Berlin intern: Lobbyisten brauchen neue Sprache

kolumneBerlin intern: Lobbyisten brauchen neue Sprache

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Schlechte Zeiten für Interessenvertreter aus der Wirtschaft, mit Grausen schauen die auf die wachsende Zahl von Parteien und Koalitionsoptionen. Die neue Vielfalt macht für mehr als die Hälfte von ihnen die Arbeit mühseliger.

Kolumne von Henning Krumrey

Der gesellschaftliche Wandel spart Firmen- und Verbandsvertreter auf dem Berliner Parkett nicht aus. Auch Lobbyisten müssen umdenken.

Auf allen Kanälen gibt es – hallo, Bettina Wulff – öffentliche Affären. Public Affairs sind da ganz anders, ein meist recht verschwiegenes Gewerbe. Die Einflussnahme auf Politik und parlamentarische Prozesse erfordert von Firmen- und Verbandsrepräsentanten Fingerspitzengefühl und Diskretion. Was sie wirklich von ihrem Gegenüber in Ministerium, Medium oder Plenarsaal denken, darüber halten sich die Lobbyisten gern bedeckt. Umso interessanter, was sie in einer Umfrage über ihr Seelenleben preisgegeben haben.

Mit Grausen schauen die Interessenvertreter auf die wachsende Zahl von Parteien und Koalitionsoptionen. Die neue Vielfalt macht für mehr als die Hälfte von ihnen die Arbeit mühseliger. Und der Ruf nach mehr direkter Demokratie erschwert es gar zwei Dritteln der Befragten, Ziele und Wünsche ihrer Herren durchzudrücken. Kein Wunder: 20 Abgeordnete und 10 Ministerialbeamte lassen sich leichter politisch beatmen als 80 Millionen Bürger.

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„Für Public-Affairs-Verantwortliche sind unklare Mehrheitsverhältnisse problematisch“, sagt Axel Wallrabenstein, Chef der PR-Agentur MSL Germany. „Hier werden klare Ansprache und Absprache erschwert.“ Wallrabenstein erkennt aber durch den Wandel „große Chancen für die Lobbyarbeit der Zukunft“. Allerdings: 65 Prozent der Befragten halten die Politik ohnehin für einen unzuverlässigen Partner.

Repräsentativ ist die Untersuchung zwar nicht. Aber die Antworten jener 60 auf dem Berliner Parkett, die Wallrabensteins Agentur Auskunft gaben, liefern ein interessantes Stimmungsbild.

Gleichgewicht des Schreckens

Alle Statthalter der Wirtschaft setzen auf das persönliche Gespräch mit den sogenannten Entscheidungsträgern von Regierung und Opposition. Beim Treff in Amtsstube oder Spesenlokal lassen sich das Firmeninteresse, die Wünsche des Hauses am bekömmlichsten in gesetzestaugliche Argumente übersetzen. Zwei Drittel nutzen parlamentarische Abende und politische Salons. Und jeder Zweite möchte mit Podiumsdiskussionen und Frühstücken mit Abgeordneten-Mitarbeitern den Boden für das eigene Anliegen bereiten. Deutlich auf dem Vormarsch ist die elektronische Lobbyarbeit. Nutzte vor zwei Jahren erst ein Fünftel der Interessenvertreter Facebook, Twitter & Co., sind es nun schon 44 Prozent.

Mit einer Wiederkehr der schwarz-gelben Koalition nach der Bundestagswahl 2013 rechnen die Interessen-Einflüsterer nicht. 90 Prozent finden das kaum oder gar nicht wahrscheinlich – genauso viele wie bei Schwarz-Grün. Ihr Top-Favorit ist eindeutig die große Koalition; 50 Prozent halten ein Bündnis aus Union und Sozialdemokraten für sehr wahrscheinlich. Auf Platz zwei: Rot-Grün – mit gerade mal sieben Prozent. Wenig überraschend dagegen, dass den Wirtschaftsvertretern ein SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück (43 Prozent) noch lieber wäre als Frank-Walter Steinmeier (33 Prozent). Nur jeder Zehnte dagegen sähe Sigmar Gabriel gern als Genossen-Zugpferd.

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Dennoch: Die Lobbyisten haben ihren Frieden mit dieser Bundesregierung gemacht. 60 Prozent finden deren Arbeit gut, fast doppelt so viele wie vor einem Jahr. Und gar 84 Prozent glauben, es sei der Truppe von Angela Merkel zu verdanken, dass Deutschland die Finanz- und Schuldenkrise bisher viel besser durchgestanden habe als andere Länder. Beste Noten bekommen Wirtschafts- und Außenhandelspolitik. Als Flop gelten dagegen Energie, Umwelt und Gesundheit. Da haben die widerstreitenden Interessen wohl ein Gleichgewicht des Schreckens organisiert.

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