Baden-Württemberg: Der riskante Umbau nach grünem Vorbild - Seite 2

Baden-Württemberg: Der riskante Umbau nach grünem Vorbild

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Ansicht der Freiburger Quelle: dpa
Ansicht der Freiburger Altstadt Quelle: dpa

Das spezielle „Freiburger Lebensgefühl“, das Salomon als Standortvorteil preist, lässt allerdings nur saubere Ansiedlungen zu. Chemiefabriken oder gar rauchende Schlote würden kaum genehmigt. Kreative Köpfe sollen es sein, welche die „Green City“ ökologisch korrekt voranbringen. Es klingt schon fast beschwörend, wenn die Wirtschaftsförderer darauf verweisen müssen, dass auch Freiburg seine „industrielle Produktion erhalten und stärken muss“. Denn das profilbildende Cluster der Umwelt- und Solarwirtschaft beschäftigt trotz aller Anstrengungen gerade mal drei Prozent (12.000) aller Erwerbstätigen. Diese verteilen sich jedoch über die gesamte Region Freiburg auf rund 2000 Betriebe und leisten lediglich 650 Millionen Euro an Wertschöpfung.

Der Innovationsindex des Landes stuft die badischen Weltenretter denn auch im unteren Drittel ein – gleich hinter Tübingen. Und damit weit abgeschlagen selbst hinter dem ländlichen Ostwürttemberg, wo man noch darauf vertraut, dass Hochtechnologie, Forschung und Entwicklung vor allem im produzierenden Gewerbe gedeihen. Bio reicht dort als Dünger nicht.

Freiburg lebt wie Tübingen vor allem von öffentlich-rechtlich finanzierten Arbeitgebern: Uniklinik, Universität, Institute, Ämter und Behörden. Dort, wie in anderen ähnlich strukturierten mittelgroßen Städten wie Göttingen oder Marburg auch, sind die Staatsgehälter sicher und die Finanzzuweisungen aus dem Landesetat resistent gegen Schwankungen der Konjunktur. Das schafft aber auch lähmende Selbstgefälligkeit. Zu beklagen sei eine „geringe Wirtschaftsaffinität der Freiburger Bevölkerung sowie eine geringe Ausstattung mit regionalen Risikokapitalgebern“, merkt deren Wirtschaftsförderer Bernd Dallmann vorsichtig an, um diese Nachteile sogleich ins Positive zu wenden: „Die Solaranlage auf dem Dach ist unseren Bürgern eben wichtiger als der Stern auf der Motorhaube.“

Wer von Wirtschaftswachstum spricht, macht sich verdächtig. Am Rhein wie am Neckar. In Tübingen sind gleich zwei auserkorene Wirtschaftsförderer kurz vor Amtsantritt abgesprungen. Dort wurde sogar eine Forschungsanstalt gegen Viruskrankheiten abgewiesen, weil einflussreiche Bürger Schweine-Geruch fürchteten. In der grünen Lebenswelt setzt man andere Prioritäten, die der Tübinger Stadtchef so zusammenfasst: umfassende Kinderbetreuung und schulische Fürsorge, viel Kultur und noch mehr Klimaschutz, viele Radwege und wenig Flächenverbrauch. Palmer wie Salomon gelten zwar als bodenständige Realos, denen die Sparsamkeit einer schwäbischen Hausfrau durchaus imponiert. Doch dem Druck der Basis können auch sie sich nicht entziehen: Als sich Freiburgs Obergrüner 2006 durch den Verkauf von 1000 städtischen Wohnungen finanziell Luft verschaffen wollte, zwang ihn Bürgerprotest zum Rückzug. Und die Tübinger wollten in der öffentlichen Diskussion über einen Bürgerhaushalt allenfalls auf etwas Blumenschmuck und Weihnachtsbeleuchtung verzichten.

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Vor allem die komfortable Kinderbetreuung geht ins Geld. Tübingen wendet mittlerweile ein Viertel (28 Millionen Euro) seines Verwaltungsetats auf, um das politische Plansoll überzuerfüllen. Bei knapp 88 000 Einwohnern leistet es sich fast 3300 Krippen- und Kindergartenplätze. Neben der energetischen Sanierung von Schulen ist dies auch in Freiburg ein dicker Ausgabenbrocken. Die Kosten für rund 8000 Plätze (bei 219 000 Einwohnern) summieren sich auf 56,4 Millionen Euro. Das fördert das Image als familienfreundliche Stadt und sorgt für kräftiges Einwohnerwachstum und eine Verjüngung der Bevölkerung.

15 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 16.03.2012, 10:02 UhrRaubeiter

    Ich lebe in Tübingen. Viele Kommentatoren scheinen in Baden-Württemberg zu leben. Die Kommentare spiegeln die Zustimmung und Ablehnung der grünen Landes- und Stadtmehrheiten. Tübingen und Freiburg sind Universitätsstädte. Wenn in Böblingen, Stuttgart, Rastatt das Durchschnittseinkommen höher ist, dann vielleicht deshalb, weil der Anteil der Studenten geringer ist. Wo haben denn die, die in Böblingen, Stuttgart, Rastatt arbeiten, studiert?

  • 15.09.2011, 18:16 UhrJoGa

    Die Sicherung und Steigerung von Gewerbesteuereinnahmen dürfte Freiburg allerdings sehr schwer fallen, wenn namhafte Unternehmen wie z.b. Solarstrom AG und Merkur Frucht ihre Firmensitze ins Umland verlegen.
    Vor allem der Verlust der Solarstrom AG sollte der Green City Freiburg mal zu denken geben...

  • 12.08.2011, 00:58 UhrBild uns unsere Meinung

    Der Autor hat vor allem ne politische Meinung. Um die zu untermauern zieht er sehr viele Zitate aus berichten, interviews und Sprichwörter heran, die er anerandereit als wären sie gleichwertig. Zudem kennt er ein paar Zahlen, zu denen er aber nicht viel sagen kann, was genau falsch ist und in welcher Relation sie stehen. Aber alle Dinge untermauern ohne näherer Erklährung seine polemisch vorgetragene Meinung.
    Wer die Zahlen in den richtigen Kontext bringen will kann sich hier umsehen: http://www.statistik-bw.de/FinSteuern/Landesdaten/
    Guter Jounlasisum würde einem die Umfassende Faktenlage darstellen und nicht die Faktenlage passend und zugeschnitten auf die eigene Meinung präsentieren.

    Lest die FAZ oder die FTD wenn ihr ne gute konservative Wirtschaftszeitung wollt und nicht dieses Schmierblatt mit Journalismus auf bildzeitungsniveau.

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