Berlin Intern: Der Lobbyist Gottes

kolumneBerlin Intern: Der Lobbyist Gottes

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Henning Krumrey, Leiter des Hauptstadtbüros der WirtschaftsWoche

Kolumne von Henning Krumrey

Klinken putzen, Stimmung machen – das ist das Geschäft aller Interessenvertreter. Aber nur wenige streiten in Berlin für Glaube, Liebe, Hoffnung.

So stellt sich jeder den Interessenvertreter im Berliner Politikdschungel vor: Er ist gewandt und freundlich, verbindlich und doch klar in der Position. Wie Karl Jüsten. So stellt sich niemand einen katholischen Kirchenmann vor: Er kennt sich mit Fußball aus wie mit Politik, ist demonstrativ fröhlich und braust mit dem Motorroller durchs Regierungsviertel. So wie Karl Jüsten.

Der Herr Prälat ist in jeder Hinsicht ein Unikum in der Hauptstadt. Seit elf Jahren leitet er das Katholische Büro am Sitz der Regierung. Mit 38 Jahren hatte der umtriebige Rheinländer den Posten übernommen und ein dichtes Kontaktnetz geknüpft. Sich selbst sieht er als "Lobbyist von Gott und den Menschen“.

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Manche nennen ihn den "heiligen Karl"

Gott hat natürlich noch andere Repräsentanten, die bei der Regierung vorstellig werden. Der Zentralrat der Juden beispielsweise und der Zentralrat der Muslime. Der evangelische Kollege, "Der Bevollmächtigte des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union“, hat sogar den deutlich längeren Titel. Aber die besten Drähte hat Jüsten; manche nennen ihn den "heiligen Karl“. Er selbst versteht sich als "Seelsorger für alle, die in der Politik aktiv sind“. In jeder Sitzungswoche feiert er mit Abgeordneten Gottesdienst.

Vielfältig sind die politischen Interessen der katholischen Kirche. Bei der Forschungspolitik geht es um gentechnisch veränderte Pflanzen oder Tiere; in der Gesundheitspolitik um Zugang zu den besten Medikamenten und Sterbehilfe. Die Bischöfe möchten beim Thema Zuwanderung genauso gehört werden wie bei der Frage, ob Hartz IV ausreicht. Zu besichtigen war Jüstens Netzwerk bei der Feier seines 50. Geburtstages – das halbe Bundeskabinett marschierte auf.

Zugegeben, darunter sind mit den Ministern Annette Schavan (Bildung, CDU) und Philipp Rösler (Wirtschaft, FDP) gleich zwei Mitglieder des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken. Aber auch der Glaubensbruder Norbert Röttgen ist da, der evangelische Kanzleramtsminister Ronald Pofalla und FDP-Außenminister Guido Westerwelle, der nicht öffentlich, aber privat religiös ist.

Der Jungberufene

Der weihevollen Glückwunschpredigt von Erzbischof Robert Zollitsch, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz und obersten irdischen Arbeitgeber Jüstens, folgt der humoristische Teil. Als stadtbekannte Grußwort-Stimmungskanone fungiert Bundestagspräsident Norbert Lammert, der die historische Dimension des Feier-Tages 7. September mit einschneidenden Jahrestagen der deutschen Geschichte garniert: dem "ersten und letzten Besuch eines Staatsratsvorsitzenden der DDR in der Bundesrepublik“ vor 24 Jahren, der Sprengung des Berliner Stadtschlosses vor 61 Jahren ("damit hat er nachweislich nichts zu tun“). Aber auch mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Euro-Rettung am selben Tag, die dem Bundestag seine Rechte garantierte.

Lammert, selbst aktiver Katholik und als Modernisierungs-Missionar bekannt, nutzte die gute Gelegenheit, Zollitsch und seiner Kirche kräftig ins Gewissen zu reden. Jüsten versehe sein Lobbyistenamt nun schon "unfallfrei im elften Jahr“ – obwohl er jung berufen wurde. Er rege an, argumentierte der Bundestagspräsident, "dieses unkalkulierbare Risiko – nicht immer, aber manchmal – auch für die Besetzung von Spitzenämtern einzugehen“. Und wie kam es nun, dass der Junge Karl überhaupt den Weg in die und zur Kirche fand? Seine Mutter kennt die Antwort. Es seien die vier Schwestern gewesen, "die haben ihn in den Zölibat getrieben“.

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