Berlin intern: Das Kanzler-Nicht-Duell

kolumneBerlin intern: Das Kanzler-Nicht-Duell

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Die amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel, der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer und der SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel.

Kolumne von Max Haerder

Wenn Angela Merkel und Sigmar Gabriel nicht gegen–, sondern nur nacheinander reden – dann gewinnt Rot. Ist für den Sieger bloß kein Grund zur Freude.

Angela Merkel dürfte ganz zufrieden gewesen sein. Es ist ohnehin nicht anzunehmen, dass die Bundeskanzlerin sehr häufig unzufrieden mit sich ist. Wenn alle Welt quasi permanent auf einem herumhackt, kann man es ja nicht ständig auch noch selber tun. Sie hat diese Selbstwerterhaltungsstrategie mal im Beisein von Russlands Präsident Wladimir Putin formuliert, der einst beklagte, er käme in deutschen Medien ach so schlecht weg. Merkels Heul-doch-Replik ging sinngemäß so: Falls sie sich alles zu Herzen nähme, was über sie geschrieben würde, dann könne sie morgens auch gleich mit Depressionen im Bett bleiben. Angesichts dieses trockenen uckermärkischen Konters machte Putin ein Gesicht, als habe er gerade verschimmelten Borschtsch probiert.

Wirtschaftspolitik Angela Merkel begeht Verrat an der Zukunft

Die schwarze Null, die Bundeskanzlerin Angela Merkel so tapfer verteidigt, ist nicht "alternativlos", Haushaltskonsolidierung und mehr Investitionen sind kein Widerspruch. Was fehlt, sind kluge Reformen.

Quelle: AP

Die Bundeskanzlerin wird auch vergangene Woche recht zufrieden mit sich gewesen sein, als sie nach getanem Werke von der Bühne des Arbeitgebertages stieg. Merkel hat sich in den Jahren ihrer Regentschaft den Ruf einer Meisterin des sedierenden Wortes erarbeitet. So einen Titel schenkt man nicht einfach so her. Im Gegensatz zu ihrem Auftritt beim jüngsten IT-Gipfel musste die Regierungschefin nicht mal nach einem altmodischen F-Wort suchen. Also: Ablesen, Abgang, höflicher Respekts-Applaus.

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Mehr war nicht drin, das weiß niemand besser als Deutschlands oberste Real(ismus)politikerin. Wer im Manuskript als Highlight nur das Versprechen stehen hat, die Regierung werde nicht mehr tun als im Koalitionsvertrag, aber eben doch fleißig alles angehen, was in diesem Werk vereinbart sei, wirklich alles – der darf sich nicht wundern, wenn die versammelte Wirtschaftselite (von Gastgeber und Arbeitgeber-Präsident Ingo Kramer bis zu BDI-Chef Ulrich Grillo) nicht gleich vor Begeisterung die gute Unterwäsche auf die Bühne schmeißt.

Große Koalition Verlierer? Gibt es nicht!

Die drei Parteivorsitzenden Angela Merkel, Sigmar Gabriel und Horst Seehofer zelebrieren am Tag eins nach der Einigung Zufriedenheit mit sich selbst. Kritik, Zweifel? Heute nicht. Szenen einer fröhlichen Annäherung.

Die amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel, der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer und der SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel stellen am Mittwoch den Koalitionsvertrag vor. Quelle: dpa

Nach dem Pausen-Kaffee durfte dann der Vizekanzler ran. Ein Kontrast, wie man ihn sich intensiver kaum vorstellen kann. Wenn Sigmar Gabriel so richtig in Fahrt gerät, könnte er für seine Performance eigentlich Eintritt nehmen, und selbst wenn er nur halb Gas gibt, ist eine vergnügliche halbe Stunde sicher. Als Appetizer seiner Rede stellte er den anwesenden und nach ihm sprechenden CSU-Chef Horst Seehofer so charmant in den Senkel, dass der nicht einmal böse sein durfte: „Du hast gesagt, du seist nur hier, um der Kanzlerin hinterher zu berichten. Es gibt allerdings Leute in der CDU, die glauben, du seist der zweite Sozialdemokrat in der großen Koalition.“ Erster Lacher. „Und hier im Saal gibt es vielleicht ein paar, die das befürchten.“ Zweiter Treffer.

Wenn Gabriel latente SPD-Allergien im Raum sprachtherapeutisch behandeln kann, ist er besonders gut. Spätestens als er bei den „irren Zuständen“ der Energiewende ankommt – die er natürlich so vorgefunden hat, ist doch klar – und schildert, wie süddeutsche Atomkraftwerke abgeschaltet werden, um sich stattdessen den Strom von österreichischen Öl-Dreckschleudern zu importieren, hat er den Saal kurzzeitkuriert. „Die Kollegen in Österreich“, sagt Gabriel, „kommen vor Lachen gar nicht in den Schlaf.“

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Mitleid gibt es an diesem Tag nur mit zwei Personen: Mit Gabriels Redenschreiber, denn der Chef guckt gefühlt kein einziges Mal in seinen sicher höchst ausgefeilten Sprechzettel. Und, trotz allem, mit dem Vortragenden selbst. Denn wer zuvor gesehen hat, wie ein Anti-Frauenquoten-Publikum beim schnippischen merkelschen Pro-Quoten-Kommentar („Sie werden das noch als große Bereicherung empfinden“) applaudiert, der ahnt: Die Kanzlerin verliert das Pultduell gegen ihren Vize. Aber das Kreuz machen die Leute dann doch bei ihr.

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