Außenpolitik: Türkei und Russland sind "ungleiche Partner"

InterviewAußenpolitik: Türkei und Russland sind "ungleiche Partner"

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Erdogan und Putin schmieden Allianz. Deutschland muss seine Rolle finden.

von Thomas Schmelzer

Die Türkei braucht den Westen, Russland will ein Gegenmodell aufbauen. Die Staatschefs treffen nun aufeinander. Es ist ein Zweckbündnis, sagt Politikwissenschaftler Jan Techau. Aber Deutschland muss seine Rolle finden.

WirtschaftsWoche: Herr Techau, am Mittwoch empfängt Wladimir Putin den türkischen Staatschef Erdogan in Sotschi. Bahnt sich da eine antiliberale Allianz gegen den Westen an?
Jan Techau: Ich glaube, das ist eher ein Zweckbündnis auf Zeit. Die Türkei und Russland sind zwei ungleiche Partner, teilweise sogar Rivalen. Putin hat ganz klar das Ziel ausgegeben, die liberale Ordnung zu unterminieren. Er baut sein Russland als Gegenmodell zum Westen auf. Bei Erdogan hört man solche antiliberalen Töne auch. Aber er braucht den Westen auch. Ihm geht es mehr um die Machtsicherung zuhause.

Dafür nimmt er die Zerstörung des Rechtsstaats in Kauf.
Ja, das ist erschreckend. Aber wir dürfen jetzt nicht den Fehler machen, alle Beziehungen zur Türkei abzubrechen. Auch wenn Erdogans Politikstil absolut nichts mehr mit unserem Wertekanon zu tun hat, sollten wir versuchen, eine einigermaßen belastbare Verbindung zur Türkei zu behalten.

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Und dafür zum Beispiel die Inhaftierung von Deniz Yücel ignorieren?
Nein, auf keinen Fall. Hier sind klare Worte unabdingbar. Es braucht die richtige Balance zwischen Kritik und Nähe. Wir benötigen die Türkei in vielen Gebieten noch: Flüchtlinge, Wirtschaft, Nato. Sicherlich ist es derzeit einfach, sich über Erdogan zu empören. Aber es wird auch eine Zeit nach Erdogan geben. Und wenn wir jetzt die Verbindungen kappen, servieren wir die Türkei Russland auf dem Silbertablett.

Zur Person

  • Jan Techau

    Jan Techau leitet das Richard C. Holbrooke Forum an der American Academy in Berlin und arbeitet als Autor. Nach dem Studium der Politikwissenschaft und des Öffentlichen Rechts arbeitete Jan Techau zunächst als Pressereferent im Verteidigungsministerium. Später fokussierte er sich auf Europa und Außenpolitik und wechselte nach Brüssel. Dort übernahm er die Leitung von Carnegie Europe, einem außenpolitischen Think Tank. In seinem neuen Buch „Führungsmacht Deutschland – Strategie ohne Angst und Anmaßung“ fordert er von Deutschland die Rolle des „Servant Leadership“, also des dienenden Führens ein.

Russland ist also unser größter Rivale?
Russland ist kein Rivale, aber Russland strebt eine Rolle als Veto-Macht in Europa an. Das können wir nicht zulassen. Wir haben es mit einem Land zu tun, das sich gegen das westliche Modell stellt – und dazu noch den Energiehebel hat. Russland arbeitet gezielt daran, illiberale Parteien in Europa zu unterstützen. Das alles ist höchst problematisch.



Viele Politiker bedienen sich der Strategie, mit Außenpolitik von innenpolitischen Pleiten abzulenken.
In Deutschland sehe ich diese Gefahr nicht. Kein Kanzler hat so etwas in der Geschichte der Bundesrepublik getan. Das machen eher Diktatoren oder Autokraten. Auch in den USA gibt es diese Versuchung. Denn US-Präsidenten sind traditionell innenpolitisch schwach, aber außenpolitisch sehr mächtig. In Deutschland steckt man außenpolitisch lieber den Kopf in den Sand. Genau das aber darf Deutschland nicht mehr tun.

Sondern?
Deutschland muss sich überlegen, welche Weltordnung es haben will. Die Bundesrepublik lebt in einem Dilemma: Unser wirtschaftlicher Erfolg hängt von der liberalen, westlichen Grundordnung ab – aber die können wir selbst nicht garantieren. Zumindest nicht allein. Trotzdem muss diese Ordnung intakt bleiben, damit Deutschland prosperieren und in Frieden leben kann. Wir müssen uns also überlegen, wie wir  Ordnung produzieren können, anstatt sie bloß zu konsumieren.

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