Berlin intern: Stilisiertes Drama

kolumneBerlin intern: Stilisiertes Drama

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Henning Krumrey, Leiter des Hauptstadtbüros der WirtschaftsWoche

Kolumne von Henning Krumrey

Gegen diese Infektion ist kein Politiker immun: das Gerücht über seinen Gesundheitszustand.

War er da? Hat er gefehlt? Kann er sitzen, muss er liegen? Auf der Seite oder wie? Jede Kleinigkeit aus der Krankenakte Wolfgang Schäuble ist derzeit ein Politikum.

Heute Nachmittag tritt der Finanzminister zurück, meldet der Flurfunk am Donnerstag. Es gehe längst nicht nur um ein unverträgliches Antibiotikum. Erinnerungen an Helmut Schmidt werden wach: Während das Kanzleramt von Erkältung sprach, pflanzten die Ärzte einen Herzschrittmacher ein.

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Bei Schäuble verketteten sich harmlose Kleinigkeiten mit der Riesenlast der Euro-Krise zum Schwächesyndrom. Eine nicht verheilte Wunde, dann ein Magen-Darm-Infekt, schließlich das Antibiotikum. Nun hat er sich zu drei Tagen Schonung überreden lassen, blieb freiwillig im Krankenhaus. Selbst Zeitungen sind tabu.

Hieb gegen den Mann im Rollstuhl

Das Schicksal des Kassenwart-Patienten: Jeder versäumte Termin wird zum Drama hochstilisiert. Dabei ist es selbst für die Stabilität des Euro völlig belanglos, dass er bei der Kabinettssitzung vergangene Woche fehlte. Dort wird nicht mal diskutiert, wenn es etwas zu diskutieren gäbe. Diesmal war aber alles international so festgezurrt, dass es nur noch ums Abnicken ging.

Jede Meldung ist aber ein Hieb gegen den Mann im Rollstuhl, der Mitleid verabscheut. Nach den ersten gelähmten Monaten nahm der Kopfmensch die Einschränkung rational – und durchaus berechnend. „Wenn ich schon den Schaden habe, dann will ich auch den Nutzen haben“, sagte er einmal. Die Unsicherheit der Umwelt, mit seiner Behinderung umzugehen, nutzte er in Verhandlungen bisweilen virtuos.

Erholen ohne Zeitdruck

Schäuble lebt nicht für, sondern vor allem von Politik. Die Rückkehr nach dem Attentat war nicht bloß Selbstverständnis eines pietistischen Pflichtmenschen, sondern purer Selbsterhaltungstrieb. Das Versprechen gegenüber seiner Frau, nicht schon wieder für den Bundestag zu kandidieren, hat er gebrochen, mehr als einmal.

Die Kanzlerin findet die Spekulationen über mögliche Nachfolger zwar normal, aber überflüssig. Sie hält – früheren Rivalitäten und Misstrauen zum Trotz – an Schäuble fest. Vergangene Woche rief sie sogar bei Ingeborg Schäuble an, um auch der Ehefrau zu versichern: Es gebe keinen Zeitdruck, er solle sich erholen. Sie braucht ihn, der angesehen ist wie kaum einer seiner Vorgänger, in harten Zeiten. Für internationale Verhandlungen, für das Durchkämpfen der kommenden Sparhaushalte. Und auch eine weitere Kabinettsumbildung käme ihr denkbar ungelegen.

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