Berlin intern: Fußball: 1 Politik: 0

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Merkels Nähe zum Fußball hat ihr viele Wählerstimmen gesichert, doch im Fifa-Skandal könnte ihr das schaden

Kolumne von Gregor Peter Schmitz

Deutschland hat seine erste Fußballkanzlerin. Daher steht im WM-Skandal für Merkel so viel auf dem Spiel.

Angela Merkel mag Fotos nicht besonders, aber verbannen kann sie diese nicht. Könnte sie es, ein Foto wäre gewiss dabei. Darauf ist die Kanzlerin neben Michel Platini und Sepp Blatter zu sehen, den gefallenen Weltfußball-Gewaltigen, der DFB-Präsident ist vermutlich auch nicht weit. Die Herren blicken, als ahnten sie ihr düsteres Schicksal bereits, nur Merkel strahlt, sie reckt die Daumen in die Luft, ihre Jungs unten auf dem Feld vor der Stadiontribüne haben schließlich mal wieder gewonnen.

Wer nach Enthüllungen über mutmaßlich schwarze Kassen für die deutsche WM-Bewerbung 2006 von Schatten über dem „Sommermärchen“ reden will, muss auch sagen: Merkel hat nicht bloß eins, sondern mehrere Sommermärchen hinter sich, sie ist die erste wahre deutsche Fußballkanzlerin. Geht es um politisch verwertbaren Fußballenthusiasmus, spielten weder Helmut Kohl – der Nationalspieler gerne nach Triumphen oder Tragödien in eine Ganzkörperumarmung zwang – noch der fußballvernarrte Exmittelstürmer „Acker“ (Gerhard Schröder) in Merkels Liga.

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Merkel verdankt ihr Amt dem Fußball

Diese hat der WM 2006 indirekt womöglich gar ihre Kanzlerschaft zu verdanken. Hätte Vorgänger Schröder nicht Neuwahlen ausgerufen, wäre ihm als Amtsinhaber bei der regulären Bundestagswahl in dem Jahr wohl ein satter Amtsbonus sicher gewesen.

Das hat Merkel nicht vergessen und Fußballbegeisterung im Amt perfektioniert. Früh überraschte sie nach deutschen Spielen populäre Spieler wie Mesut Özil mit Selfie-Orgien in der Umkleidekabine. Zur Weltmeisterschaft in Brasilien flog Merkel für das Eröffnungsspiel 25 Stunden hin und zurück, um danach im Ikonen-Stil mit der Mannschaft zu posieren. Dass das rund 300.000 Euro kostete, nahm ihr kaum jemand übel, es war ja für eine gute Sache, den Fußball.

Weltfußball, pflegte Fifa-Chef Blatter gar den Papst zu belehren, habe mehr Anhänger als die katholische Kirche. In Berlin gilt das bestimmt. Die Kanzlerin mag wegen russischer Flegeleien nicht zu Olympischen Winterspielen in Russland reisen, aber ein Fußballboykott? Völlig undenkbar.

WM-Skandal könnte Merkel schaden

Lieber räumt der Bundestag seinen Terminplan frei, damit dieser nicht mit großen Turnieren kollidiert, schon aus bitterer Erfahrung. Als das nämlich noch nicht so war, zeigten sich die Parlamentarier während eines deutschen Nationalspiels so abgelenkt, dass sie ohne Aussprache ein Gesetz beschlossen, das sie gar nicht wollten. Das mussten sie dann wieder zurücknehmen.

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Aber der politische Fußballtaumel ist erstaunlicherweise eher eine neue Entwicklung, wie die Fanpostille „11 Freunde“ analysierte. Als 1954 das „Wunder von Bern“ der jungen Bundesrepublik neues Selbstbewusstsein einhauchte, war Kanzler Konrad Adenauer nicht einmal im Stadion zu sehen, der Herr spielte lieber Boccia. Helmut Schmidt war so betont intellektuell, dass er sich auch im Stadion offen langweilte. Sogar Umarmer Kohl ließ seine Kabinenbesuche nicht so professionell festhalten wie heute Merkel.

Für die Kanzlerin steht deswegen aber auch viel auf dem Spiel, das erklärt ihr Schweigen zum mutmaßlichen WM-Skandal. Ihre politische Karriere wäre ohne bisherige Sommermärchen ärmer – und ohne weitere gewiss schwieriger.

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