Berlin intern: Wenn der Staat seinen Kindern schreibt

kolumneBerlin intern: Wenn der Staat seinen Kindern schreibt

Kolumne

Deutschland ist eine freiheitliche Demokratie. Doch schon Kinder erhalten durch staatliches Handeln ein anderes Bild: Der Staat meldet sich bei ihnen zunächst als Fiskus.

Politikverdrossenheit, insbesondere der Jugend, Akzeptanzverlust von Demokratie und Marktwirtschaft – mit diesen Schlagworten wird die politische Kultur in Deutschland gerne beschrieben. Verantwortungsbewusste Bürger versuchen dagegenzuhalten. Vor allem den eigenen Kindern werden die Vorzüge einer freiheitlichen Ordnung von Staat und Wirtschaft vermittelt. Die Politik allerdings versagt bei der Vermittlung vom Wert der Freiheit zunehmend – und mit ihr die Institutionen, die den Staat verkörpern. Denn was in diesen Tagen von einer Bundesverwaltung im Auftrag des Bundesfinanzministeriums an Briefen verschickt wird, ist absurd. Inzwischen geraten nämlich bereits Kinder in den Griff des Steuerstaats. Mein Sohn ist acht Jahre alt, geht in eine öffentliche Schule, ist bei der Gemeinde gemeldet und besitzt einen Kinderausweis – aber er hatte bislang noch keinen wirklichen Bezug zu Bundesinstitutionen. Natürlich kennt er Polizei, Bundeswehr, Feuerwehr, aber einen weitergehenden Kontakt hat es in diesem Alter noch nicht gegeben.

Dieser Kontakt ist jetzt erfolgt. Mit Datum vom 22. August 2008 erhielt er, wie andere Kinder, Post vom „Bundeszentralamt für Steuern“. Und mit der Anrede an den Achtjährigen „Sehr geehrte Dame, sehr geehrter Herr“ wurde ihm nichts über Freiheit und Verantwortung erzählt, sondern darüber, dass er nunmehr eine „Identitfikationsnummer“ hat, die für „steuerliche Zwecke“ verwendet wird und „lebenslang gültig“ ist.

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Lieber Staat, es geht nicht um Kritik an einer lebenslangen Steuernummer. Aber ist es nicht seltsam, dass Kinder – noch bevor sie jemals vom Bundespräsidenten oder einem Ministerpräsident brieflich begrüßt worden sind und ihnen Mut gemacht wurde, dieses Land zu gestalten, seine Möglichkeiten zu nutzen – diesen Staat zunächst von seiner unangenehmen Seite persönlich kennenlernen. Nämlich als Steuereintreiber, dem das Thema so wichtig ist, dass er seinen Nachwuchs vor allem anderen steuerlich nummeriert. Ein Finanzminister, der so etwas durchgehen lässt, zeigt, wie weit er vom Volk entfernt ist. Bleibt nur zu hoffen, dass die Freiheit keine Nummer bekommt.

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