Niederlande Der Film läuft 105 Minuten und kann auf Wunsch auch auf Kurdisch, Hocharabisch oder in der Sprache der Berber geliefert werden. Die Handlung: das Leben in den Niederlanden. Unter anderem zu sehen: knutschende Homosexuelle und spärlich bekleidete Frauen am Strand. Jeder Migrant zwischen 16 und 65 Jahren, der sich in den Niederlanden niederlassen will, muss sich seit Mitte März diese DVD ansehen und in seinem Heimatland eine Prüfung ablegen, die Fragen zum Film enthält. „Wer den Test besteht, ist herzlich willkommen“, sagt Integrationsministerin Rita Verdonk, früher stellvertretende Gefängnisdirektorin in Rotterdam. Seit der islamkritische Regisseur Theo van Gogh im November 2004 auf offener Straße von einem marokkanischstämmigen Jugendlichen ermordet wurde, überdenken die Niederlande ihr liberales Modell des Zusammenlebens. Mittlerweile diskutiert eine Partei wie die liberale D66 ganz offen, sozial auffällige Jugendliche für einige Zeit in ein Camp einzuweisen, damit ihnen dort niederländische Werte vermittelt werden. Experten wie Chris Huinder von der privaten Integrationsorganisation Forum in Utrecht kritisieren allerdings, dass sich „die Politik auf die künftige Einwanderung konzentriert– statt die Menschen zu integrieren, die schon im Land wohnen“. Und da sind die Probleme ähnlich wie in Deutschland. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei Ausländern bei fast 25 Prozent (insgesamt: 8 Prozent). Im Schnitt brauchen die Kinder der Einwanderer zwei Jahre länger für einen Schulabschluss, 28 Prozent der Schulabbrecher haben einen Migrationshintergrund. Allerdings fallen die schulischen Leistungen von holländischen und zugewanderten Familien insgesamt nicht so stark auseinander wie in Deutschland – auch weil die Niederlande ihr Schulsystem kontinuierlich reformiert haben. So kontrollieren externe Inspektoren die Arbeit von Lehrern. Grundschulen werden anhand von 99 Indikatoren beurteilt und erhalten eine entsprechende „Qualitätskarte“. Die Lehrpläne sind relativ flexibel, und die Schulen können über ihre finanziellen Mittel frei verfügen. Benachteiligte Schulen, etwa solche mit vielen Migrantenkindern, bekommen zusätzliche Gelder. Die Gemeinden können diese noch einmal aufstocken. Besonders bewährt haben sich Programme, die bereits im Kindergarten ansetzen. Allerdings finden diese bisher nur punktuell statt. Frankreich Die explosive Mischung aus Integrationsproblemen, sozialer Spaltung und Arbeitslosigkeit kennen die Franzosen nicht erst seit den Vorstadtkrawallen im vergangen November. Seit Jahrzehnten liegt die Jugendarbeitslosigkeit zwischen 20 und 25 Prozent. Im Durchschnitt sind die Franzosen 32 Jahre, bis sie einen festen Job finden. Besonders schwierig ist die Situation der Immigranten und ihrer Kinder, die meist in anonymen Vorstädten ohne jede Bindung an die französische Gesellschaft leben. Während die Arbeitslosigkeit im Landesdurchschnitt bei knapp zehn Prozent liegt, erreicht sie bei Immigranten 34 Prozent. In vielen der rund 750 landesweit entstandenen Problemzonen sind es deutlich mehr. Die dortigen Schulen mit hohen Anteilen von Jugendlichen aus arabischen und afrikanischen Ländern sind Einrichtungen ohne Perspektive. Der Rassismus nimmt zu, Gewaltakte sind an der Tagesordnung. Nun wird ernsthaft darüber diskutiert, Sicherheitskräfte in den Vorstadtschulen zu installieren. Das republikanische Ideal der Integration durch die Schule funktioniert schon lange nicht mehr. Manche Kinder der zweiten und dritten Generation sprechen kaum noch Französisch. Wer in Vorstadtschulen geht, hat so gut wie keine Chance zum sozialen Aufstieg. Wer kann, schickt seine Kinder in Privatschulen oder trickst, um sie in „besseren Vierteln“ einzuschulen.
Die wenigen Versuche, die soziale Kluft zu überwinden, sind nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Im Rahmen der „positiven Diskriminierung“ nimmt das renommierte Institut d´Etudes Politiques seit einiger Zeit ein bestimmtes Kontingent von Schülern aus Problemzonen auf – durchaus mit Erfolg. Der Arbeitgeberverband Medef arrangiert Treffen von Unternehmern mit Schulabgängern aus Vorstädten. Im Rahmen des neuen „Gesetzes zur Chancengleichheit“ sind künftig in Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern „anonyme Lebensläufe“ ohne Angabe von Name, Geschlecht, Alter, Wohnort und ohne Foto vorgeschrieben.











