Bayern: Oberpfalz holt kräftig auf

Bayern: Oberpfalz holt kräftig auf

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Didgeridoo-Spieler vor der Steinernen Brücke in Regensburg

Jahrzehntelang war die Oberpfalz Bayerns Armenhaus. Vor der Wende Zonenrandgebiet, danach bis zur EU-Osterweiterung nicht mal mehr das. Doch entgegen allen Befürchtungen nutzt die Region die Chancen offener Grenzen und holt kräftig auf.

Als Lothar Heigl 1978 sein Hotel am Tor eröffnete, war Weiden Frontstadt. 40 Kilometer weiter östlich standen sowjetische Mittelstreckenraketen. „Da war für uns die Welt zu Ende“, erinnert sich Heigl, ein freundlicher Herr mit Schnauzer.

Für die meisten Bayern aber ist die Welt auch heute noch ganz woanders zu Ende, nämlich an der Grenze, die Oberbayern von der Oberpfalz trennt. Diesseits – aus oberbayrischer Sicht – brummt die Wirtschaft. Da sitzt die Regierung in der barocken Landeshauptstadt München und verkündet voll Stolz, dass in Bayern die Wirtschaftsleistung seit 1997 um 30 Prozent zugenommen hat – das ist weit mehr, als jedes andere Bundesland aufzuweisen hat. Die Arbeitslosenquote im Freistaat lag im März bei nur 4,8 Prozent, verglichen mit 8,4 Prozent im Bundesdurchschnitt.

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Aber Weiden? Amberg? Cham? Tirschenreuth? All die kleinen Städte der östlichen Oberpfalz? Sie passten lange Zeit nicht so recht in die bayrische Erfolgsstory. Die Arbeitslosigkeit war hoch, das Lohnniveau niedrig. Die Region brummte nicht, sie schnarchte.

Heigl war einer der wenigen, die mit dem Dornröschenschlaf der Region gut leben konnten. Denn von der anderen Seite des Eisernen Vorhangs aus gesehen, begann bei ihm zu Zeiten des Kalten Kriegs das Paradies. An den Wochenenden kamen die Diplomaten aus Prag angereist. „Der belgische Botschafter ließ seinen Mercedes reparieren, der brasilianische Botschafter besorgte Ersatzteile für die Spülmaschine – und alle übernachteten bei mir“, erzählt der Hotelier. Auch die Politiker der alten Bundesrepublik stiegen bei Heigl ab, wenn sie dem Zonenrandgebiet einen Besuch abstatteten. Am Empfang hat er ein Foto aufgehängt, auf dem ist der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker zu sehen. Das war 1988.

Die Tür geht auf und ein älteres Paar betritt den Eingangsraum. Sie fragen auf Englisch nach ihrem Zimmerschlüssel. „Amerikanische Touristen“, flüstert Heigl. Sie kamen aus westlicher Richtung nach Weiden. Tschechische Geschäftsleute kommen aus dem Osten. Es läuft gut, „noch viel besser als früher, es ist einfach viel mehr los“, freut sich der Hotelier. „Wir sind hier jetzt halt Durchgangsland.“

Durchgangsland – das klingt für Josef Beimler, den Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Regensburg, zu negativ, nämlich so, als wollten alle schnell weiterziehen. Und das sei schon lange nicht mehr der Fall. „Wir entwickeln uns gerade zu einer Metropolregion“, sagt Beimler und ergänzt: „Zu einer polyzentrischen Metropolregion!“ Das klingt nach mehr.

Hört man dem IHK-Mann eine Weile zu, beschleicht einen das Gefühl, nicht nur in irgendeinem Café am Regensburger Domplatz zu sitzen, sondern auch am Dreh- und Angelpunkt einer Wirtschaftsregion, die aus dem Zusammenwachsen von Ost und West in diesem Moment gerade neu entsteht. Das ist die Antwort des einstigen bayrischen Armenhauses auf die Boomregionen um München und Nürnberg – und Prag. Die neue Metropolregion, sagt Beimler, reicht von Pilsen bis nach Linz, umfasst Ostbayern und Westböhmen – der nüchterne Handelskammermensch gerät ins Schwärmen: „Früher waren wir das tote Ende einer Sackgasse, jetzt sind wir wieder das Herz des europäischen Kontinents.“ Nur ein Name fehlt dem Konglomerat noch. „Ostbayern“ ist umstritten, wegen des „Ost“. Beimler beugt sich vor und raunt: „Es gibt zum Teil noch Angst vor dem negativen Touch.“

Es ist auch nicht leicht, mal eben mit dem Osten zusammenzuwachsen, wenn man jahrzehntelang immer nur nach Westen geblickt hat. Die Amerikaner waren die Richtschnur, noch heute gibt es viele GIs in der Region. Auf dem Truppenübungsgelände Grafenwöhr werden sie für ihren Einsatz im Irak ausgebildet. » Tschechisch hat kaum jemand gelernt. Viele Sudetendeutsche sind nach dem Krieg in Ostbayern hängengeblieben. Das hat für Ressentiments gesorgt.

Und dann die Vorurteile, als die Grenze 1989 plötzlich offen war: Damals hängten die Einzelhändler in ihren Läden Schilder auf. „Darauf stand Klauen verboten – auf Tschechisch“, erinnert sich Heiner Reber. Der Vater von drei Kindern wohnt im Grenzörtchen Vohenstrauß und arbeitet in Weiden für eine Kommunikationsagentur. „Und dann die Sperrmüllzüge! Die Tschechen kamen und sind mit vollgeladenen Autos zurückgefahren“, erzählt Reber. „Manchen Leuten hat das Angst gemacht, wenn hier plötzlich 200 Autos ihre Runden drehten.“

Noch schlimmer wurde die Angst vor Tschechiens EU-Beitritt 2004. Billige Handwerker würden die einheimischen Betriebe allesamt in den Ruin treiben, deutsche Unternehmen massenhaft Jobs über die Grenze verlagern, befürchteten viele Oberpfälzer. „Und wissen Sie was?“ Beimler holt tief Luft: „Tschechien kam in die EU, und passiert ist – nichts!“ Er lehnt sich zurück und lacht. „Weder sind die Tschechen massenhaft zu uns rübergekommen noch sind die Jobs alle nach drüben verlagert worden.“

Vielmehr haben die ostbayrischen Firmen die neu entstandenen Chancen genutzt. Sie verlagerten zwar arbeitsintensive Teile ihrer Produktion nach Tschechien. Doch „die frei werdenden Kapazitäten nutzen sie für die höherwertige Produktion daheim“, erklärt Beimler. „Mischkalkulation heißt das Zauberwort. Es sind sogar neue Arbeitsplätze entstanden.“ Die Arbeitslosenquote der Oberpfalz lag im März bei 5,4 Prozent.

Sonniger Süden, Bayerns Wirtschaft im Vergleich zum Bundesdurchschnitt

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Eine der Ersten, die auf Mischkalkulation setzen, war die Firma BHS in Weiherhammer. Ein Nest, das seinen Namen wegen des kleinen Sees trägt und weil hier früher eine Eisengießerei stand. BHS stellt Maschinen her, mit denen man Papier zu Wellpappe verarbeiten kann. Bis Anfang der Neunzigerjahre spielte die Firma „in der zweiten Liga“, verrät der geschäftsführende Gesellschafter Christian Engel. Dann ging BHS auf Expansionskurs. 1995 wurde eine Niederlassung im tschechischen Tachov gebaut, kurz hinter der Grenze. „Die Werksleitung musste das gegen großen Widerstand hier in der Belegschaft durchsetzen“, erinnert sich Engel. Doch 13 Jahre später hat BHS seine Produktion verachtfacht. Statt 600 sind heute 800 Mitarbeiter in Weiherhammer beschäftigt. Nach wie vor befindet sich der zentrale Vertrieb in Weiherhammer. Hier sitzt die Projektabteilung, die jedem Kunden seine Wunsch-Wellpappmaschine plant. Hier sitzt die Technik, die ihm vor Ort alle Teile zusammensetzt – es handelt sich bei diesen Maschinen um 120 Meter lange und 500 Tonnen schwere Ungetüme.

Auch die Amberger Grammer AG profitiert von den neuen Nachbarn. Mit vier weiteren Firmen gründete der Automobilzulieferer den Ostbayerischen Unternehmerverbund. Die deutschen Betriebe lassen über ihre tschechischen Tochterfirmen Mitarbeiter vor Ort ausbilden. Bei Grammer hat man erkannt: „Die Zeiten, in denen wir nur über Kosten konkurrenzfähig waren, sind vorbei. Das gilt für Ostbayern schon lange, aber zunehmend auch für Tschechien“, sagt Kommunikationschefin Wiebke Fröhner. „Wir konkurrieren gemeinsam mit den Tschechen gegen die Billigregionen in Asien.“

Dass Tschechien nicht mehr in der Billig-Liga spielt, zeigt die Lohnentwicklung. Bei BHS verdient ein tschechischer Monteur sieben Euro pro Stunde – fünfmal so viel wie in der Niederlassung in Shanghai.

Schon lange grasen keine tschechischen Autokolonnen mehr den deutschen Sperrmüll ab. Und während oberpfälzische Häuslebauer gerne mal auf günstige tschechische Handwerker zurückgreifen, bevorzugen wohlhabende Tschechen inzwischen für den Bau und die Einrichtung ihrer Villen Handwerksunternehmen mit der prestigeträchtigen deutschen Qualität.

Inzwischen haben sich auch die Weidener Einzelhändler längst auf die neue Kundschaft eingestellt. Sie stellen heute keine Klauverbots-Schilder in ihren Läden mehr auf, sondern übersetzen ihre Sonderangebote ins Tschechische und inserieren vor Weihnachten in den Zeitungen jenseits der Grenze. So erfährt die tschechische Kundschaft, dass Parfüm und Waschmaschinen in Deutschland billiger sind. Umgekehrt fahren viele Bayern zum Tanken nach Tschechien. Und wenn die Autobahn von Nürnberg über Amberg nach Prag in Kürze durchgehend fertiggestellt sein wird, dann geht die Fahrt noch schneller.

Auch Lothar Heigl dürfte davon profitieren. Für ihn sind die Tschechen längst vor allem eines: solvente Kunden. Denn auch wenn jetzt keine Botschafter und Bundespräsidenten mehr bei ihm haltmachen – sein Hotel am Tor ist weiterhin eine beliebte Station im neuen Durchgangsland.

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