Berlin intern: Kretschmann als grün-konservativer Marktwirtschaftler

kolumneBerlin intern: Kretschmann als grün-konservativer Marktwirtschaftler

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Henning Krumrey, Leiter des Hauptstadtbüros der WirtschaftsWoche

Kolumne von Henning Krumrey

Wer ist bloß dieser Winfried Kretschmann? Ein Linker? Ein Ökoträumer? Ein Unternehmerschreck? Ein Konservativer gar? Von allem ein bisschen.

Die IHK Berlin konnte vergangene Woche zwei Rekorde vermelden. So schnell hatte sie noch nie einen neuen Politstar zu Gast, und so üppig war der Besucheransturm lange nicht. Vor knapp zwei Monaten wurde Winfried Kretschmann in Stuttgart zum ersten grünen Ministerpräsidenten gewählt, nun trägt er den Mittelständlern im Ludwig-Erhard-Haus vor. „Früh aufstehen lohnt sich“ heißt die morgendliche Reihe, und darauf spekulieren offensichtlich viele.

Schon der Lebenslauf weckt Verwunderung: Studium der Biologie, Chemie und Ethik auf Lehramt, ein Achtundsechziger, einst engagiert beim Kommunistischen Bund Westdeutschlands. Dann Gymnasiallehrer, Ministerialrat beim hessischen Umweltminister Joschka Fischer, Grünen-Fraktionsvorsitzender in Baden-Württemberg und nun Ministerpräsident. „Na, det is ja mal ’ne Vita“, kommentiert der Unternehmer gegenüber erstaunt.

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Konservativ und langweilig

Mucksmäuschenstill lauschen die Gäste. So einen hatten sie hier noch nicht. Einen, der eigentlich Revoluzzer sein müsste, aber fast bedächtig argumentiert. Einen, der sein „Abgleiten in linksradikale Sekten“ einen „fundamentalen Irrtum“ nennt. Der als Grünen-Kandidat für Berlin nach eigenem Bekunden nicht infrage käme, weil er dafür „zu konservativ und zu langweilig“ sei.

Kretschmann stilisiert sich zum grün-konservativen Marktwirtschaftler, als eine Art Öko-Erhard des 21. Jahrhunderts. „Wir können den grünen Drachen steigen lassen, aber umsetzen müssen Sie das ja“, wirbt er für das Zusammenspiel von Wirtschaft und Politik. Er sei ein großer Anhänger einer „ökologischen Ordnungspolitik“, in deren Rahmen sich die Unternehmen frei bewegen müssten. „Stimulierend, nicht strangulierend“ müsse die sein. Die Umweltvorgaben müssten „als Innovationspeitsche wirken, aber sie dürfen die Unternehmen nicht zu sehr in Schwierigkeiten bringen, nicht vom Markt fegen, nicht ins Ausland vertreiben“. Technologieoffen sollten die Vorgaben sein, verspricht Kretschmann. „Wie das Ziel zu erreichen ist, das wissen die Unternehmen besser.“

„Als Ministerpräsident muss ich die Eigenschaft besitzen, das falsche vom richtigen Jammern zu unterscheiden.“ Die Zuhörer sind so überrascht, dass sie weder den Mut zum Jammern noch zum Fragen aufbringen. Das klinge alles unverbindlich gut und schön, kritisiert schließlich der frühere Daimler-Vorstand Manfred Gentz. „Mit der Überschrift können wir alle ganz gut leben. Mit den Details wahrscheinlich nicht.“

Grüne sind wirtschaftsfreundlich

Wenn’s konkret wird, käme die Stunde der Wahrheit, gibt Kretschmann zu. Ihn habe der Aufruhr erstaunt, als er unlängst gesagt hatte, weniger Autos zu bauen sei besser. „Wie viele Autos Daimler verkauft, entscheidet der Markt und nicht der Ministerpräsident“, macht Kretschmann wieder auf Ordnungspolitik. Aber dann droht er doch mit tieferen Eingriffen: „Ich muss nur darauf gucken, dass das Auto ein ökologisches Design hat.“ Also doch: Die Politik entscheidet, was gebaut wird, die Industrie schraubt die Teile passend zusammen.

Den Lehrerberuf kann „der Kretsch“, wie er daheim heißt, nicht verleugnen. Jeden dritten Satz beendet er mit einem fragenden „Ja“, als prüfe er, ob die Schüler auch alles verstanden haben. Mit einem häufigen „Also“ fasst er den gerade dozierten Stoff zusammen. Sein Fazit bleibt widersprüchlich, als er seine Truppe als „kritisch aufgeschlossen“ beschreibt: „Die Grünen sind wirklich eine wirtschaftsfreundliche Partei“, beharrt der Mann mit der weiß-grauen Kastenfrisur. „Wenn auch in einem etwas anderen Sinne.“

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