Berlin intern: Verbände unverbindlich

kolumneBerlin intern: Verbände unverbindlich

Kolumne von Henning Krumrey

Stell dir vor, es ist Bundespräsident, und keiner geht hin!

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Henning Krumrey, Leiter des Hauptstadtbüros der WirtschaftsWoche

Im ursprünglichen Brecht-Zitat geht es nicht um das Staatsoberhaupt, sondern um den Krieg. So weit ist es nicht zwischen Horst Köhler und der Wirtschaft – auch wenn der Präsident in letzter Zeit die Unternehmen reichlich kritisiert. Die Banken wegen der Finanzkrise und des von ihnen gezüchteten „Monsters“ internationaler Kapitalmarkt. Andere Branchen wegen Mängeln bei Klimaschutz oder Moral. Mag es da purer Zufall sein, dass bei seinem Neujahrsempfang am Dienstag vergangener Woche kaum eine Interessengruppe fehlte – bloß alle Präsidenten der „Achterbande“ genannten führenden Wirtschaftsverbände?

Natürlich hatte jeder seine Gründe. Bankenpräsident Andreas Schmitz konnte wenigstens ins Feld führen, dass die kombinierte Führungskräfte- und Vorstandssitzung seines Instituts längst anberaumt war, bevor Anfang Dezember die Einladung kam. Und BDI-Präsident Hans-Peter Keitel nahm auf Bitten der französischen Regierung als einziger Ausländer in Paris an der Arbeitssitzung der Industrieverbände, Gewerkschaften und Unternehmen teil, um eine neue Industriepolitik für Frankreich zu entwerfen.

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Sein Einzelhandelskollege Josef Sanktjohanser entschied sich für die dienstägliche Vorstandssitzung, Außenhändler Anton Börner gab eine Pressekonferenz – 2,4 Kilometer Luftlinie entfernt. Versicherungs-Oberhaupt Rolf-Peter Hoenen mag nicht einmal sagen, was ihm wichtiger war als das Staatsoberhaupt.

"Kein Kommentar!"

Selbst kürzliche Hilfe Köhlers ist kein Anlass für einen protokollarischen Gegenbesuch. DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann wusste schon Anfang Dezember, dass er seine Firma aus innerfamiliären Gesundheitsgründen an diesem Januartag nicht allein lassen könnte – obwohl der Bundespräsident erst vor wenigen Wochen die Ehrung der besten Azubis beim DIHK schmückte. Handwerkspräsident Otto Kentzler ging zum Gesundheitscheck, freut sich aber, dass er kürzlich aus Köhlers Hand das Bundesverdienstkreuz erhielt.

Weil manche – wie der Arbeitgeberpräsident – schon seit Jahren regelmäßig absagen, hatten Köhlers Beamte dem Chef sogar auf der geplanten Gästeliste empfohlen, Dieter Hundt und andere notorische Schwänzer diesmal gar nicht erst einzuladen. Der Präsident blieb großzügig.

Und wie empfindet er selbst das Fehlen der Funktionäre? „Kein Kommentar!“

Brechts Kriegs-Zitat heißt vollständig (was die Friedensbewegung stets verfälschend wegließ): „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Dann kommt der Krieg zu dir.“ Aber ob Köhler noch mal die Verbände besucht?

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