Berlin intern: Mehr Hartz IV für die Haustier-Haltung

kolumneBerlin intern: Mehr Hartz IV für die Haustier-Haltung

Kolumne von Henning Krumrey

Nun haben auch der Sternchen-Schleimfisch, der Prachtkopfsteher und das Frettchen eine politische Lobby. Es wurde auch Zeit – denn wie Katz und Hund dienen die Heimtiere angeblich dem sozialen Zusammenhalt.

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Unter Haien Im Hintergrund schwimmen Räuber, im Vordergrund geht es um Politik

Halb träge, halb entspannt liegt die große schwarze Muräne zwischen den Steinen. Nebenan protzt der Zwergrotfeuerfisch mit schnellen Bewegungen. Der Grüne Messerfisch schwimmt zwar bloß am Rande entlang, aber sein Name macht immer noch Angst. Und der gelbe Phantomwels? Er dümpelt nur reglos am Boden.

Ins Berliner Aquarium, zu Fischen aller Parteifarben, hat der ZZF eingeladen, der Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe. Wenn Sie den nicht kennen, geht es Ihnen wie den allermeisten Politikern. Denn der „Berufs- und Interessenverband der deutschen Heimtierbranche“ war bislang in der Hauptstadt nicht präsent. Nun will er Witterung aufnehmen, die originelle Einladung zwischen Schwarzspitzen-Riffhai und Rotzunge ist der Auftakt. „Tierisch politisch“ heißt das Motto des ersten parlamentarischen Abends in der Geschichte des ZZF.

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Präsenz ist notwendig. Die Branche steht im Koalitionsvertrag – allerdings unfreiwillig. „Importe von Wildfängen in die EU sollen grundsätzlich verboten und gewerbliche Tierbörsen für exotische Tiere untersagt werden“, heißt es auf Seite 119. Die Grünen hatten das Thema erfunden, eilig schnappten die neuen Regierungsparteien zu.

Frettchen, Gift- und Riesenschlangen gehören nicht in Privatwohnungen, sagt Verbandspräsident Norbert Holthenrich. Aber ein generelles Importverbot von exotischen Tieren lehnt er ab. Aquarianer müssten sonst auf hübsche Zierfische verzichten. Die Nachzucht würde gefährdet; manche Art sei in freier Wildbahn ausgestorben, würde aber in privaten Becken bewahrt.

In jedem dritten Haushalt leben Tiere. 3,8 Milliarden Euro setzen die Händler um, 100.000 Beschäftigte verstehen sich als „Vermittler von Tier-Mensch-Beziehungen“. Auch „Heimtierpfleger im Salon“ gehören dazu. Dies müsse endlich ein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf werden, lautet eine weitere politische Forderung.

Je länger man Holthenrich lauscht, desto mehr wächst die Bedeutung des Wirtschaftszweiges. „Heimtiere stärken den sozialen Zusammenhalt“, weiß er. „Das Zusammenleben mit exotischen Tieren wie Wüstenrennmäusen und Zierfischen wirkt sich positiv auf das psychische Wohlbefinden aus.“ Da bleibt die Forderung nach indirekten Subventionen nicht aus. Damit auch sozial Schwache ein Tier haben könnten, müsse der Hartz-IV-Regelsatz steigen.

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Verglichen mit elefantenhochzeitenden Großkonzernen, sind die Zoogeschäfte natürlich ganz kleine Fische. Umso wichtiger, so viel Aufmerksamkeit zu erregen wie der gelbe Kaschmir-Schnapper oder die Kardinalsgarnele. Den beziehungsreichen Veranstaltungsort ausgedacht hat sich Kajo Wasserhövel, einst Staatssekretär und engster Mitarbeiter von SPD-Urviech Franz Müntefering. Der tierische Name seiner Berliner Kommunikationsagentur „Elephantlogic“ macht die Verbindung geradezu zwingend.

Im Bundestag sind Tiere verboten. Dennoch nannte einst – noch zu Bonner Zeiten – die FDP-Abgeordnete Irmgard Schwaetzer ihren Parteifeind Jürgen Möllemann ein „intrigantes Schwein“ und der ebenfalls liberale Daniel Bahr verlieh CSU-Kollegen das Prädikat „Wildsau“. Im Juni jedenfalls nahmen 16 Abgeordnete für die ZZF-Aktion „Kollege Hund“ demonstrativ ihren vierbeinigen Freund mit ins Büro. Eine Dauerlösung möchte auch der Verband daraus nicht machen, schon weil Waldi, Hasso und Lumpi während der stundenlangen Sitzungen langweilig würde. Und ihr Revier markieren die Abgeordneten schon allein.

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