Balkan: Kampf den Mythen

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Albaner feiern die Unabhängigkeit von Kosovo.

Ja, es ist wahr, es gibt eine beunruhigende Anzahl von Gerüchten, Mythen und Absurditäten im Umlauf, auf allen Seiten. Sie zielen auf Emotionen und Urinstinkte und schüren Ressentiments und Animositäten. AnilaWilms über die Mythen und Absurditäten auf dem Balkan.

Es ist ein Kampf von Mythen gegen Mythen, Propaganda gegen Propaganda. Dieser Kampf kann von niemandem gewonnen werden. Die Spirale der Gewalt, des Hasses und der Vorwürfe auf dem Balkan dreht sich weiter. 

Will man da raus, muss man mit der Entkräftigung der Mythen anfangen, die den Nährboden für die Konflikte bieten. Will man biblische Verhältnisse des Typs „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ hinter sich lassen und im 21. Jahrhundert ankommen, will man  in Europa ankommen, dann braucht man ein europäisches Instrumentarium der Konfliktbewältigung.

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Die Verarbeitung eines jeden Konflikts beginnt mit der Erkenntnis, am besten gleich mit der eigenen Geschichte und Komplexen. Es ist eine blutige Geschichte der nationalen Konflikte, die der Balkan geerbt hat. Unter dem Kommunismus, der nationenübergreifend  sein wollte, waren nationale Konflikte ein Tabu-Thema. Statt historisch und gesellschaftlich verarbeitet zu werden, wurden sie unterdrückt, überdeckt und aus der Öffentlichkeit ausgeblendet. So durften sie unter der Oberfläche weiter anschwellen und explodierten sobald die kommunistischen Regimes zusammenbrachen.

Darüber hinaus, haben die Kommunisten auf dem Balkan, wie auch anderswo in Osteuropa, massive Geschichtsfälschung aus ideologischen Gründen betrieben. Sie bezogen ihre Machtlegitimierung aus dem "faschistischen Widerstand", weshalb der ideologisch passenden Interpretation des 2. Weltkrieges besondere Bedeutung zugemessen wurde. So entstand der Mythos, einzig und allein der Kommunismus hätte den Faschismus erfolgreich bekämpft. Die anderen politischen Kräfte sollen "Kollaborateure" gewesen sein. Damit wurden auch die blutigen Abrechnungen am Ende des Krieges gerechtfertigt.

Die moderne Forschung beginnt, sich mit den bislang ausgeklammerten Phänomenen des 2. Weltkrieges objektiv auseinanderzusetzen. Die wichtigste Frage hat mit der Definition von „Kollaboration“ und „Widerstand“ zu tun. Man ist sich inzwischen darüber einig, dass es verschiedene Stufen von beiden Verhaltensmustern gibt, die sich zudem außerordentlich schwer abgrenzen lassen, weil die Entscheidung zur Anpassung oder Auflehnung gegen den völkerrechtlichen Okkupateur von unterschiedlichsten menschlichen Faktoren abhängen und stets variieren kann.

Wie verhielten sich also die Albaner während der deutschen Besatzung?

Erste Ergebnisse im Bereich der Albanien-Forschung bieten ein sehr differenziertes Bild. Die Albaner und die Kosovaren lebten 1943 bereits seit 30 Jahren in zwei verschiedenen Staatsverbänden, daher gilt es, zwischen den beiden Volksteilen zu unterscheiden. Diesen Unterschied machte auch die deutsche Okkupationspolitik.

Als nach dem Ausscheiden Italiens aus dem Krieg im Sommer-Herbst 1943 die deutschen Truppen in die albanischen Lande einrückten, sah sich die Wehrmacht bereits mit dem rapiden Schrumpfen ihrer menschlichen und materiellen Ressourcen konfrontiert. Ihre weitere Politik wurde von dieser Zwangslage diktiert. Hermann Neubacher, der neue „Sonderbevollmächtigte des Auswärtigen Amtes für den Südosten“, hatte als Aufgabe, eine kräftesparende Lösung für die Befriedung des Landes zu suchen. Nur zweieinhalb Divisionen  konnten für diesen Zweck freigemacht werden. Als letztes Ziel galt, die Besatzung ohne Importe und mit so wenig Verlusten wie möglich zu gestalten. Die innere Sicherheit sowie die gesamte Verwaltung sollte einer albanischen Regierung überlassen werden. Diese sollte unabhängig, kriegsneutral, jedoch den Deutschen freundlich gesonnen sein.

Die nach diesen Prinzipien aufgestellte Regierung erhielt tatsächlich beträchtliche Machtbefugnisse. Sie sah sich als national und weitgehend unabhängig, trotz der Präsenz der 36 000 deutschen Soldaten im Lande und bemühte sich sogar um internationale Anerkennung der Eigenstaatlichkeit, die von den Italienern abgeschafft worden war.

Die albanische „Marionetten-Regierung“ wurde nie zu einem ideologischen Partner für den Nationalsozialismus, wie das in Rumänien oder mit dem Ustasa-Regime in Kroatien der Fall war. Es gab seitens der deutschen Armee in Albanien keine Einmischung in die Verwaltungsangelegenheiten, keine Pressezensur, keine Übergriffe auf die Bevölkerung, keine schweren Vergeltungen. Es gab eine einzige Massenerschießung, das Borova-Massaker mit 101 Toten im Juli 1943 (am ersten Tag des deutschen Vordringens ins albanische Gebiet), infolge eines von den Partisanen verübten Anschlags auf die Autokolonne im Barmashi-Pass. Später enthielt sich die Wehrmacht solcher Aktionen. Mit der albanischen Regierung zusammen organisierte sie jedoch (durchaus effektive) Militäroperationen gegen den wachsenden kommunistisch geführten Widerstand.

Der kommunistische Widerstand richtete sich weniger gegen die Deutschen, die ohnehin im Begriff waren, den Krieg zu verlieren, als gegen die Eliten im Lande. Es war ein Machtkampf zwischen zwei gegensätzlichen Weltanschauungen, ein „Klassenkampf“, der gegen Ende der Besatzung in einen Bürgerkrieg ausartete.

Zwar befreiten die albanischen Kommunisten das Land von den Deutschen nicht (diese waren im November 1944 gen Norden zurückgezogen), aber mit Hilfe der siegreichen Sowjetunion entschieden sie den Bürgerkrieg für sich, während die anderen zusammen mit den Deutschen „gefallen“ waren. So durften die Kommunisten damit auch die Geschichte schreiben. Sie stilisierten sich als die Erretter der Nation, während alle anderen, die mit ihnen verfeindeten Gruppen innerhalb des Widerstands und erst recht die einstigen Machthaber, als Verräter verdammt und nach dem Krieg, sofern sie nicht rechtzeitig geflohen waren, gänzlich eliminiert wurden.

Der Fall Kosovo andererseits ist nur im Zusammenhang mit der deutschen Jugoslawienpolitik zu verstehen. Hitler zerschlug Jugoslawien und instrumentalisierte ganz nach dem Prinzip des "divide et impera" die Spannungen und Antagonismen zwischen den verschiedenen Nationen.

Die eifrige deutsche Propaganda versprach den Albanern, wie den anderen nicht-serbischen Volksgruppen Jugoslawiens, die Lösung ihrer nationalen Frage – das Abschütteln der serbischen Herrschaft und Wiedervereinigung mit Albanien. In Kosovo gab es, anders als in Albanien, das niemals Truppen aufstellte, auch die SS-Division Skanderbeg, die mit 6000 Mann allerdings keine Divisionsstärke erreichte. Der stärkere Wille der Kosovaren zur Kooperation mit den Deutschen ist damit zu erklären, dass man nach fast dreißig Jahren serbischer Unterdrückung in den Deutschen (bzw. Italienern) die Befreier sah. Hat man es mit mehreren Feinden zu tun, dann ist der völkerrechtliche Feind (in diesem Fall die Deutschen und die Italiener) vielleicht nicht der erste in der Feindeshierarchie. Die serbische Besetzung des Kosovo 1912 war zwar völkerrechtlich legitimiert, stellte aber für die Bevölkerung eine viel größere existentielle Bedrohung dar.

Deutschen wie Albanern war also klar, dass der Krieg woanders entschieden werden würde. Beide Seiten bemühten sich daher um eine Minimierung der Verluste. Zu diesem Zweck tolerierte man sich gegenseitig, man arrangierte sich. Tatsächlich ist es gelungen, die menschlichen Verluste im regionalen Vergleich begrenzt zu halten. Die Opfer der kommunistischen Repressalien bei Kriegsende und in den späteren Jahren übersteigen nach Schätzungen bei weitem die Zahl der Kriegsopfer.

Nach welchem Kriterium definiert man also Kollaboration und Widerstand? Welches ist verwerflich und welches nachvollziehbar? Ist Menschenverachtung nicht verachtungswürdig, egal unter welchem ideologischen Deckmantel? Und sollte Menschenschutz nicht die absolute Priorität einer jeden Politik sein? Die Albaner revidieren zurzeit die historische Beurteilung der so genannten Kollaborationsregimes, wie Serbien das etwa mit der Nedic-Regierung oder Cetnik-Bewegung schon getan hat oder noch tut.

Keinerlei Zweifeln oder Unklarheiten gibt es dagegen in der Frage, ob es in Albanien eine Judenverfolgung gegeben hat. Die Fakten sprechen für sich: In Albanien lag die Überlebensquote der Juden bei 100%, in Kosovo bei 60%. Zum Vergleich: Im übrigen Jugoslawien haben zwischen 18-28% und in Griechenland zwischen 14-22% der ansässigen Juden den Krieg überlebt. Es gab in Albanien am Ende des Krieges circa zehn mal mehr Juden als vor dem Krieg. Dies ist ein einmaliges Phänomen in Europa.

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