kolumneBerlin Intern: Worte und Daten

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Henning Krumrey, Leiter des Hauptstadtbüros der WirtschaftsWoche

Kolumne von Henning Krumrey

Der Deutsche Bundestag ist rot. Der Deutsche Bundestag ist gewichtig. Und das Tollste: Der Deutsche Bundestag ist käuflich.

Gerade mal zehn Euro kostet das neue, rote „Datenhandbuch Deutscher Bundestag 1990 bis 2010“, das so ziemlich jede Statistik über unser Parlament enthält, die man sich vorstellen kann. Genau 2,24 Kilogramm bringt die Datenhalde auf die Waage, auf 1964 Seiten Dünndruckpapier. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) präsentiert den Wälzer mit einem gewissen Stolz.

Nützliches und Interessantes erfährt der aufmerksame Leser, aber auch anderes. Beispielsweise, dass es in den vergangenen 20 Jahren zwölf „Trauerstaatsakte für verstorbene Politiker im Plenarsaal“ gegeben hat (Achtung: nicht „im Plenarsaal verstorbene Politiker“). Wer ein Faible für Zahlenspielereien hat, kann nachzählen, dass für ehemalige Minister und Parlamentspräsidenten der Herbst des Lebens meist im Oktober/November endet (fünf dieser zwölf). Oder dass zu den sieben Parlamentarischen Vereinigungen nicht nur der Club der ehemaligen Abgeordneten zählt, sondern auch der Verband der Parlaments- und Verhandlungsstenografen. Der Deutsche Bundestag ist rot. Der Deutsche Bundestag ist gewichtig. Und das Tollste: Der Deutsche Bundestag ist käuflich.

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Eine Auswahl

Viel spannender sind die sogenannten Strukturdaten. Eine Auswahl:

Die Altersverteilung der Volksvertreter ändert sich – noch nie gab es so viele junge Abgeordnete unter 35 Jahren und so viele ältere über 65.Das Durchschnittsalter ist mit 49 Jahren aber konstant geblieben.Der Bundestag ist ein Studentenparlament: In allen Fraktionen haben neun von zehn Abgeordneten Hochschulbildung; den höchsten Anteil verzeichnet die FDP, gefolgt von den Grünen.Geistes- und Naturwissenschaftler stellen mit 32 Prozent die größte Berufsgruppe, gefolgt von Juristen und Polizisten sowie den Lehrern. Letztere belegen nur noch neun Prozent der Plenarsessel, sodass das alte Bonmot des Grafen Lambsdorff aus den späten Achtzigerjahren nicht mehr gilt: „Das Parlament ist mal voller und mal leerer, aber immer voller Lehrer.“Im Kabinett erreicht der Anteil der Juristen mit 50 Prozent den Rekordwert der vergangenen 20 Jahre.

Wer sich auf die nähere Zukunft vorbereiten will, kann in dem Werk auch noch einmal minutiös die Chronik der beiden Vertrauensfragen nachlesen, mit denen SPD-Kanzler Gerhard Schröder erst seine Regierung stabilisieren (2001) und dann beenden wollte (2005). Bei der Abstimmung über den Euro-Rettungsschirm am 29. September will Kanzlerin Angela Merkel zwar nicht zu diesem drastischen Mittel der Mehrheitsbeschaffung greifen, aber der Zustand der Koalition lässt erwarten, dass sie bald nicht mehr ohne auskommt.

Subventionierter Preis

Zusammengetragen hat den Datenberg Michael Feldkamp, der führende Historiker des Hauses. Der Mann ist ein Phänomen, eine Art zweibeiniges Archiv. Er kennt Hunderte Daten und Begebenheiten auswendig, und wahrscheinlich wurde der dicke Wälzer nur deshalb aufgelegt, weil Feldkamp nicht mit jedem wissbegierigen Interessenten persönlich sprechen kann.

Natürlich kann so ein Standardwerk eigentlich nicht zehn Euro kosten; der Preis ist subventioniert. Doch ein gigantischer Verlustbringer ist das Werk für die Verwaltung nicht. Gerade mal rund 40 000 Euro lässt uns der Bundestag die Statistiksammlung kosten – als Teil seiner Öffentlichkeitsarbeit. Und das bei einer Auflage von 3500 Stück. Auch wenn es der Wälzer nicht bis in die Bestsellerlisten schaffen wird: Es gibt ihn sogar schon bei Amazon, aber auch im Buchhandel. Der vorige Band war nach vier Jahren vergriffen.

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