Arbeitsmarkt: Von der Leyen: Facharbeiter brauchen bessere Arbeitsbedingungen

Arbeitsmarkt: Von der Leyen: Facharbeiter brauchen bessere Arbeitsbedingungen

von Henning Krumrey

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen sieht durch Facharbeitermangel und demografischen Wandel eine deutlich verbesserte Stellung der Arbeitnehmer. Die Zuwanderung solle erleichtert werden.

„Der Markt dreht sich. Nicht mehr nur die Arbeitgeber werden künftig Flexibilität einfordern, sondern die Fachkräfte selbst“, sagte von der Leyen in einem Interview mit der WirtschaftsWoche. „Die eher amerikanische Hire-and-fire-Philosophie geht ihrem Ende zu.“ Natürlich würden Menschen mit geringer Qualifikation weiterhin zwischen den Betrieben hin und her wechseln müssen. „Die Fachkräfte sind aber in einer anderen Position.“

Insbesondere müssten sich die Unternehmen um qualifizierte Frauen und ältere Arbeitnehmer bemühen. Für Familien habe die Politik in den vergangenen Jahren mit Ganztagsschulen, Krippenplätzen und Elterngeld viele Versäumnisse aufgeholt. Nun seien die Unternehmen am Zug: „Die Wirtschaft muss sich bewegen und familienbewusste Arbeitsbedingungen schaffen – nicht nur für Mütter, auch für Väter. In Zeiten des Arbeitskräftemangels werden sich Bewerber nämlich nur noch für solche Arbeitgeber entscheiden, die auch diese weichen Faktoren berücksichtigen.“

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Auch für die Beschäftigung älterer Arbeitnehmer hätte die Politik Fehlanreize wie die Altersteilzeit beendet und führe schrittweise die Rente mit 67 ein. „Jetzt spielt die Musik bei den Unternehmen, die für die Älteren neue Arbeitsformen finden müssen. Wer kräfteschonende Produktionsstraßen entwickelt, kann damit Marktführer werden und diese Innovationen ins Ausland exportieren.“ Allerdings täten die Betriebe noch nicht genug. „Das Tempo muss höher werden. Viele Unternehmen wissen zwar, dass die Hälfte ihrer Belegschaft in einigen Jahren über 50 ist, reagieren aber nicht. Manche sind auch ratlos, wie sie das Thema bei sich im Betrieb angehen können.“ Deshalb habe das Arbeitsministerium Demografieberater engagiert, die in Unternehmen „zeigen, dass Ältere nicht weniger leistungsfähig sind, wenn sie klug eingesetzt werden“.

Mehr Zuwanderung

Ursula von der Leyen hat sich für eine deutliche Erleichterung bei der Zuwanderung ausgesprochen. „Wir dürfen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern nicht höhere Hürden aufbauen, weil wir alle um dieselben Talente werben“, sagte von der Leyen im Interview mit Wiwo Global, einem Sonderheft der WirtschaftsWoche zum Thema Arbeitsmarkt. „Es wäre gut, die Gehaltsschwelle auf etwa 40.000 Euro zu senken.“ Die heute geltenden 66.000 Euro „erreicht kein junger Hochschulabgänger in einem Alter, in dem er noch bereit ist, mit Kindern auszuwandern. Aber genau diese Menschen brauchen wir.“

Die Innenpolitiker von CDU und CSU forderte sie auf, umzudenken und den Widerstand gegen eine Absenkung der Gehaltsschwelle aufzugeben. „Wir brauchen einen Paradigmenwechsel. Die Stelle, die ein israelischer, kanadischer oder indischer Ingenieur besetzt, schafft hier Beschäftigung für inländische Arbeitslose mit geringerer Qualifikation. Bleibt die Stelle unbesetzt, geht der Auftrag ins Ausland oder das Projekt wird verschoben. Dann haben auch der technische Zeichner oder der Pförtner keine Arbeit.“

Das vom Bundesland Sachsen beschlossene Modell einer Zuwanderungsregelung nach einem Punktesystem nannte von der Leyen „vorbildlich“. Sachsen sei Vorreiter, weil es die Auswirkungen des demografischen Wandels schon stark spüre. „Ich verstehe aber auch die Innenpolitiker, die aus der Tradition der Asylpolitik, der Flüchtlingsströme und des Schengen-Abkommens urteilen. Deshalb freue ich mich, dass wir uns jetzt langsam auf Änderungen wie die Aussetzung der Vorrangprüfung oder die Absenkung der Gehaltsschwelle für eine befristete Arbeitsgenehmigung einigen.“

In dem WirtschaftsWoche-Interview distanzierte sich von der Leyen auch vom Ehegattensplitting. „Wenn ich mich frage, was heute die wichtigste Aufgabe ist, dann steht da zuerst das Thema Kinderbetreuung und Schule und nicht eine steuerliche Unterstützung.“ Das finanzielle Volumen des Ehegattensplittings sinke seit Jahren ohnehin deutlich, weil die Frauen mit den Füßen abstimmten. „Die meisten jungen Frauen wissen heute, dass es gut ist, wenn sie auf eigenen Füßen stehen. Das hilft im Fall einer Scheidung, aber auch wenn ihr Mann arbeitslos wird.“ Ältere Mütter hätten dagegen Jahrzehnte auf den Vorteil des Ehegattensplittings vertraut und sich ganz den Kindern gewidmet. „Diese Frauen kann man nicht rückwirkend enttäuschen. Das Splitting bleibt als Vertrauensschutz wichtig.“

Unter der Woche „volle Dröhnung Politik“, dann „sonntags weder Zeitung lesen noch fernsehen“

Mit unkonventionellen Mitteln schützt die Arbeitsministerin die Privatsphäre ihrer Familie. „Ich stehe am Wochenende für politische Termine nicht zur Verfügung. So schütze ich nicht nur mein Familienleben, sondern auch mich selbst vor Überforderung“, sagte von der Leyen. „Ich brauche den Wechsel von volle Dröhnung Politik, was ich in der Woche akzeptiere, und der ausschließlichen Konzentration auf Kinder, Tiere, Freizeit und Natur am Wochenende.“ Dann sei sie montags wieder die bessere Ministerin. Sie habe im Laufe der Zeit gelernt, sich zu schützen. Das müsse sie aber jeden Tag wieder neu durchsetzen.

Sie habe sich auch „die goldene Regel auferlegt, sonntags weder Zeitung zu lesen noch fernzusehen, noch Radio zu hören, weil mich das wie ein Sog zurück in die Politik ziehen würde“ Weiter sagte die Ministerin der WirtschaftsWoche: „Wenn es richtig brennt in meinem Ressort, dann darf mein Pressesprecher mich anrufen. Und gelegentlich, wenn ich wieder auftauche, stelle ich fest: Es hat zwar mächtig gekracht in der Politik, aber es war ganz gut, dass ich nichts davon mitbekommen habe.“ Ähnlich hält sie es mit Anrufen auf Ihrem Handy. „Es gibt nur zwei Quellen, die unter unbekannter Nummer anrufen. Das eine sind meine Kinder und das andere ist die Kanzlerin. Da geh ich immer ran.“

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