Berlin intern: Die Russen-Versteher

kolumneBerlin intern: Die Russen-Versteher

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Henning Krumrey, Leiter des Hauptstadtbüros der WirtschaftsWoche

Kolumne

Den Politikern ist das Denken der östlichen Nachbarn näher als das deutscher Banker.

Vielleicht wollen alle am Ende doch nur das eine: Opel ausschlachten. Die Finanzinvestoren von RHJI, indem sie den schlingernden Laden wieder flottmachen und in ein paar Jahren mit Gewinn abstoßen. Die russische Sberbank als Partner der Magna-Gruppe, indem sie Opel-Technik für die heimische Autoproduktion abschöpft. Warum also ist die deutsche Politik derart auf den österreichisch-russischen Komplex fixiert?

Es geht nicht nur um 1000 Arbeitsplätze Differenz. Es geht ums Grundvertrauen.

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Die Russen sprechen nicht nur dieselbe Sprache wie die Bundesregierung – Ministerpräsident Wladimir Putin und Sberbank-Chef German Gref beherrschen Deutsch, Kanzlerin Angela Merkel kann auf Russisch antworten –, sie denken auch genauso: politisch. Da kann man höhere strategische Ziele in die Debatte werfen oder manches Gemauschel mit späteren Wünschen begründen ("wir brauchen die Russen noch beim Iran"). Und schließlich hat man schon viele Begegnungen hinter sich. Vom Erdgasröhren-Geschäft in den Siebzigerjahren über die Zwei-plus-Vier-Verhandlungen zur Deutschen Einheit bis zum öffentlichen Streit zwischen Putin und Merkel über Handelsfreiheit und Menschenrechte.

Finanzbranche lebt in einer anderen Welt

Es ist aber auch dieses Gefühl des Verstehens. Wer selbst politisch-analytisch denkt, kann sich leicht hineinversetzen in sein Gegenüber vom gleichen Schlage. Politik, auch internationale Politik, folgt meist ähnlicher Logik. Die Partner wissen genau, was sie dem anderen zumuten können.

Die Finanzbranche dagegen lebt in einer anderen Welt, die letztlich alles auf Zahlen verkürzt. Und weil sich die Opel-Kontrahenten so bald nicht wiedersehen, ist niemand auf einen Kompromiss, auf künftig gutes Klima angewiesen.

Zudem waren die Milliardenjongleure deutschen Politikern schon vor der Bankenkrise suspekt. Was die Nadelgestreiften genau machten, versteht kaum ein Politiker; und welcher wollte es je verstehen? Die Extreme: dort die gegelten Mittdreißiger, die Millionenboni kassierten; hier die 20 Jahre älteren Studienräte, die mit 7668 Euro Diäten ihr reguläres Gehalt bereits verdoppelt hatten.

Die unterschiedliche Sozialisation zeigte sich schon beim Werben um Opel. Die Magna-Vertreter, aufgewachsen im korporatistischen, ebenfalls lange großkoalitionär regierten Österreich, umschmeichelten früh die Betriebsräte (obwohl sie fast genauso viele Jobs streichen wollen wie die Konkurrenz). Die kühlen Finanzinvestoren dagegen setzten ganz auf die Magie ihrer Zahlen, die geringeren Kreditwünsche an die öffentliche Hand.

Aber so funktioniert Politik eben nicht. Schon gar nicht in einem Wahljahr.

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