Berlin intern: Unter Kolonialisten

kolumneBerlin intern: Unter Kolonialisten

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Bald könnten in Berlin auch Laubengrundstücke für Containerheime eine Option sein.

Kolumne von Cordula Tutt

Die Regierung fragt Wähler nach ihren Sorgen: Berlins Kleingärtner sehen ihr Idyll von Zuwanderern bedroht.

Es ist ein Montagnachmittag, über die Fernseher der Republik schwirren Bilder von Flüchtlingszügen, von überfüllten Auffanglagern. Das Land ist im Ausnahmezustand, da muss das Kabinett zusammenstehen, also ist auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) an einem Brennpunkt im Einsatz. Sie sitzt im Vereinsheim Am Buschkrug in Berlin-Neukölln. Gartenkolonien gibt es viele in Berlin. Schrebergärtner bewirtschaften 73 000 Parzellen, mehr als in jeder anderen Stadt der Welt. Der Buschkrug verfügt über 421 Parzellen und 4,8 Kilometer befahrbare Wege („Nur im Schritttempo!“, verlangt ein Schild.) Und auch hier besteht Gefahr durch Zuwanderer. Wie groß die ist? Recht groß, glaubt man Fritz Felgentreu, örtlicher SPD-Abgeordneter im Bundestag, der die Ministerin begrüßt. Er warnt vorsorglich: „Mit zwei Gruppen sollte man sich in dieser Stadt nicht anlegen – mit Hundebesitzern und Kleingärtnern.“ Hendricks nickt ernst. Nur: Wo sind die Zuwanderer? Zwei Straßenblocks weiter stehen zwar Container, in denen Flüchtlinge leben. Und nun, da ganz Deutschland nach winterfesten Plätzen für immer neue Flüchtlinge fahndet, könnten sogar Laubengrundstücke für Containerheime eine Option sein.

Recht einfach: Kleingarten

  • Rauchzeichen

    Ein Schrebergärtner aus Lüneburg hatte seine ganz eigene Interpretation eines Nutzgartens. Da er unter chronischen Schmerzen litt, baute er gemeinsam mit einem Bekannten Cannabispflanzen an, unter anderem für ihn selbst. Als die Fläche nicht mehr reichte, legten die beiden eine zehn mal zehn Meter große Cannabisplantage in einem abgelegenen Waldstück an. Mit einer Überwachungskamera kam die Polizei ihnen auf die Schliche. Sie verurteilte die Kiffer wegen des unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge (Oberlandesgericht Celle, 32 Ss 160/12).

  • Einbunkerung

    Ein Kleingartenbesitzer aus München suchte die Abgeschiedenheit. Er stellte Holzzäune und Sichtschutzelemente auf. Bauaufsicht und Richter sahen darin einen Verstoß gegen den Bebauungsplan: Es seien nur ein Meter hohe Maschendrahtzäune und Hecken zulässig. Nur so lasse sich ein „Einbunkerungseffekt“ vermeiden (Verwaltungsgericht München, M 11 K 14.904).

  • Exhibitionist

    Ein Wohnungseigentümer aus Essen stellte in Ermangelung eines Schrebergartens seinen Gartenzwerg auf das Garagendach. Den anderen Bewohnern gefiel das nicht, zumal der Zwerg speziell veranlagt war. Der einen halben Meter hohe Zwerg trug zwar rote Mütze, rosa Mantel und blaue Schuhe. Doch den Mantel hielt er geöffnet, so dass seine entblößte Brust und die Geschlechtsteile sichtbar waren. Die Richter mieden die Geschmacksfrage. Da die Garage zum Gemeinschaftseigentum zähle, hätte das Aufstellen einer derart großen Figur ohnehin die Zustimmung aller Eigentümer erfordert. Da die nicht vorlag, dürfe der Zwerg nicht Einblick bieten (Amtsgericht Essen-Borbeck, 19 II 35/99 WEG).

Aber die Bedrohung kommt nicht aus Syrien oder Afghanistan, sondern von zahlungskräftigen Zuzüglern aus Stadtteilen wie Mitte und Kreuzberg oder anderen Städten. Die Stadt boomt, und Bauwillige schielen auf Kleingärten, die als öffentliches Eigentum nur auf Zeit verpachtet sind. Das grüne Idyll ist bedroht, weil Berlin Wohnungen braucht. Keiner weiß, wie viele Jahre die Pachtverträge noch gelten. „Stadtplaner sehen uns als Baulandreserve“, sagt ein Kolonialist. „Alle, die hier ihr Apfelbäumchen gepflanzt haben, haben keine Sicherheit mehr“, sekundiert der Abgeordnete Felgentreu. Es geht um alte und neue Konkurrenz für die Kleingärtner. Hendricks hört geduldig zu. Wie Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und andere Minister absolviert sie einen Bürgerdialog. Dabei befragen Politiker Menschen in ganz Deutschland nach ihrer Idee vom guten Leben und ihren Wünschen an die Politik. 180 Termine sollen es 2015 werden, und Neukölln ist für Sozialdemokratin Hendricks schon deswegen wichtig, weil es SPD-Stammland ist, wo das Leben natürlich besonders gut sein soll. Die Ministerin hat wohl eher erwartet, in diesen Tagen über andere Probleme der Zuwanderung zu sprechen. Ungefragt wirbt sie für Großzügigkeit gegenüber Flüchtlingen, „in Zeiten wie jetzt, wo es drauf ankommt“.

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Und: „Wir sind in der Lage, das zu schaffen.“ Jetzt klingt sie wie ihre Chefin Merkel. Der Chef der Kolonie, Peter Standfuß, fühlt sich von den Flüchtlingen offensichtlich nicht bedroht. Eher von Wohlstandszuwanderern, die vielleicht auf seine Parzelle wollen. Sicherheitshalber sagt er, man habe hier nichts gegen Zugewanderte. Nur meint er Leute aus dem Schmelztiegel Neukölln, die nun auch Schrebergärtner werden wollen. In der zweiten und dritten Generation würden sich immer mehr Neudeutsche um ein Gärtchen bewerben, sagt Standfuß. Auch in der Kolonie hier. Es sei nicht immer einfach, aber man bemühe sich um ein gutes Zusammenleben. Hendricks lächelt. So ein Satz klingt gerade immer richtig in Deutschland, egal, von woher die Zuwanderer kommen.

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