Arbeitswelt: Ungewissheit als einzige Gewissheit

Arbeitswelt: Ungewissheit als einzige Gewissheit

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Besucher der Hannover Messe

von Dieter Schnaas

Die Ungewissheit wird zur einzigen Gewissheit in der modernen Arbeitswelt. WirtschaftsWoche-Chefreporter Dieter Schnaas über befristete Beschäftigung, Projektarbeit und Rund-um-die Uhr-Unternehmer in eigener Sache.

Vier Fragen an unser Freiheitsverständnis: Sind moderne Gesellschaften planbar? Lassen sich Denk- und Verhaltensweisen in liberal verfassten Gemeinwesen steuern? Sind Menschen in pluralen Demokratien jenseits von Recht und Gesetz regierbar? Und schließlich: Kann man uns selbstbestimmten Freidenkern etwas antrainieren, von dem wir glauben sollen, es tun zu wollen? Wie gern würden wir diese Fragen mit Nein beantworten, sie entschieden zurückweisen als Beleidigung unserer Individualität, als Verunglimpfung unserer unabhängig gereiften Persönlichkeit! Man muss jedoch nur den Bericht der „Kommission für Zukunftsfragen Bayern - Sachsen“ über die Entwicklung der Erwerbsarbeit aus dem Jahre 1997 lesen, um die kränkende Erfahrung zu machen, dass wir alle eben doch plan-, steuer- und regierbar sind, dass wir politische Vorgaben verinnerlichen und subjektivieren, als seien es unsere – und dass wir mit angeeigneten Denkmustern und Verhaltensweisen über uns selbst gebieten, als wären wir frei.

Der Bericht der Forscher ist durch seinen appellativen Ton bereits ein Element der neuen Arbeitswelt, die er damals noch formieren will, ein Regierungsprogramm, dem es um die Entfaltung von „Eigeninitiative und Selbstverantwortung“, um die „Weckung unternehmerischer Kräfte“ und um die Durchsetzung des „Unternehmerischen in der Gesellschaft“ geht. Die „Wissensgesellschaft“ der Zukunft, heißt es, benötige neue „kollektive Leitbilder“. Gefragt seien nicht mehr „möglichst perfekte Kopisten vorgegebener Blaupausen“, wie sie die „arbeitnehmerzentrierte Industriegesellschaft“ produziert habe, sondern „schöpferische, unternehmerisch handelnde Menschen“, die „bereit und in der Lage sind, in allen Fragen für sich selbst und andere Verantwortung zu übernehmen“.

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Unsicherheit als Lebensgefühl

13 Jahre später ist uns der kategorische Imperativ einer betrieblichen Lebensführung so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir über den rhetorischen Schneid der Forscher nur noch milde lächeln können. Bestenfalls. Im schlechtesten Fall wirkt die empathische Anrufung des „unternehmerischen Selbst“ wie ein übler Scherz planstellenversorgter Flexibilitätsvorturner. Jeder 50-Jährige bangt heute um seine feste Stelle, weil er weiß, dass es im Fall der Fälle eng für ihn wird. Jeder fünfte Beschäftigte ist im Niedriglohnsektor beschäftigt und bringt seine „Familienfirma“ mit weniger als zehn Euro netto die Stunde über die Runden. Jeder vierte Arbeitnehmer arbeitet in „atypischen Beschäftigungsverhältnissen“, ist Teilzeit beschäftigt, befristet oder leihweise, befindet sich in einer Fortbildung oder in einer Warteschleife, dreht als wissenschaftlicher Mitarbeiter oder Praktikant seine Runden, hängt ein Jahr Probezeit dran oder flüchtet sich in die Selbstständigkeit, um vielleicht nicht dem Geldmangel, so doch wenigstens dem Opfergefühl zu entgehen, das sich unweigerlich einstellt, wenn man mal wieder nur für ein Kleingeld und zwei Jahre gefragt ist – und dafür auch noch dankbar sein soll. Mehr als die Hälfte aller „Neueinstellungen“ beruht auf befristeten Verträgen – und mehr als die Hälfte dieser Hälfte wird sich erneut nach einer befristeten Arbeit umsehen müssen. Ist es das, was die Forscher unter „Flexibilisierung der individuellen Arbeitszeit“ und neuen „Zumutbarkeitsanforderungen“ verstanden haben: dass die Unsicherheit zum Lebensgefühl aufsteigt – und die Ungewissheit zur einzigen Gewissheit in der modernen Arbeitswelt?

Wenn ja, dann haben wir es bei den „Leitsätzen“ der Zukunftskommission nicht mit Zynismus, sondern mit Weitsicht zu tun. In einer ergebnisoffenen Welt mit starken konjunkturellen Schwankungen und schnell drehenden Produktionszyklen wird der Arbeitsmarkt zu einem Ort, an dem zunehmend unabhängig von Meriten und Dienstjahren Preise für mentale Fitness, geistige Flexibilität und lebenslang akkumuliertes Humankapital gebildet werden – und an dem lauter unabhängige Arbeitskraftunternehmer im Wettbewerb zueinander stehen, um sich fall-, projekt- und zeitweise mit ihren unverwechselbaren Vorzügen anzubieten, um sich in Teams zusammenzufinden und lösungsorientiert zu arbeiten – ob als Festangestellte oder nicht. Die Folgen sind auch im Privatleben zu besichtigen: Wenn Arbeit, Freizeit, Geld und Glück für Mann und Frau und Kind sich überhaupt noch ausbalancieren lassen, dann durch atmende Familienstundenpläne, einen Zuwachs an frei(willig)er Gleitzeit-, Tele-, Heim- und Hausarbeit, im Rund-um-die-Uhr-Einsatz und Immer-erreichbar-Modus, versteht sich – und unter Einschluss effizient verbrachter Mußestunden. Auf diese Weise sind wir alle längst zu Unternehmern in eigener Sache geworden, zu lauter Lebensmanagern, die nicht mehr nach dem Sinn des Lebens fragen, sondern danach, wie sie es optimieren können.

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