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Ausblick: Stimmungswandel

Renate Köcher über die Befindlichkeiten im Osten und Westen Deutschlands.

In Ostdeutschland vollzieht sich zurzeit ein bemerkenswerter Stimmungswandel. Lange Jahre haderten viele Ostdeutsche mit der Entwicklung in den neuen Ländern. Die überwältigende Mehrheit hatte 1990 mit euphorischen Hoffnungen die Einheit begrüßt, insbesondere die Ablösung der ruinösen Planwirtschaft durch das offenkundige Erfolgsmodell der sozialen Marktwirtschaft. Die Härten und Risiken eines freiheitlichen Systems, die sich in dem tiefgreifenden Strukturwandel in Ostdeutschland mit voller Wucht entfalteten, trafen die meisten jedoch unvorbereitet. Zwar federte das soziale Netz die materiellen Folgen von Arbeitsplatzverlusten bei vielen weitgehend ab. Dass die hohe Arbeitslosigkeit jedoch kein vorübergehendes Phänomen war, sondern sich verfestigte, verunsicherte die Mehrheit zutiefst. Die Zweifel wuchsen, ob es selbst mit- hilfe der eindrucksvollen Unterstützungszahlungen für den Aufbau Ost gelingen würde, wieder festen Boden zu gewinnen und aus eigener Kraft zu wachsen. Bis vor zwei, drei Jahren hatte die Mehrheit der ostdeutschen Bevölkerung konstant den Eindruck, dass sich die Lage in den neuen Ländern nicht nur nicht verbessert, sondern verschlechtert. Entsprechend gebrochen war das Verhältnis zu den Erfolgen des Aufbaus Ost. Noch Ende der Neunzigerjahre blickten nur 36 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung mit Stolz auf das bis dahin Erreichte; die Mehrheit sah in der ostdeutschen Entwicklung eher eine Aneinanderreihung von Misserfolgen und Enttäuschungen. Erst in den letzten Jahren ist der Stolz auf die Erfolge des langjährigen und schmerzhaften Transformationsprozesses geradezu sprunghaft angestiegen. Heute sagen 62 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung voller Selbstbewusstsein, dass Ostdeutschland allen Grund hat, auf das seit 1990 Erreichte stolz zu sein. Spiegelbildlich zu dem wachsenden ostdeutschen Stolz hat die überwältigende Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung mittlerweile keinerlei Verständnis mehr, wenn die erzielten Erfolge relativiert werden. Die gute Konjunktur hat gerade auch den neuen Ländern in den letzten Jahren zu höheren Wachstumsraten und sinkenden Arbeitslosenzahlen verholfen. Dies hat die verfestigte Skepsis aufgebrochen. 2004 waren noch 53 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung überzeugt, dass sich die Lage in den neuen Ländern weiter verschlechtert, heute nur noch 26 Prozent. 72 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung sehen mittlerweile Anzeichen, dass sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt bessert. Mittlerweile halten 52 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung die These für zu pessimistisch, dass die neuen Länder nie auf den Stand der alten Länder kommen können, sondern die Jahrzehnte der Teilung immer nachwirken werden. Noch ist die Situation in weiten Teilen Ostdeutschlands schwieriger, die Lage der Bevölkerung weniger gefestigt als in Westdeutschland, die Produktivität niedriger. Von den westdeutschen Erwerbstätigen halten 61 Prozent den eigenen Arbeitsplatz für sicher, von den ostdeutschen lediglich 35 Prozent. Insbesondere die Einschätzung der Zukunftsperspektiven für die junge Generation trennt nach wie vor alte und neue Bundesländer. Weitaus weniger als die westdeutsche Bevölkerung ist die ostdeutsche überzeugt, dass junge Leute in der näheren Region gute Perspektiven haben. Der langjährige Exodus junger Ostdeutscher und insbesondere junger ostdeutscher Frauen hat nicht nur in der demografischen Struktur vieler Gebiete in Ostdeutschland tiefe Spuren hinterlassen, sondern auch in der Stimmungslage und dem Vertrauen in die Zukunft der eigenen Region. Mit dem Aufschwung und dem wachsenden Selbstvertrauen in Ostdeutschland sinkt jedoch allmählich die Anziehungskraft des Westens. 2001 waren noch 45 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung überzeugt, dass sie persönlich in Westdeutschland mehr Chancen hätten, heute glauben dies noch 35 Prozent. Besonders steil ist diese Überzeugung bei den unter 30-Jährigen zurückgegangen. Noch 2004 waren 75 Prozent der unter 30-jährigen Ostdeutschen überzeugt, dass ihnen Westdeutschland mehr Chancen bieten kann als ihr ostdeutsches Umfeld; heute glauben dies noch 50 Prozent. Die konkreten Umzugspläne bilden sich kontinuierlich zurück. Zwar haben 38 Prozent der unter 30-jährigen Ostdeutschen schon über einen Umzug nach Westdeutschland nachgedacht, nur drei Prozent sind jedoch bereits fest entschlossen umzuziehen. Die Mehrheit derjenigen, die bereits über einen Umzug nachgedacht haben, hat diese Pläne zu den Akten gelegt. Umgekehrt können sich immer mehr Westdeutsche vorstellen, in den neuen Ländern zu leben und zu arbeiten. 2001 konnten sich lediglich 13 Prozent der Westdeutschen vorstellen, ihren Wohnsitz nach Ostdeutschland zu verlagern, heute 22 Prozent, in der jungen westdeutschen Generation 29 Prozent. Die Verbesserung der ökonomischen Lage und Stimmung vermindert in einem umfassenden Sinn das Empfinden einer ostdeutschen Sondersituation und -identität. Von 1992 an fühlte sich die Mehrheit der ostdeutschen Bevölkerung in erster Linie als Ostdeutsche, nicht als Deutsche – ganz anders als die westdeutsche Bevölkerung. Heute identifiziert sich auch die Mehrheit der ostdeutschen Bevölkerung in erster Linie mit Deutschland. Entsprechend gehen auch Forderungen nach einer Sonderbehandlung zurück. Immer weniger hält die ostdeutsche Bevölkerung eine Ausweitung der für den Aufbau Ost eingesetzten Fördermittel für notwendig, immer mehr plädiert sie dafür, die staatliche Förderung wirtschaftlich schwacher Gebiete nicht davon abhängig zu machen, ob sie in Ost- oder Westdeutschland liegen. Noch sind die Herausforderungen in den neuen Ländern immens groß, doch das Selbstvertrauen, diese Herausforderungen zu bestehen, ist deutlich gewachsen.

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