge aus der Nazizeit wachsen jetzt aus dem Erwerbsleben heraus, und aus dem medizinischen Fortschritt lassen sich auch Gründe dafür ableiten, dass bestimmte Erkrankungen gar nicht mehr in Behinderungen enden müssen. So ist der Zweck der Argumente auch weniger, Antworten zu geben, als vielmehr jede weitere Nachfrage zu verhindern. Wer es trotzdem tut, stößt auf andere Gründe. Dann geht es nicht mehr allein um die notwendige Hilfe für Bedürftige, sondern auch um karitative Budgetmaximierer, amtliche Statistikakrobaten und machthungrige Behördenfürsten, deren unheilvolles Zusammenwirken den Staat inzwischen mehr kostet als jede andere Sozialleistung im Land.

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