Berlin intern: Die Welt staunt über die deutsche Liebe zum Doktortitel

kolumneBerlin intern: Die Welt staunt über die deutsche Liebe zum Doktortitel

Kolumne von Gregor Peter Schmitz

Wieder muss mit Ursula von der Leyen eine Spitzenpolitikerin wegen ihrer Doktorarbeit ums Amt zittern. Ein sehr deutsches Problem.

Als nach Karl-Theodor zu Guttenberg auch Annette Schavan ihr Ministeramt wegen einer mangelhaften Doktorarbeit räumen musste, titelte „Le Monde“ belustigt, in Frankreich stürzten Politiker über Geliebte, in Deutschland über Plagiate. Ob das französische Blatt bald so auch über Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen schreiben muss, ist noch unklar. Die Überprüfung von deren 62 Seiten langer Promotion über das „C-reaktive Protein als diagnostischer Parameter zur Erfassung eines Amnioninfektionssyndroms bei vorzeitigem Blasensprung und therapeutischem Entspannungsbad in der Geburtsvorbereitung“ dürfte durchaus dauern.

Klar ist aber bereits, dass viele ausländische Beobachter sich wieder die Augen reiben werden, sollte nun auch noch die aussichtsreichste Kandidatin für die Nachfolge von Kanzlerin Angela Merkel über Fußnoten stolpern.

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Dass VroniPlag und andere Enthüllungsplattformen wie eine Reputations-Guillotine über den politischen Akteuren schweben, ist in anderen Ländern nämlich bislang so gut wie unbekannt.

Zwar mussten natürlich auch dort Politiker ob Plagiaten ihr Amt aufgeben, zum Beispiel in Ungarn oder Rumänien. Aber das große Frankreich etwa ist nach Selbsteinschätzung von Wissenschaftlern bislang meist ein Paradies für Großplagiatoren. In Großbritannien konnte die Boulevardpresse viele Sexsünder teeren oder federn, aber kaum Abschreiber. Und in den Vereinigten Staaten dürfen selbst überführte Kopierer meist weitermachen. Demokrat Joe Biden, der sich bei seiner ersten Präsidentschaftskandidatur fremder Reden bediente, schaffte es bis zum US-Vizepräsidenten – und denkt gerade über eine neuerliche Kandidatur für den Chefposten im Weißen Haus nach, hoffentlich dann mit frischen eigenen Reden.

Die Deutschen hingegen strafen politische Abschreibe-Künstler bislang hart ab. So hart, dass das Ausland die Doktordebatten mit einem Blick in die deutsche Seele zu erklären versucht. Genüsslich vermerkte etwa die „New York Times“, dass Doktoren in Deutschland ja sogar beim Bäcker mit dem Titel angesprochen würden – und der Bundestag (Doktoren- oder Professorenanteil 18 Prozent!) natürlich ein Gesetz blockiert habe, nach dem der Doktor nicht mehr als Namensbestandteil im Personalausweis vermerkt werden sollte.

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So staunt die Welt über die deutsche Doktorenliebe. Diese dürfte ganz einfach erklären, warum Politikern in Deutschland so oft ihre Neigung zum Kopieren zum Verhängnis wird. Es gibt hierzulande schlicht weit mehr Herr und Frau Dr., rund 2,3 Prozent eines Geburtenjahrgangs, einsame Spitze in Europa. Der Grund dafür liegt im System. In Frankreich etwa reicht der Besuch einer der staatlichen Eliteschulen meist als Karriereturbo, in Großbritannien gilt Ähnliches.

Auch in den USA liegt der Promotionsanteil niedriger, weil der Doktortitel dort fast ausschließlich auf Wissenschaftler zugeschnitten ist, und die verirren sich selten in die Politik. Wer dort im Alltag den Doktortitel anwendet, erntet die verwirrte Frage, ob er Chirurg oder Allgemeinmediziner sei.

Allerdings relativieren sich auch die deutschen Zahlen, wenn man die (zahlreichen) medizinischen Promotionen abzieht, die ohnehin in Wissenschaftskreisen seit Langem einen schlechten Ruf genießen. Gut möglich, dass sich Ursula von der Leyen gerade wünscht, sie hätte zu dieser Reduktion beigetragen.

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