Berlin intern: Indische Willkommenskultur

kolumneBerlin intern: Indische Willkommenskultur

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Indiens Premierminister Narendra Modi in Bangalore, Indien.

Kolumne von Gregor Peter Schmitz

Zu Hause tobt Horst Seehofer, aber die Kanzlerin muss den Rest der Welt im Blick halten. In Indien feiert man die Kanzlerin.

In diesen Tagen muss Deutschland flexibel sein und zusammenrücken, das gilt auch für die sogenannten Stützen der Gesellschaft. Als Kanzlerin Angela Merkel zum Staatsbesuch nach Indien aufbrechen will, bleibt der komfortable Kanzlerinnenjet auf dem militärischen Teil des Berliner Flughafens stecken, eine Technikpanne. Also quetschen sich Kanzlerin, Minister und Delegierte in einen grauen Luftwaffenjet, sonst vorgesehen für Truppentransporte in Kriegsgebiete, entsprechend spartanisch. Statt abgetrenntem Kanzlerinnenabteil gibt es Holzklasse für alle, auch mitreisende Wirtschaftsbosse wie Siemens-Lenker Joe Kaeser oder Deutsche-Bank-Vorstandschef Jürgen Fitschen müssen sich wieder an sehr schmale Sitze gewöhnen. Zwischen Reihe 11 und 12, halb gebückt, hält Merkel ein kurzes Briefing für die Begleitpresse ab, die Reporter nölen ob der widrigen Umstände, aber Merkel duldet keine lange Debatte, es leiden ja alle.

So benehmen Sie sich in Indien richtig

  • Begrüßung

    Üblich ist der Handschlag, aber nicht zu fest. Kräftiges Händedrücken ist in Indien unhöflich. Die traditionell wie zum Gebet aneinandergelegten Handflächen werden zum Gruß nicht erwartet.

  • Essen

    Viele Inder essen mit der Hand, allerdings nur zu Hause im Familienkreis. Im Geschäftsleben sind Messer und Gabel üblich. Wegen der verschiedenen Glaubensrichtungen der Inder gibt es vielfältige Regeln bei der Zubereitung der Speisen. Mit vegetarischen Gerichten und Fruchtsäften können Sie allerdings nichts falsch machen.

  • Einladung

    Inder sind sehr gastfreundlich und private Einladungen gehören zu einer guten Geschäftsbeziehung. Lehnen Sie diese daher niemals ab. Auf Partys oder Empfängen ist das Essen (meist Büffet) oft der Abschluss des Abends. Deshalb sollten Sie nie hungrig kommen. Nach dem Dessert ist es Zeit zu gehen, länger bleiben dagegen ist unhöflich.

  • Getränke

    In Indien wird viel und gerne getrunken, besonders Bier, Gin Tonic und Whisky. Angehörige höherer Kasten lehnen Alkohol allerdings manchmal ab. Während des Essens gibt es keine alkoholischen Getränke.

  • Geschenke

    Präsente sind bei privaten Einladungen besonders wichtig. Inder schätzen Präsente mit Heimatbezug des Schenkenden. Und legen Sie eine Karte zum Geschenk. Denn oft werden die Geschenke nicht im Beisein des Schenkenden geöffnet.

  • Ja

    Nicht jedes „Ja“ ist eine Zustimmung. „Ja“ kann auch „Ich weiß nicht“ bedeuten. Wer zögerlich antwortet, meint mitunter gar „Nein“. Um Missverständnisse zu vermeiden: Stellen Sie keine Fragen, die nur mit „Ja“ oder „Nein“ zu beantworten wären.

  • Kleidung

    Ihre Gesprächspartner werden Ihnen öfter in kurzärmeligen Hemden und ohne Krawatte gegenübersitzen. Von Europäern wird trotzdem beste Geschäftskleidung erwartet. Nur im Sommer dürfen Sie auf das Jackett verzichten. Aber bringen sie es trotzdem zum Termin mit: Es gilt als Status-Symbol, sein Büro auf 18 Grad herunterzukühlen. Erkältungsgefahr!

  • Kritik

    Dass Inder keine Kritik vertragen, stimmt nicht. Sie wird nur nie direkt geäußert. Wer unzufrieden ist, fragt besser, ob es auch anders geht. Auch ein Nein ist unhöflich. Das entspricht fast einer Ohrfeige.

  • Sprache

    Die Geschäftssprache in Indien ist Englisch. Wer dennoch ein paar Sätze Hindi beherrscht, hinterlässt großen Eindruck – aber nur im Norden. In Südindien verspielen Sie mit Hindi Sympathien.

  • Small Talk

    Damit beginnt jedes Treffen. Erstkontakte bestehen manchmal ausschließlich aus Vorgeplänkel. Denn Inder sind misstrauisch und sehen darin eine Vertrauensbasis für Geschäfte. Dabei reden sie am liebsten über die Familie. Wundern Sie sich also nicht, wenn ein Inder neben dem Namen Ihrer Kinder wissen will, ob Sie schon geschieden waren oder wie alt Ihre Frau ist. Nehmen Sie ruhig ein Familienfoto mit in die Verhandlung. Eine sichere Themenalternative ist Cricket – die populärste Sportart in Indien.

  • Verhandeln

    Verhandlungen beginnen nie ohne Small Talk und oft mit einem milchigen, meist sehr süßen Tee oder Kaffee. Was darauf folgt, sind bisweilen bühnenreife Inszenierungen. Das gehört zum Spiel. Argumentieren Sie hart mit Zahlen und Angeboten der Konkurrenz. Aber fahren Sie nie aus der Haut! Das wird als persönlicher Angriff gewertet. Inder haben nur selten eine Tagesordnung, aber das Wichtigste kommt erst am Schluss; bis dahin kann viel Zeit vergehen. Wenn ein Geschäft schnell abgeschlossen wird, ist aus Sicht der Inder etwas schiefgelaufen.

  • Visitenkarten

    Werden direkt nach der Begrüßung ausgetauscht. Übergeben Sie die Karte nur mit der rechten Hand und nehmen Sie sie nur mit der rechten entgegen. Die Linke ist unrein. Wichtig ist der Titel auf der Karte: Wer nicht wenigstens „Vice President“ oder „Director“ draufstehen hat, wird kaum ernst genommen. Denn indische Unternehmen sind streng hierarchisch aufgebaut – mittlere Ebenen können kaum etwas entscheiden.

  • Zeit

    Inder sind zwar nicht per se unpünktlich. Aber eine Stunde zu spät kommen sie durchaus mal – vor allem, wenn man etwas von ihnen will. Trotz allem gilt Unpünktlichkeit als unhöflich.

Der widrige Reisekomfort passt zu Merkels Reisegepäck, der aktuellen deutschen Debatte über Flüchtlinge und Deutschlands Leidensfähigkeit. Natürlich will die Kanzlerin mit den Indern auch über Klimapolitik reden, Freihandelsabkommen, das große Ganze. Die Welt bleibt ja nicht stehen, nur weil daheim Horst Seehofer täglich einen Rappel bekommt. Allerdings kann sich Merkel derzeit dieser Welt nicht annehmen, ohne dass eine große Frage mitreist: Schafft sie das? Schafft Deutschland das? Und wenn Merkel in Indien darüber spricht, wie schwer es sei, ein 1,3-Milliarden-Volk zu regieren, wie latent die Überforderung der Regierenden, Millionen Ausbildungsplätze, Wohnungen, Krankenhausplätze zu schaffen, ertappt sich der Zuhörer bei dem Gedanken: Geht es hier noch um Indien oder schon um die Bunte Republik Deutschland? Jedenfalls schaffen es die Inder, eine Willkommenskultur zu zaubern, die Merkel in ihrer Partei (ihrem eigenen Volk?) gerade nicht gewöhnt ist. Vor dem Hotel in Delhi verkündet ein mannshohes Plakat, wie geehrt man sich durch ihren Besuch fühle, eine ganze Zeitungsseite zeigt Merkel Seite an Seite mit Indiens Premier Modi. Two leaders, two great nations, steht darunter. Kinder statt Inder, damit haben Merkels Parteifreunde in NRW mal Wahlkampf gemacht, doch die Inder scheinen nicht nachtragend zu sein. Modi preist Merkels Führungsstärke in so schwierigen Zeiten, und dabei sind Bilder der Kanzlerin zu sehen, auf denen sie beinahe wie ihr eigenes strahlendes Hologramm aussieht. So wird mit jeder Entfernungsmeile der Kontrast größer zwischen der Weltstaatsfrau Merkel und den Landespolitikern Seehofer und Söder daheim.

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Auf dem Rückflug, immer noch die olle graue Maschine, verschärft sich dieser noch. Da wollen die Journalisten erst wissen, ob Merkel den Moment erreicht hat, an dem die Flüchtlingsfrage zur Vertrauensfrage über ihre Kanzlerschaft werde – weil es eben auch heißen könnte: Wir schaffen das nicht. Aber dann kommt rasch die Frage auf, ob Merkel weltweit noch ein klein bisschen größer werden könnte, indem sie am Freitag den Friedensnobelpreis gewinnt, wohl auch für ihren Satz „Wir schaffen es“. Merkels Leute tun das ab, man kann durchaus sagen, sie sträuben sich gegen den noblen Gedanken mit Händen und Füßen. Schließlich befinden sie sich an diesem Dienstagabend auf dem Heimweg nach Berlin. Und auch Weltreisende wissen: Gewählt wird immer noch zu Hause, nicht in der großen weiten Welt.

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