Arbeitsmarkt: Zuwanderung: Warum ausgerechnet zu uns?

KommentarArbeitsmarkt: Zuwanderung: Warum ausgerechnet zu uns?

Bild vergrößern

Der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise

von Hans Jakob Ginsburg

Der deutsche Arbeitsmarkt braucht qualifizierte Zuwanderung. Die zu bekommen ist schwer. Mit Ressentiments gegen unqualifizierte Migranten bekommen wir allerdings keinen einzigen erwünschten Zuwanderer ins Land

Frank-Jürgen Weise, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit, hat es auf den Punkt gebracht: In Deutschland gibt es derzeit 44 Millionen Erwerbsfähige, bis 2050 sinkt die Zahl auf ungefähr 26 Millionen. Es sei denn, wir schaffen die Rente mit 75 (unwahrscheinlich), die Geburtenfreudigkeit unter den jungen Deutschen nimmt signifikant zu (noch unwahrscheinlicher), oder es gibt die Zuwanderung nach Deutschland, die Wirtschaft und Gesellschaft brauchen. Letzteres ist möglich, aber ungewisse. Blöderweise lassen sich die „richtigen“ Zuwanderer durch Brandreden gegen die „falschen“ heutigen oder zukünftigen Migranten nicht anlocken. Im Gegenteil.

Was Weise jetzt vorschlägt, ist richtig, aber nicht neu: „Wir brauchen eine „gesteuerte Zuwanderung, etwa mit Hilfe eines Punktesystems wie in Kanada, um ausländische Abschlüsse besser bewerten zu können. Ich warne aber davor, die Wirkung zu überschätzen. Warum sollte jemand, der richtig gut qualifiziert ist, ausgerechnet zu uns kommen? Viele Firmen sind im Ausland aktiv und bieten dort auch interessante Jobs an.“ 

Anzeige

Zugewandert und wieder weg

Deutschlands jüngste Geschichte mit qualifizierten Migranten beweist, wie Recht Weise hat. Solange Zuwanderern mitgeteilt wird, dass man eigentlich gerne ohne sie auskommen würde, nur der Not geschuldet, zeitweise und unter Bedingung unauffälligen Wohlverhaltens allerdings Ausnahmen möglich wären – solange werden die Computerfreaks aus Kalkutta, Kairo oder Kapstadt lieber Arbeitgeber in Vancouver, London oder Paris als in München suchen.

Unvergessen die wenigen tausend "Green-Card"-Visa der Regierung Schröder, mit der ein paar tausend IT-Experten ins Land geholt wurden. Die sind fast alle wieder weg, nicht wegen mangelnder Befähigung: Der Ingenieur zum Beispiel, der 2000 als erster Green-Card-Besitzer bei einer Aachner Hightech-Firma anheuern durfte, ist heute Vorstandsmitglied eines der größten Konzerne - in Indonesien, nicht bei uns. Und solange deutsche Behörden bis zum Beweis des Gegenteils davon ausgehen, dass ein medizinisches Staatsexamen aus Kiew mit einem aus Köln noch nicht mal zu vergleichen ist, solange werden osteuropäische Zuwanderer im Zweifelsfall tatsächlich das deutsche Sozialsystem belasten.

Das Vorurteil sorgt zum Teil selbst dafür, dass seine schiefen Vorstellungen am Ende der Realität entsprechen. Wenn ein Spitzenpolitiker wie Horst Seehofer öffentlich meint, „dass wir keine zusätzlichen Zuwanderer aus anderen Kulturkreisen brauchen“, riskiert er sehenden Auges, dass erstens die anwesenden Migrantenkinder in Abschottung und Resignation flüchten und dass zweitens auch die Zuwanderer ausbleiben, die vielleicht sogar er selber gerne hätte.

Denn was eigentlich ist ein „Kulturkreis“? In der Sprache deutscher Behörden ist das Wort vor knapp 50 Jahren heimisch geworden, als ein Gesetz zur Entschädigung von Opfern der Nazis Leistungen für Gesundheitsschäden durch Folter und Willkürhaft ungelogen auf Angehörige des „deutschen Sprach- und Kulturkreises“ beschränkte. In der wissenschaftlichen Anthropologie war das Wort eine Erfindung von österreichischen Gelehrten des 20. Jahrhunderts, welche von der angeborenen Überlegenheit der christlichen Europäer über den Rest der Menschheit überzeugt waren. Alles keine sehr sympathischen Vorläufer heutiger Demagogen.

Um die gesteuerte Zuwanderung und die Einwanderungsvisa auf Punktebasis kommt Deutschland nicht herum. Und dann wird es Punkte geben für Universitätsabschlüsse aus vielen Ländern, für deutsche und vielleicht auch für englische Sprachkenntnisse, aber hoffentlich keine Punktabzüge für den falschen „Kulturkreis“.     

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%