BDI-Präsident Keitel im Interview: "Zwei Konjunkturpakete reichen aus"

BDI-Präsident Keitel im Interview: "Zwei Konjunkturpakete reichen aus"

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Hans-Peter Keitel, der neue Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

Der Ruf vieler Unternehmen nach dem Staat ist fatal, besser als Subventionen sind Entlastungen der Facharbeiter, sagt BDI-Präsident Hans-Peter Keitel.

WirtschaftsWoche: Herr Keitel, immer mehr Branchen und Unternehmen wollen Hilfe vom Staat. Wer hat tatsächlich Anspruch auf Unterstützung?

Keitel: In diesen Tagen wird uns allen klarer, welchen Umfang das Problem leider annimmt und dass jede wachsweiche Position den Staat überfordern würde. Es gibt nur glasklare Positionen: Entweder es wird verstaatlicht – das wollen wir alle nicht. Oder Hilfen stehen für die Unternehmen zur Verfügung, die eigentlich gesund sind und wegen der Krise vorübergehend Schwierigkeiten haben. Solche Bürgschaften hat es immer gegeben. Die haben jetzt einen größeren Umfang, das ist natürlich in Ordnung. Aber darauf sollte sich der Staat beschränken.

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Nach welchen Kriterien?

Wie viele Unternehmen kennen Sie, die ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell verfolgen, solide geführt und solide finanziert sind, keine riskanten Abenteuer gewagt haben und dennoch um Hilfe bitten? Auf diesen Teil müssen wir uns konzentrieren. Jedenfalls darf kein Maßstab sein, ob ein Unternehmen groß oder klein ist.

Der Deutschlandfonds hat klare Regeln: Hilfe gibt‘s für Unternehmen, die bis zum 1. August 2008 gesund waren. Gehört Arcandor dazu?

Entschuldigung, dieses Urteil maße ich mir nicht an. Klar ist: Wir sehen jetzt wie durch ein Brennglas, wie groß der Restrukturierungsbedarf in der Wirtschaft insgesamt ist. Er ist aber nicht wesentlich größer als früher und hat auch nicht unbedingt mit der Krise zu tun, aber er findet nun vor aller Augen statt. Es macht Unternehmertum aus, damit konstruktiv umzugehen.

Bei Schaeffler war es schon Pech, dass die Lehman-Pleite samt Kurssturz just in die Angebotsfrist für die Übernahme fiel. Sind die Schaefflers Opfer der Finanzkrise?

Einzelfälle kann ich nicht kommentieren. Generell gilt: Es gibt defensive Unternehmensstrategien, die beispielsweise auf organisches Wachstum setzen. Und es gibt offensive Strategien mit größerem Risiko. Beides ist vertretbar. Wenn ich als Bergwanderer…

…wie Sie einer sind...

…statt des Normalanstiegs den Grat wähle, dann gehe ich bewusst das Risiko ein, bei Wetterumschwung eher in Gefahr zu geraten. Diese Konsequenzen muss ich von vornherein bedenken und selbst tragen. In vielen Fällen sind die Banken, die Eigentümer und die Unternehmen ja selbst durchaus handlungsfähig. Der Staat wird gar nicht überall gebraucht. Er sollte sich nicht hineinziehen lassen, sondern so lange wie möglich auf Distanz bleiben, um sorgfältig abwägen zu können.

Politiker wollen Retter und Gestalter sein.

Das ist doch verständlich. Aber der Staat sollte nicht selbst mit jedem Interessenten verhandeln. Es ist Sache der betroffenen Unternehmen, gegebenenfalls zusammen mit einem Investor einen Businessplan vorzulegen und zu sagen, dafür hätten wir gern folgende staatliche Flankierung. Ich weiß, da ist auch viel guter politischer Wille dabei. Aber wenn ich als Staat nun einmal derjenige bin, der scheinbar beliebig viel Geld besorgen kann, dann bin ich umso mehr in der Gefahr, dass ich über Gebühr beansprucht werde.

Wie viel Überkapazitäten soll der Staat subventionieren?

Der Staat soll überhaupt keine Überkapazitäten finanzieren.

Verantwortung liegt beim Unternehmer

Arcandor und Opel haben seit Jahren Probleme. Geht es nun nicht nur darum, wer die Entlassungen verkünden muss?

Auch das ist nicht Aufgabe des Staates. Aus dieser Verantwortung darf sich kein Unternehmen stehlen. Der Abbau von Arbeitsplätzen ist das Schwerste, was Unternehmer machen müssen. Ich habe in meiner aktiven Zeit bei Hochtief von 22.000 Arbeitsplätzen in Deutschland 14.000 abbauen müssen. Das ist menschlich für alle Beteiligten äußerst belastend. Das geht nur, wenn man erklärt, wie die neue Struktur aussieht – das können nur Unternehmer.

Unternehmen und Politik sind zu ängstlich, Altes infrage zu stellen?

Wir denken manchmal zu sehr in Fortsetzungsgeschichten. Wieder ein eigenes Beispiel: Bei meinem Amtsantritt war Hochtief zu 80 Prozent in Deutschland und zu 80 Prozent im klassischen Baugeschäft aktiv. Als ich ging, waren es nur noch 18 Prozent in Deutschland und 20 Prozent im klassischen Bau. Wir hätten sonst in Deutschland nicht überlebt. Das hat sehr viel Geld, Aufregung, Arbeitsplätze gekostet. Aber am Ende haben wir genauso viele neue Arbeitsplätze wieder aufgebaut.

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