Berlin intern: Seiberts Sprachlosigkeit

kolumneBerlin intern: Seiberts Sprachlosigkeit

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"Mutti" mit Musterschüler: Regierungssprecher Steffen Seibert lernt täglich dazu

Kolumne von Henning Krumrey

Regierungssprecher Steffen Seibert ist in die Kritik geraten. Er ist neugieriger Beobachter und stiller Bewunderer der Kanzlerin, aber nicht ihr Interpret.

Der Blick in den Mail-Eingang machte stutzig. Während sich Bundestagsabgeordnete sonst bei jeder Kleinigkeit zu Wort melden, blieb der elektronische Postkorb nach dem jüngsten EU-Gipfel leer. Weder beklagte die Opposition Fehler der Regierung, noch lobten die Koalitionspolitiker Verhandlungserfolge. Sonst tun sie dies sogar, wenn’s gar keine gibt.

Die Parlamentarier wussten nichts zu sagen. Was nach Deutschland drang, klang diffus. Nur der Tenor in den Medien war eindeutig: Bundeskanzlerin Angela Merkel sei nach der Erpressung durch das Schuldner-Trio aus Spanien, Italien und Frankreich eingeknickt. Selbst die Bundesregierung war sprachlos. Keine Erklärung, keine Zusammenschau der Verabredungen, nicht mal Eigenlob ging auf den Draht. Statt Merkel bestimmte Italiens Mario Monti den Ton.

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Den Rüffel für diese amtliche Sprachlosigkeit gab’s von der Chefin selbst. In ihrer Regierungserklärung beklagte die Kanzlerin, dass „die Kommunikation sehr uneinheitlich war, was zu sehr vielen Missverständnissen geführt hat“.

Angegriffen fühlen durfte sich Steffen Seibert. Der Regierungssprecher und seine Beamten waren stundenlang verstummt. Über Twitter, dessen Einsatz Seibert als Ausweis von Modernität preist, hatte er sich um 1.53 Uhr nachts gemeldet, nachdem ihm ein Follower ein Musik-Video geschickt hatte: „EU-Gipfel dauert immer noch an; schön, eines meiner Lieblingslieder zu hören! War nur wg Fußball wirklich kein Perfect Day.“ Dann war Funkstille. Erst um 11.29 zwitscherte Seibert wieder: „Kanzlerin Merkel zu Gipfelbeschlüssen: Sind unserer Philosophie treu geblieben – Leistung, Gegenleistung, Konditionalität, Kontrolle.“ Aha.

Seibert ist ein freundlicher und höflicher Mann. In den Schaltkonferenzen mit den Kollegen aus den Ministerien zeigt er Gespür für deren Sorgen. Vor der Journalistenmeute, die drei Mal pro Woche tagt, lässt er niemanden hängen. Bei der Bundespressekonferenz schätzt man sein Bemühen zu helfen, auch den Journalisten.

Aber spürbar bleibt, dass Seibert Beobachter ist, nicht Interpret. Dass der frühere Moderator des ZDF-heute-Journals mit großen Augen schaut, was es im Politikgeschäft alles gibt; wie sich immer neue Euro-Fallen auftun und Intrigen entfalten, welch Themenfülle über seinen Schreibtisch rauscht. In Hintergrundrunden berichtet er manchmal davon, wohl ohne es zu merken. „Drei Monate Staunen ist in Ordnung“, sagt ein erfahrener Kollege aus dem Regierungslager, „aber zwei Jahre sind zu viel.“

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Sein Vorgänger Ulrich Wilhelm kannte als Regierungssprecher in Edmund Stoibers bayrischen Diensten alle Tricks und Tritte. Vor allem bemühte er sich, den weitergegebenen Informationen jenen Dreh zu geben, der aus der Tatsache einen Erfolg für die Regierung machen sollte. Abends telefonierte er Details durch, beatmete die Kommentatoren. Wilhelm war ein Wolf im Schafspelz; Seibert ist kein Wolf.

Bei ihm gibt es keinen Dreh. Er ist kein spin doctor, wie die Meinungsmanipulatoren im Fachjargon heißen. Er blickt, ganz Journalist, interessiert hinter die Kulissen und vergisst darüber, den Ex-Kollegen wenigstens bruchstückhaft zu berichten, was er dort gesehen hat. Nach dem Brüsseler Treffen hätte Seibert die Info-Maschine des Presseamtes anwerfen, Fakten über die Verhandlungsergebnisse an die Nachrichtenagenturen schicken müssen. Mitten in der Nacht, um die Frühmeldungen zu bestimmen. Wie eine nüchterne Bestandsaufnahme des Gipfels aussieht, zeigt – nicht nur dem Regierungssprecher – dieser Artikel.

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