Berlin intern: Ist es wirklich Zeit für den Anti-Agenda-Schulz?

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kolumneBerlin intern: Ist es wirklich Zeit für den Anti-Agenda-Schulz?

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Ein Plakat mit einem Bild des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz.

Kolumne von Gregor Peter Schmitz

Die SPD sieht Merkel-Dämmerung und hält ihren Kandidaten für unfehlbar – selbst wenn der nun Schröders historische Großreformen kritisiert. Doch Schulz muss auch auf den zweiten Blick dem Wähler gefallen.

Die Amerikaner nennen einen Politiker „Mr. Teflon“, wenn an diesem noch so schmutzige Skandale einfach abperlen, nach dem Kunststoff mit genau dieser Eigenschaft. Bill Clinton war so ein „Mr. Teflon“, er trug den Spitznamen als Auszeichnung. Ist Martin Schulz auch einer?

Schließlich musste er als Kanzlerkandidat schon einiges einstecken. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble verglich ihn mit Donald Trump, derzeit die schallendste Ohrfeige in der politischen Rhetorik. Heerscharen von Journalisten wühlen gerade, wem Schulz in Brüssel wann welchen Posten zugeschanzt habe. Andere halten ihm ehemalige Alkoholneigung sowie noch gegenwärtige Abiturlosigkeit vor. Und als die WirtschaftsWoche vorige Woche die Protokolle seiner Bürgermeisterzeit in Würselen detailliert auswertete – die Schulz als Regierungsqualifikation verkauft, auch wenn er so gut wie nichts zu entscheiden hatte –, löste das beim politischen Gegner derartige Begeisterung aus, dass selbst AfD-Chefin Frauke Petry persönlich zum Retweet griff.

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Und doch steigt und steigt Schulz in Umfragen in ungeahnte Höhen, er mobilisiert offenbar vor allem Nichtwähler. Er traut sich nun sogar, mit dem Erbe der Gerhard Schröder-Ära zumindest teilweise zu brechen. Per "Bild"-Zeitung forderte Schulz, die Bezugsdauer für Arbeitslosengeld wieder zu erhöhen, zumindest für Ältere.

PremiumMartin Schulz Die Akte Würselen

Kann die SPD-Hoffnung Kanzler? Sein Argument: Ja, weil ich elf Jahre Bürgermeister war. Die Ratsprotokolle von damals lassen daran zweifeln.

Wie erfolgreich war Martin Schulz als Bürgermeister wirklich? Quelle: dpa

Der Sozialdemokrat fühlt sich offenbar beflügelt von der Wirkkraft einer schlichten Botschaft aus drei Worten, die sich auf SPD-Wahlplakaten finden dürfte. Es ist Zeit. Zeit für Wandel, Zeit für Schulz?

Ergreift so eine Wandelstimmung das Land, kann sich Dauerkanzlerin Merkel schwer wehren. Aber sie kann Schulz angreifen, auch wenn Merkel das kaum persönlich erledigen dürfte. Robuste Flügelspieler wie CDU-Nachwuchshoffnung Jens Spahn werden mehr Freiraum fürs gezielte Foulspiel erhalten.

Wie viel Teflon wird Schulz dann schützen? Ist er nur ein Held auf Abruf, ähnlich wie ein anderer SPD-Bartträger, Rudolf Scharping, der sich 1994 gegen Helmut Kohl erst in Umfragen aufpumpte und später zusammenfiel wie ein Soufflé? Das hängt auch davon ab, wie genau die deutschen Wähler hingucken werden. So gut wie alle Leute, die Schulz länger kennen, erkennen sein politisches Talent an. Seine Fähigkeit, die eigene Aufstiegsgeschichte glaubwürdig zu erzählen oder Europa in einen Kontext zu packen, der Begeisterung weckt. Auch reißt sein Wille zur Macht mit, weil er als Wille zum Gestalten wirkt. Dem Europäischen Parlament hat Schulz etwa durch schiere Willenskraft zu ganz neuer Bedeutung verholfen.

Aber viele berichten auch, wie in der Nahbetrachtung dieser Machtwille als Machtgier erscheinen kann, das Dynamische als das Eitle, das Kümmern um Vertraute wie Nepotismus. Und: wie ermüdend eine beim ersten Mal begeisternde Rede beim zweiten Mal wirkt. Oder wie rasch eine schlichte Forderung  – Stichwort: Kritik an Agenda 2010 - als Populismus.

Kein Politiker ist vor solcher Entzauberung sicher. Aber Martin Schulz ist so rasch aufgestiegen wie kaum je ein Bewerber in der deutschen Politik. Daher ist für ihn die Gefahr größer als für andere, wenn der längere, der zweite Blick, anderes offenbart als der erste.

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