Bahnstreik als Symbol: Deutschland steht still

Bahnstreik als Symbol: Deutschland steht still

Bild vergrößern

Mitglieder der Gewerkschaft der Lokführer (GdL) demonstrieren in Berlin vor der Zentrale der Deutschen Bahn am Potsdamer Platz.

von Henning Krumrey, Konrad Fischer, Bert Losse, Christian Schlesiger und Cordula Tutt

Die Blockade des Bahnverkehrs ist Symbol für den Stillstand des Landes. Egoismus und Reformstau greifen um sich, wirtschaftliche Risiken und gesellschaftliche Probleme wachsen. Die Politik ruht sich auf den Erfolgen der Vergangenheit aus.

Der Hashtag im Kurznachrichtendienst Twitter ist vulgär, und auch die Botschaften sind heftig. Auf #Fuckyougdl lassen frustrierte Streikopfer ihren Verwünschungen freien Lauf: „Wenn ihr weniger arbeiten wollt, beantragt Hartz IV“, empfiehlt @Reyson1990 den Lokführern im Ausstand.

„Zwar habt ihr nicht mehr Geld, aber eine Forderung ist wenigstens erfüllt.“ @MhhhKathi schimpft: „Ich opfere für Donnerstag und Freitag jetzt meine letzten beiden Urlaubstage. Danke, Arschlöcher.“ Und @didi577 versteigt sich gar zu einem Gewaltaufruf: „Bindet Weselsky aufs Gleis, solange noch Züge fahren.“

Anzeige

Allzu gefährlich war das für den Vorsitzenden der GDL, Claus Weselsky, noch nicht. Die meisten Züge blieben zunächst im Depot, nur die Reisenden auf der Strecke. Es ist der größte Eisenbahnerstreik in der bundesrepublikanischen Geschichte, der in sechs Abschnitten in diesem Jahr bereits an 13 Tagen für Stillstand sorgen sollte. Organisiert durch eine Minigewerkschaft mit 34 000 Mitgliedern, der es nicht um mehr Lohn für ihre Mitglieder geht, sondern um mehr Macht für ihre Funktionäre.

Der Bahnstreik ist Symptom einer selbstvergessenen Gesellschaft – und Symbol für den Stillstandort Deutschland, für Egoismus und Reformstau, die überall um sich greifen. Die wirtschaftlichen Risiken und die gesellschaftlichen Probleme nehmen zu, die Investitionslücke wächst, doch die Gesellschaft hält fest an kommoden Besitzständen.

Deutschland ist noch nicht wieder der kranke Mann Europas wie um die Jahrtausendwende. Aber statt im Fitnessclub der Reformen zu ackern, fläzt es im Liegestuhl. Statt sich für die Zukunft zu wappnen, verharrt es selbstzufrieden.

Armutsgefährdung in Deutschland

  • Wie viele Menschen in Deutschland sind arm?

    Wer in Deutschland allein mit weniger als 979 Euro netto im Monat auskommen muss, gilt nach der EU-Statistik als armutsgefährdet. Bei einer vierköpfigen Familie liegt die Grenze bei 2056 Euro im Monat. Nach dieser Rechnung sind 13 Millionen Menschen in der Bundesrepublik von Armut bedroht. Der Anteil an der Bevölkerung von rund 16 Prozent ist seit Jahren relativ stabil. Armutsforscher Hans-Ulrich Huster warnt jedoch: „Etwa die Hälfte davon hat keine Chance mehr, da raus zu kommen.“ Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband ergänzt: „Wir haben immer mehr Erwerbstätige, aber trotzdem schützt dies nicht mehr vor Armut.“

  • Was ist Armutsgefährdung?

    Die Statistiker sprechen von „Armutsgefährdung“ oder einem „relativen Armutsrisiko“. Nach der Definition der EU-Statistik ist von Armut bedroht, wer von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung seines Landes lebt. „Armut“ ist nach Ansicht des Armutsforschers Christian Arndt „ein Zeichen dafür, dass etwas Wesentliches zum Wohlergehen fehlt“. Dies betreffe aber nicht alle, die über ein Einkommen unterhalb der „Armutsrisikoschwelle“ verfügten. „So ist dies sicher nicht der Fall für einen Studierenden mit geringem Einkommen, kann aber sehr wohl für ein schwerwiegendes Problem für eine alleinstehende Rentnerin sein.“

  • Wie schneidet Deutschland im EU-Vergleich ab?

    Mit einer Armutsgefährdungsquote von 16,1 Prozent schneidet Deutschland 2013 um 0,6 Prozentpunkte besser ab als der Anteil aller EU-Länder zusammen. Allerdings fehlen für den exakten Mittelwert noch einige Zahlen, etwa die von Irland und Kroatien. Besonders hoch ist der Anteil der von Armut bedrohten Menschen in Griechenland (23,1 Prozent), Rumänien (22,4 Prozent) und Bulgarien (21,0 Prozent). Am niedrigsten ist das Armutsrisiko in der Tschechischen Republik (mit einem Anteil von 8,6 Prozent), Island (9,3 Prozent), den Niederlanden (10,4 Prozent) und Norwegen (10,9 Prozent).

  • Wer ist in der BRD besonders von Armut bedroht?

    „Armut ist immer noch weiblich“, sagt die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Ulrike Mascher. Frauen aller Altersgruppen sind stärker von Armut bedroht als Männer. Besonders betroffen sind Alleinerziehende und Frauen im Rentenalter. Und: Fast 70 Prozent der Arbeitslosen sind armutsgefährdet. Nach Einschätzung von Armutsforscher Hans-Ulrich Huster haben auch Menschen mit Migrationshintergrund und alleinlebende junge Leute unter 30 Jahren ein erhöhtes Risiko.

  • Steigt die Zahl der Armen in Deutschland?

    Das Armutsrisiko hat nach Darstellung des Volkswirts und Armutsforschers Christian Arndt zwischen 1999 und 2005 stark zugenommen. Seitdem aber nicht mehr. In der seit 2008 erhobenen EU-Statistik stieg die Quote für Deutschland von 15,2 Prozent auf 16,1 Prozent. „Hier könnte man einerseits von einer Manifestation des Armutsrisikos sprechen. Die Botschaft ist aber die, dass das Armutsrisiko im Gegensatz zu einigen anderen Ländern nicht weiter zugenommen hat.“ Armutsforscher Hans-Ulrich Huster stellt fest: „Die Reichen werden reicher. Das Einkommen der Armen sinkt relativ gesehen zu den Einkommen der mittleren und oberen Einkommensbezieher.“

  • Was fordern Fachleute?

    Der für 2015 geplante Mindestlohn ist nach Einschätzung des Sozialverbands VdK und des Paritätischen Wohlfahrtsverband ein richtiger Schritt. „8,50 Euro ist aber hart auf Kante genäht, das ist genau für einen Alleinlebenden die Armutsschwelle“, sagt der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider. Armutsforscher Hans-Ulrich Huster betont: „Nicht der Facharbeitermangel ist das Problem, sondern dass wir uns zu wenig darum kümmern, dass die Jugendlichen, die da sind, eine entsprechende Ausbildung bekommen.“

Gerhard Schröder startete seine Agenda erst, als er mit dem Rücken zur Wand stand. Die schwarz-rote Koalition hat daraus nichts gelernt. Sie wartet ab, bis sie vor die Wand läuft.

Die Generalimmobilmachung auf der Schiene – und vielleicht bald wieder in der Luft durch die streikfreudigen Piloten – trifft mitten hinein in die Sorge um die Konjunktur.

Eine Rezession ist nicht in Sicht. Aber dass die Wirtschaftslage flauer wird, bestreitet niemand, nicht einmal die Regierung. Ähnlich wie die Forschungsinstitute hat sie ihre Wachstumsprognose auf 1,2 Prozent für dieses und 1,3 Prozent fürs nächste Jahr zurückgenommen. Chefskeptiker und Konjunkturforscher Hans Werner Sinn vom ifo Institut verortet die Entwicklung inzwischen gar „nochmals ein Stück tiefer, in der Gegend von etwa einem Prozent“.

Denn der Geschäftsklimaindex des Instituts bröckelt beständig ab, deute also auf eine Stagnation hin. Die Mehrheit der Großunternehmen rechnet zudem mit einer Rückkehr der Euro-Krise, hat die Beratungsgesellschaft Deloitte ermittelt. Doch die satte, müde Republik und ihre Bewohner ficht das nicht an, getreu dem Egoistenmotto: „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.“

Industrieverbände, Gewerkschaften, Lobbytruppen aller Art, aber auch jeder einzelne Bürger fühlen sich berechtigt, lieber doch noch ein etwas größeres Stück vom Kuchen abzuschneiden. Mehr Macht, mehr Mitglieder, mehr Subventionen – danach gieren die Organisationen. Mehr Rente, weniger Sozialbeiträge, weniger Steuern – danach sehnen sich Arbeitnehmer und Verbraucher. Und der Staat steht nicht hintan: Mehr Steuern, mehr Gebühren, mehr Regulierung – so weitet er seinen Einfluss aus.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%