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Banken: Kein Markt, kein Preis

von christof.schuermann@wiwo.de

Die US-Banken glänzten bislang mit ihren Gewinnen. Nach dem Ausbruch der Finanzkrise steht die Branche vor dem Kollaps.

Der Dow Jones startete am Nachmittag wenig verändert.  dpa
Der Dow Jones startete am Nachmittag wenig verändert. Foto: dpa

Neue Besen kehren gut. So auch Win Bischoff. Der Übergangs-Chef der Citigroup kehrte zu seinem Amtsantritt am vergangenen Dienstag erst einmal Risiken in Höhe von elf Milliarden Dollar aus der überbewerteten Bilanz des weltgrößten privaten Finanzinstituts. Sein Vorgänger Charles Prince hatte erst zwei Wochen zuvor 6,5 Milliarden Dollar Abschreibungen wegen der Krise am US-Hypothekenmarkt einräumen müssen. Zu wenig, die Salami-Taktik kostete Prince den Kopf. Gut 17 Milliarden Dollar an bisherigen Abwertungen aus der Finanzkrise bei der Citigroup, 8,4 Milliarden Dollar bei Merrill Lynch – die Banken sind von erdbebenartigen Stößen erschüttert. Dabei sind sie, neben den Verbrauchern, die treibende Kraft der US-Wirtschaft: 40 Prozent der Gewinne aller börsennotierten Unternehmen stammen aus der Finanzwelt. Merrill Lynch fuhr zuletzt mit einem Minus von 2,3 Milliarden Dollar den höchsten Quartalsverlust seiner Geschichte ein. Auch Merrill-Chef Stan O’Neal musste daraufhin seinen Hut nehmen. Nun hat auch noch die US-Börsenaufsicht SEC Merrill Lynch auf dem Radar. Die SEC untersuche, ob die Geschäfte im Zusammenhang mit zweitrangigen Krediten ausreichend vorsichtig bewertet worden seien, teilte die Bank selbst mit. Und auch die zweitgrößte US-Investmentbank Morgan Stanley hatte am vergangenen Mittwoch Wichtiges zu berichten: Sie muss 3,7 Milliarden Dollar abschreiben, der Gewinn im laufenden vierten Quartal werde dadurch voraussichtlich um 2,5 Milliarden Dollar sinken. Im dritten Quartal sackten die Gewinne der US-Banken bereits um ein Sechstel unter die Vorjahreswerte ab – keine Branche schlug sich schlechter. Doch es wird noch schlimmer: „Wir stehen vor einem Eine-Billion-Dollar-Problem“, sagt Bill Gross, Anleiheguru des weltgrößten Anleiheverwalters Pimco. Die Gefahr: Niemand weiß derzeit, was noch alles zutage kommt. Internationale Bilanzregeln machen es möglich, schon längst aufgelaufene Milliardenverluste noch zu verstecken. Morgan Stanley beispielsweise sichert nominal Gegenwerte in Höhe von mehr als 6000 Milliarden Dollar ab – eine Summe, die fast doppelt so hoch ist wie das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands. Das theoretische Risiko gibt Morgan-Stanley-Chef John Mack im jüngsten Quartalsbericht dagegen nur mit 38 Milliarden Dollar an – seit vergangener Woche wird neu gerechnet. Dabei basiert ein Großteil der Wertansätze für das Vermögen bei allen Banken auf Schätzungen. Die jüngsten Quartalsberichte sind nicht einmal von Wirtschaftsprüfern streng unter die Lupe genommen worden. Diese könnten bald erstmals etwas Licht ins Dunkel bringen – jedoch erst im Frühjahr. Dann müssen die Banken testierte Bilanzen vorlegen. Bis dahin gleichen Analysen dem Stochern im Nebel. Die Abschreibungen auf US-Hypotheken-basierte Papiere könnten nach Berechnungen der Investmentbank JP Morgan Chase 200 Milliarden Dollar erreichen. Bisher schrieb Wall Street davon aber erst gut 30 Milliarden Dollar ab. Nicht berücksichtigt ist in solchen Zahlen, dass „die Krise auch auf andere forderungsbesicherte Wertpapiere übergreift“, so Eberhardt Unger, Chefvolkswirt von Fairesearch in Frankfurt. So werden bis ins Frühjahr 2008 rund 881 Milliarden Dollar an Papieren auf US-Unternehmenskredite fällig. Diese „dürften mehr oder weniger insolvent und illiquide sein“, sagt Unger.

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Viele dieser Papiere haben binnen vier Monaten bis zu 70 Prozent an Wert verloren. Sollten sich nicht schnell Käufer zu höheren Kursen finden, müssen die US-Finanzinstitute den Rotstift ansetzen. „In den kommenden sechs bis zwölf Monaten werden weitere Vermögenswerte abzuschreiben sein, die vielfach nicht mit dem Häusersektor zusammenhängen“, bestätigt auch Pimco-Chef Gross. Um das Vermögen auf dem Papier zu retten, wollen die US-Häuser einen 100-Milliarden-Dollar-Fonds gründen. Dieser soll Papiere kaufen, für die es derzeit keinen Markt und keine Preise gibt. Vordergründig soll der Fonds „Liquidität“ bereitstellen. In Wahrheit dürfte der Fonds jedoch dazu dienen, die Bilanzen zu retten. Der Trick: Kauft der Fonds derzeit nicht handelbare Papiere auf, können die Banken ihr Vermögen vor Abschreibungen retten. Denn von den Wirtschaftsprüfern zu testierende Bilanzwerte orientieren sich an vermeintlich aktuellen realen Preisen und schätzen eine spätere tatsächliche Verwertbarkeit nicht ein. Doch ob das reicht, um Pleiten zu verhindern? Immerhin schieben die Banken Kreditzusagen in Höhe von 350 Milliarden Dollar für angekündigte Fusionen und Übernahmen vor sich her. Auch hier drohen Abschreibungen in Milliardenhöhe. So könnte sich der Finanzsturm schnell zu einem Orkan ausweiten. Müsste eine Bank wie Morgan Stanley beispielsweise nur gut drei Prozent ihres Vermögen abschreiben, wäre das Eigenkapital vernichtet und die Bank überschuldet. Häme ist dabei nicht angebracht. Bei der Deutschen Bank beispielsweise reichen schon zwei Prozent an Abschreibungen auf ihr Bilanzvermögen, um das gesamten Eigenkapital auszulöschen. Investoren jedenfalls kalkulieren solche Krisenszenarien mit ein. Der Goldpreis markierte vergangene Woche bei 850 Dollar fast ein Allzeithoch – während Kurse von Bankaktien wie die der Citigroup weiter abstürzten. Mehr als 100 Milliarden Dollar an Börsenwert sind binnen weniger Wochen allein bei US-Bankaktien schon vernichtet worden. Der Kehraus dürfte weitergehen.

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