Ausbildung: EU-Vorgaben gefährden deutschen Meisterbrief

Ausbildung: EU-Vorgaben gefährden deutschen Meisterbrief

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Die EU-Kommission will eine Reform der Ausbildungsberufe. Ist damit der Meisterbrief gefährdet?

Die EU-Kommission in Brüssel hat einen neuen Plan entwickelt: Die Länder sollen ihre Berufsqualifikationen prüfen und modernisieren. Das könnte das Ende für die duale Ausbildung und den Meisterbrief sein.

Nach dem Schulabschluss gibt es viele Möglichkeiten: Die einen machen ein Jahr Pause oder stürzen sich direkt ins Studentenleben. Andere wählen eine klassische oder eine duale Ausbildung. Besonders bei der Ausbildung zu vielen Handwerksberufen folgt meist ein Meisterbrief - die höchste Qualifikationsstufe.

Das könnte bald Vergangenheit sein. Die EU-Kommission in Brüssel hat die Länder beauftragt, in den kommenden Monaten Berufsqualifikationen zu überprüfen und gegebenenfalls zu modernisieren. Sollte sie den Meisterbrief für nicht mehr zeitgemäß halten, könnte das schwerwiegende Konsequenzen haben. Damit sind die dualen Ausbildungen und der Meisterbrief gefährdet.

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Momentan gibt es 5,35 Millionen Beschäftigte in deutschen Handwerksbetrieben. Jährlich werden dort 140.000 Jugendliche ausgebildet. Mit einer Millionen Betriebe ist es eine wichtige Säule der deutschen Wirtschaft. In rund jedem dritten Beruf ist eine Meisterprüfung zur Selbstständigkeit und eine Gesellenprüfung im Rahmen der dualen Ausbildung erforderlich. Grund dafür ist die hohe Gefahrenwahrscheinlichkeit in diesen Berufen, beispielsweise bei Dachdeckern.

"Die duale Ausbildung in Deutschland ist in Gefahr durch neue Pläne aus Brüssel. Die Europäische Kommission arbeitet intensiv daran, bewährte und notwendige Qualifikationsanforderungen abzuschaffen und droht so, gewachsene Ausbildungs- und Qualitätsstandards zu zerstören – gerade im Bau- und im verarbeitenden Gewerbe", sagte Hans Peter Wollseifer der "Welt". Wollseifer ist Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH).

Durch die neuen Pläne will Brüssel eine "Erleichterung des Berufszugangs" schaffen um "Wettbewerbsverzerrungen" zu verhindern. Sollten sich die Länder nicht an die Vorgaben halten, drohen ihnen hohe Geldstrafen und ein Vertragsverletzungsverfahren vor dem Europäischen Gerichtshof.

Die EU-Kommission will alle reglementierten Berufe in Europa untersuchen. Grund dafür ist die Berufsanerkennungsrichtlinie, die seit dem 17.Januar diesen Jahres in Kraft ist. Durch die Richtlinie werden verschiedene Ausbildungsabschlüsse in verschiedenen Ländern Europas anerkannt. Dabei geht es nicht ausschließlich um Handwerksberufe, sondern auch um Dienstleiter aus dem Bildungs- und Gesundheitsbereich. Hierzu zählen Erzieher, Apotheker oder Physiotherapeuten. Würden die Berufe weniger reglementiert werden, würde das zu mehr Wettbewerb, niedrigeren Preisen und mehr Arbeitsplätzen führen - so die Argumentation aus Brüssel.

Um die betroffenen Berufe zu überprüfen gibt es einen strikten Fahrplan. Jedes Land Europas muss seine zulassungsbeschränkten Berufe melden und die Beschränkungen genau beschreiben. Das soll bis Ende Februar geschehen. Im Anschluss wird in Brüssel eine "Europafahrkarte" der reglementierten Berufe erstellt. Gleichzeitig wird geprüft, ob die Beschränkungen notwendig sind oder nicht. Sobald diese Phase vorbei ist, müssen sich die EU-Mitgliedsstaaten gegenseitig überprüfen. Bis April 2015 beziehungsweise Januar 2016 wird jedes Land verpflichtet einen "nationalen Aktionsplan" zu erstellen.

Nach Angaben der EU-Kommission hat das folgende Ziele: "Die Erleichterung des Berufszugangs, insbesondere durch einen flexibleren und transparenten rechtlichen Rahmen in den Mitgliedstaaten, würde die Mobilität qualifizierter Fachkräfte innerhalb des Binnenmarktes und die grenzüberschreitende Erbringung von Dienstleistungen der freien Berufe erleichtern."

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Wenn die Kommission mit ihren Plänen zu niedrigeren Qualitätsstandards erfolgreich ist, heißt das im Umkehrschluss: Die Verbraucher bekommen weniger gute Qualität und minderwertigere Dienstleistungen. Aber - gute Qualität und das beherrschen des eigenen Handwerks "schützt vor Arbeitslosigkeit und fördert Mobilität", sagt Wollseifer. Er argumentiert, dass die duale Ausbildung aus Deutschland in Europa hoch gelobt wird, aber " andererseits in Kauf genommen wird, dass ihre Standards nach unten nivelliert werden."

Bundeskanzlerin Angela Merkel will das duale Ausbildungssystem und den Meisterbrief erhalten. Sie wolle diesen Schutzraum auch gegen EU-Vorschläge verteidigen, Standards in diesen Bereichen aufzuweichen, sagte Merkel bei einer Veranstaltung der Industrie- und Handelskammer (IHK) Erfurt in Weimar. „Dafür müssen wir kämpfen. Qualität hat auch ihre Kosten“, fügte Merkel hinzu.

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