Autobauer müssen liefern: Was vom Dieselgipfel bleibt

Autobauer müssen liefern: Was vom Dieselgipfel bleibt

, aktualisiert 02. August 2017, 19:42 Uhr
von Lukas Bay und Roman TyborskiQuelle:Handelsblatt Online

Am Ende des Dieselgipfels steht fest: Die Autobauer kommen um eine kostspielige Hardware-Umrüstung herum. Das reicht vielen Kritikern nicht. Nun soll die Auslobung einer „Umweltprämie“ die erhitzten Gemüter besänftigen.

BerlinDer Dieselgipfel wurde heiß erwartet, am Ende können die Autobosse zufrieden nach Hause fahren. Auch der Automobilverband VDA ist begeistert vom Kompromiss, die Politik lobt die Lösung. Nur vor dem Bundesverkehrsministerium ist die Enttäuschung groß. Es wird bei einer günstigen Softwareoptimierung bleiben. Von der teuren Umrüstung der Hardware bleiben die Hersteller verschont.

Verkehrsminister Dobrindt machte auf der Pressekonferenz deutlich, welches Ziel auf dem Gipfel verfolgt wurde: „Wir haben auf dem heutigen Gipfel versucht, Fahrverbote zu verhindern und das ist uns gelungen.“ Auch Umweltministerin Hendricks ist von der Lösung überzeugt. „Wir haben der Autoindustrie unsere Forderungen klar dargelegt und mit den Gesprächen eine Absenkung des NOX-Ausstoßes erreicht.“ Für Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann war es wichtig, dass eine schnelle Lösung gefunden werden konnte und die Autohersteller einen Großteil der Kosten tragen.

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Gegen diese Softwarelösung haben die Deutsche Umwelthilfe, der ADFC und Greenpeace am Morgen demonstriert. Die Umweltaktivisten haben mit einem riesigen Banner das Gebäude des Ministeriums bedeckt. Die Softwareoptimierung reicht dem Chef der Deutschen Umwelthilfe nicht. „Diese Mickey-Mouse-Lösung ist ein Witz“, sagt Jürgen Resch.

Vom Protest vor dem Ministeriumsgebäude dürften die Autochefs allerdings wenig mitbekommen haben. Denn kurz vor Beginn des Gipfels wurde der Tagungsort zum Innenministerium verlegt. Die Begründung: Die Räumlichkeiten im Verkehrsministerium seien zu klein. Während die Demonstranten anschließend vom Verkehrsministerium zum Innenministerium gingen, fuhren Zetsche, Müller & Co. in den größten verfügbaren Modellen von BMW, Mercedes, Audi & Co. über den Hintereingang zum Ministeriumsgebäude.

Vor dem Innenministerium machten die Demonstranten ihrem Ärger Luft. „Wir wollen von der Regierung Umwelthilfe sehen und keine Mauscheleien“, riefen die Demonstranten, als sie vor dem Gebäude ankamen und ihren Hustenmarsch begannen. Eng nebeneinander gehend röchelten Mitglieder der Deutschen Umwelthilfe, Greenpeace und dem Verkehrsclub Deutschland theatralisch nach Luft, aus großen Lautsprechern ertönte ein angestrengter Keuchhusten. Die schlechte Luft raubte ihnen symbolisch den Atem. Am Ende starben sie den symbolischen Dieseltod und lagen regungslos vor der Gebäudeabsperrung am Boden.

Der Protest zeigte letztlich aber doch seine Wirkung. Denn auf der Pressekonferenz im Anschluss des Dieselgipfels ließen sich zum Erstaunen der anwesenden Journalisten auch die Chefs der größten deutschen Autobauer blicken. Daimler-Chef Dieter Zetsche, VW-Chef Matthias Müller und BMW-Boss Harald Krüger hatten sich zuvor der Öffentlichkeit entzogen.

Auf der Pressekonferenz nach dem Gipfel erklärte BMW-Chef Krüger: „Wir sind uns des Ernsts der Lage sehr bewusst. Es waren herausfordernde Gespräche.“


„Umweltprämie“ soll Autobesitzer alter Dieselmodelle locken

VW-Chef Müller kann die Kritik der Demonstranten zwar verstehen. „Aber unternehmerisches Versagen lasse ich nicht gelten.“ VW würde die Verantwortung übernehmen und die Software von rund vier Millionen Fahrzeugen optimieren. „Darin haben wir, wie Sie sicher wissen, eine gewisse Erfahrung“, witzelte der VW-Chef.

Insgesamt müssen 3,8 Millionen Fahrzeuge der Marke VW, 900.000 Autos von Daimler und 300.000 BMWs nachgerüstet werden.

Der Beschluss des Gipfels sieht vor, dass Dieselfahrzeuge der Euro-5-Norm per Softwareupdate nachgerüstet werden können. Das reicht bei Dieselfahrzeugen der Euro-4- oder Euro-3-Norm aber nicht aus. Auch eine Hardwarenachrüstung ist laut Herstellerangaben technisch nicht machbar. Hier sollen mittels „Umweltprämien“ Autobesitzer alter Dieselmodelle zum Kauf neuer sauberer Fahrzeuge angeregt werden.

Bereits am Dienstag war Ford vorgeprescht und hatte einen „Umweltbonus“ von 2000 bis 8000 Euro ausgelobt. Die Zielgruppe ist allerdings begrenzt. Nur Fahrzeuge der Abgasklasse Euro-3 oder älter sollen in den Genuss der Prämie kommen. Seit 2006 werden diese nicht mehr zugelassen. „Wir teilen die Bedenken bezüglich der Luftqualität in den Stadtgebieten und glauben, dass das Paket, das wir heute ankündigen, einen bedeutenden Beitrag zur Verbesserung der Situation leisten kann“, sagt Wolfgang Kopplin, der bei Ford Deutschland für Marketing und Vertrieb zuständig ist. Genau in diese Kategorie dürfte die Prämie auch fallen.

Als Ergebnis der Verhandlungen beim Dieselgipfel lobt auch BMW eine „Umweltprämie“ für Halter alter Dieselfahrzeuge aus. Die Münchener gehen etwas weiter und wollen auch Euro-4-Diesel mit einer Prämie belohnen. Die fällt allerdings deutlich geringer aus als bei Ford – und gilt auch nur beim Kauf umweltfreundlicher Fahrzeuge. Bis zu 2000 Euro stellt BMW in Aussicht – je nachdem welches Zustand das Fahrzeug hat, das in Zahlung gegeben wird. Gekauft werden muss dafür ein Fahrzeug mit weniger als 130 Gramm CO2 pro Kilometer – Elektrofahrzeuge, Plug-in-Hybride oder Euro-6-Diesel. Damit würde der Hersteller nicht nur das Dieselproblem lösen, sondern gleich noch die eigene CO2-Bilanz verbessern.

Das hat Toyota nicht nötig. Die Japaner fahren schon heute in punkto CO2-Bilanz vorne weg. Doch auch die Japaner nutzen die Gunst der Stunde, um für die eigene Technologie zu werben. Ganze 4000 Euro Prämie loben die Japaner für jeden Dieselfahrer aus, der sein Fahrzeug gegen einen Hybrid eintauscht. 2000 Euro gibt es für jeden Diesel, der mindestens sechs Monate auf den potentiellen Neukunden zugelassen war, 2000 Euro Hybridbonus gibt es obendrauf. Käufer haben die Wahl zwischen sieben Modellen – vom kompakten Yaris bis zum Prius. Vor allem ist die Aktion aber natürlich eine Provokation, mit der man die deutsche Dieselkonkurrenz vorführen möchte.

Quelle:  Handelsblatt Online
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