Arbeitszeit: "Wir werden in Zukunft eher mehr arbeiten"

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InterviewArbeitszeit: "Wir werden in Zukunft eher mehr arbeiten"

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Alexander Spermann.

von Thomas Schmelzer

Der 6-Stunden-Tag ist eine Illusion, sagt Arbeitsmarktexperte Alexander Spermann. Warum die Arbeitszeit so schnell nicht sinken wird – und nach welchen Modellen wir in Zukunft stattdessen arbeiten werden.

WirtschaftsWoche: Herr Spermann, die Arbeitgeber reagieren mit Alarmsignalen auf die IG-Metall-Forderung nach einer 28-Stunden Woche. Wären die Folgen wirklich so dramatisch?
Alexander Spermann: Das kommt darauf an, ob es für weniger Arbeit auch weniger Gehalt gibt. Die IG Metall fordert, dass Arbeitnehmer ihre Arbeitszeit für bis zu zwei Jahre auf 28 Stunden pro Woche runterfahren dürfen – dafür aber entsprechend weniger verdienen. In bestimmten Fällen sollen die Arbeitgeber den Lohn allerdings aufstocken. Ohne so einen Lohnausgleich könnten die Arbeitgeber die Flexibilisierung verkraften.

Warum reagieren die Arbeitgeber dann so gereizt?
Aus zwei Gründen. Zum einen will die IG Metall auch einen Lohnausgleich durchdrücken. Viel wichtiger ist, dass die Arbeitszeit-Flexibilisierung der IG Metall nur eine Richtung kennt – nämlich nach unten. Im Prinzip ist das eine Reaktion auf Vorstöße der Arbeitgeber, die schon lange den Acht-Stunden-Tag kippen wollen...

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...allerdings in eine ganz andere Richtung, als es die IG Metall gerne hätte.
Die Arbeitgeber wollen den Acht-Stunden-Tag durch eine Arbeitszeit-Höchstgrenze ersetzen. Die könnte man pro Woche oder pro Monat oder gar pro Jahr festlegen. In der Praxis gäbe es dann Tage mit elf Stunden auf der Arbeit und andere mit fünf. Das würde den Arbeitgebern einen viel größeren Spielraum ermöglichen.

Zur Person

  • Alexander Spermann

    Alexander Spermann ist habilitierter Arbeitsmarktexperte. Er lehrt an der Universität Freiburg.

Und ihnen die Möglichkeit geben, ihre Arbeitnehmer über die Belastungsgrenze zu beanspruchen.
Es ist doch schon heute längst in vielen Berufen Realität, an manchen Tagen länger zu machen und dafür an anderen früher nach Hause zu gehen. Der Trend geht zu Projekten und Aufträgen, die abgearbeitet werden müssen. Dafür brauchen wir flexiblere Arbeitszeitmodelle wie zum Beispiel Arbeitszeitkonten. In der Finanz- und Eurokrise haben wir gesehen, dass solche Modelle allen Beteiligten weiterhelfen und die Wirtschaft insgesamt davon profitiert.

Einen 6-Stunden-Tag mit gleichbleibendem Gehalt wird es also so schnell nicht geben?
Nein, das hätte auch verheerende volkswirtschaftliche Folgen, wie man in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung gesehen hat. Dort gibt es zwar keinen 6-Stunden-Tag, aber dafür sind die Löhne bei gleichbleibender Arbeitszeit durch die Decke gegangen. Das Ergebnis: Die Produktion brach massiv ein. Ähnliche Effekte erleben wir in Frankreich. Weniger Arbeit bei gleichbleibendem Gehalt ist eine Illusion.

Überstunden, Unterforderung, wenig Flexibilität: So arbeitet Deutschland 2017

  • Flexibilität

    34 Prozent können sich die Arbeit frei einteilen.

    Quelle: Deutschland-Umfrage der Personalberatung SThree.

  • Home-Office

    12 Prozent der Arbeit wird im Home-Office erledigt.

  • Übertriebenes Pflichtbewusstsein

    71 Prozent arbeiten trotz Krankheit (42 Prozent, weil sie sagen, dass ihre Arbeit sonst nicht machbar wäre, 31 Prozent aus Eigenmotivation).

  • Überstunden

    53 Prozent arbeiten häufig länger, um alle Aufgaben erledigen zu können.

  • Boreout

    33 Prozent sehen bei sich oder Kollegen das Risiko dauerhafter Unterforderung.

Aber genau das hat doch jahrhundertelang funktioniert.
Wir haben lange von erheblichen Steigerungen der Produktivität profitiert, die sich aus dem immer besseren Zusammenspiel von Facharbeitern und Maschinen ergab. Jetzt entwickeln wir uns zu einer Dienstleistungsgesellschaft. Und in der ist es eben schwieriger die Produktivität nach oben zu treiben. Deswegen funktioniert die alte Gleichung nicht mehr.

Keine guten Aussichten für Arbeitnehmer.
Ich sehe das nicht so negativ. Wir werden uns unsere Arbeit in Zukunft viel stärker selbst einteilen können. Der Trend geht hin zu Vertrauensarbeitszeiten und Zielorientierung. Wichtig wird dann nur noch sein, ob man sein Projekt bis zur Deadline abgeschlossen hat – und nicht wann man daran gearbeitet hat. Das schafft auch Freiheiten.

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In der Metall- und Elektroindustrie bahnt sich eine extrem harte Tarifrunde an. Knackpunkt ist diesmal aber nicht das Geld.

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Mit dem aktuellen Arbeitszeitgesetz wird das kaum gehen...
... deswegen brauchen wir auch dringend eine Änderung dieses Gesetzes. Ich bin überzeugt, dass die über kurz oder lang kommen wird. Die Forderungen der IG Metall und die Ideen der Arbeitgeber stoßen jetzt endlich eine Diskussion dazu an, die längst überfällig ist. Beide Seiten müssen ohne Blockadehaltung aufeinander zugehen. Aufhalten können sie die Entwicklungen in der Wirtschaft eh nicht.

Die meisten Deutschen arbeiten schon jetzt länger, als sie eigentlich wollen. Können Sie denen ein wenig Hoffnung machen, dass sie in Zukunft weniger arbeiten müssen?
Da muss ich leider passen. Meine Prognose geht in die andere Richtung: Wir werden in Zukunft eher mehr arbeiten.

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