Berlin intern: Warum Politiker die digitale Medienwelt missverstehen

kolumneBerlin intern: Warum Politiker die digitale Medienwelt missverstehen

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Eine Berliner Studentin macht ein Selfie mit Bundeskanzlerin Angela Merkel

Kolumne von Gregor Peter Schmitz

Politiker tun, als sei Kommunikation im digitalen Zeitalter unmöglich. Dabei gibt es weit mehr zu gewinnen als nur den Shitstorm. Sie müssen sich bloß trauen. Eine Kolumne.

Die Konrad-Adenauer-Stiftung ist nicht für ihren Hang zur bombastischen Dramatik bekannt. Aber am Dienstag luden die Stiftungsoberen zur Diskussion über politische Kommunikation im digitalen Zeitalter, und die Einladung verhieß nichts Geringeres als: „Vom Glanz und Elend der öffentlichen Rede“. Das klang ein bisschen, um literarisch zu bleiben, wie die Buddenbrooks. Darin erzählt Thomas Mann vom „Verfall einer Familie“, den Adenauers schien es um die Malaise der Kunstform Rhetorik zu gehen, vielen heute höchstens noch als „soft skill“ bekannt. Dazu passte, dass die dazugehörige Podiumsdiskussion die Pole Hype (Pest) und Shitstorm (Cholera) erörtern sollte – und danach Bundestagspräsident Norbert Lammert sprach. Der Christdemokrat macht aus seiner Verzweiflung an der modernen Mediendemokratie keinen Hehl.

Zahlen und Fakten zu Twitter

  • Nebenprodukt mit Erfolg

    Twitter war zunächst nicht mehr als ein Nebenprodukt der Firma Odeo, die eine (allerdings wenig erfolgreiche) Podcasting-Plattform entwickelte. Die Macher suchten 2006 nach Alternativen – und entwickelten den Dienst mit seinen 140 Zeichen kurzen Texthäppchen. In den ersten Monaten gewann er zwar kaum Nutzer, doch nach einem erfolgreichen Auftritt auf der Technologiekonferenz SXSW hob Twitter ab.

  • Idee von vier Freunden

    Anfangs standen vier Freunde hinter Twitter: Evan Williams, der dank des Verkaufs seiner Plattform Blogger.com an Google auch Geldgeber war; außerdem Jack Dorsey, Biz Stone sowie Noah Glass. Letzterer wurde allerdings wegen seiner schwierigen Art schon bald aus der Firma gedrängt.

  • Intrigen und Machtkämpfe

    Die kurze Geschichte der Firma ist geprägt von Machtkämpfen zwischen den einstigen Freunden. Der erste Chef Jack Dorsey musste auf Veranlassung des Mitgründers Evan Williams sowie des Verwaltungsrates seinen Posten verlassen. Williams selbst hielt sich auch nicht dauerhaft an der Spitze – bei seiner Entmachtung im Oktober 2010 hatte Dorsey seine Finger im Spiel. Seitdem lenkte Dick Costolo, zuvor bei Google tätig, die Firma. Nach der Warnung des Unternehmens im ersten Quartal 2015, dass die angepeilten Umsätze nicht erreicht würden, und die Aktie weit unter den Ausgabekurs rutschte, war die Luft für ihn dünn geworden. Nach Monaten der Kritik von der Wall Street, Anteilseignern, Mitarbeitern und Kunden wurde Costolo am 1. Juli 2015 durch Twitter-Mitgründer Jack Dorsey ersetzt.

  • Durchweg in den Miesen

    Twitter hat noch nie Gewinn gemacht. Im zweiten Quartal 2015 lag der Verlust bei unterm Strich 137 Millionen Dollar - immerhin 8 Millionen weniger als im Vorjahr. Vor allem Vergütungen für Mitarbeiter in Form von Aktienpaketen und Optionen machen sich bemerkbar.

  • Zaghaft im Werbegeschäft

    Twitter hatte bis vor drei Jahren noch kein Werbegeschäft. Die Gründer verzichteten in der Anfangszeit bewusst auf Anzeigen, um die Nutzer nicht zu verschrecken. Im Frühjahr 2010 starteten erste Versuche mit Werbung zwischen den Tweets. Inzwischen ist das Geschäft beträchtlich angewachsen. Im zweiten Quartal 2015 stammten von den 502 Millionen Dollar Umsatz fast 90 Prozent aus dem Geschäft mit mobilen Anzeigen auf Smartphones oder Tablets. Die Werbeeinnahmen nahmen im vergleich zum Vorjahr um 63 Prozent auf 452 Millionen Dollar zu.

  • Mehr als 270 Millionen Nutzer

    Twitter ist für die mobile Ära gerüstet. Ein Großteil der Werbeerlöse wird auf Smartphones und Tablet-Computern erwirtschaftet. Insgesamt hat Twitter mehr als 316 Millionen Nutzer pro Monat.

  • Twitter-Aktionäre sind gleichberechtigt

    Twitter versucht nicht, den Einfluss der Gründer durch eine Aktienstruktur mit zwei Klassen zu sichern. Andere Internet-Unternehmen wie Google oder Facebook haben bei ihren Börsengängen den Investoren Papiere angeboten, die weniger Stimmrechte haben als die Aktien von Gründern und Spitzen-Managern. Bei Twitter sind alle Anteilseigner gleich, die Ausgabe von Vorzugsaktien ist nur als Möglichkeit für die Zukunft vorgesehen.

„Zu Talkshows fällt mir nichts mehr ein“, sagt er gerne, zu Twitter wohl erst recht nicht. Wie um ihm recht zu geben, ereiferten sich Kommentatoren in sozialen Netzwerken weniger über seine Rede als die Tatsache, dass kein Hashtag für die Adenauer-Veranstaltung vorlag. Auf den ersten Blick gibt es ja genug Grund für rhetorische Untergangsstimmung: Im Bundestag spricht schon lange kein Herbert Wehner mehr, nicht einmal mehr ein Joschka Fischer. Und wenn Kanzlerin Angela Merkel öffentlich spricht, versucht „die mächtigste Frau der Welt so uninteressant wie möglich zu sein“, wie der „New Yorker“ staunte. In der Euro-Krise hat der britische Historiker Timothy Garton Ash ihr „Legosprache“ unterstellt, die Kanzlerin setze vorgefertigte Sätze einfach immer wieder neu zusammen. Man muss nicht gleich Winston Churchill vermissen, der die englische Sprache „in die Schlacht“ geführt hat. Aber schwer vorstellbar, dass sich ein US-Präsident in einer Lage wie der Flüchtlingskrise nicht mit einer live übertragenen Rede an seine Nation wenden würde. Merkel ging in eine Talkshow. Ist deswegen die große politische, die öffentliche Kommunikation tot? Unsinn, sie ist vermutlich lebendiger denn je. Wichtige Bundestagsreden erreichten früher ein sehr begrenztes Publikum.

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