Bernd Lucke: "Europa ist mit dem Euro einen Schritt zu weit gegangen"

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InterviewBernd Lucke: "Europa ist mit dem Euro einen Schritt zu weit gegangen"

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Bernd Lucke: "Unglaublich viel Zuspruch von den Bürgern"

von Tim Rahmann, Konrad Handschuch und Roland Tichy

AfD-Sprecher Bernd Lucke möchte die Währungsunion auflösen und die Krisenstaaten in die Insolvenz schicken. An der europäischen Integration aber wolle er festhalten. „Alles, was in Europa sinnvoll ist, bleibt.“

WirtschaftsWoche: Herr Lucke, was ist wahrscheinlicher: Dass die „Alternative für Deutschland“ in den Bundestag einzieht – oder dass Griechenland in den nächsten Monaten weitere Hilfe braucht?

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Bernd Lucke: Ich halte beides für sehr wahrscheinlich. Wir bekommen im Wahlkampf unglaublich viel Zuspruch von den Bürgern. Deswegen bin ich sehr optimistisch, dass unsere Partei bei den Bundestagswahlen die Fünf-Prozent-Hürde nimmt. Gleichzeitig ist es unstrittig so, dass Griechenland nach wie vor meilenweit davon entfernt ist, auf eigenen Beinen stehen zu können.

Was die AfD für die Euro-Rettung plant

  • Stabilitätsunion

    Auflösung der bestehenden Währungsunion. Keine Hilfen an Krisenländer durch den ESM. Hoffnungslos überschuldete Staaten durch Schuldenschnitt entlasten. Gegen jede Form von Transfer- und Haftungsunion.

  • Bankenunion

    Keine. Also auch kein gemeinsamer Einlagensicherungsfonds. Sofortiges Verbot des Ankaufs von Schrottpapieren durch die EZB.

  • Finanzmarkt

    Banken, Hedgefonds und private Großanleger sollen als Nutznießer von Rettungsaktionen auch die Kosten hierfür tragen.

  • Wirtschaftspolitik

    Verschlankung der EU durch mehr Wettbewerb und Eigenverantwortung der Mitgliedstaaten.

  • Fazit

    EU könnte auseinanderfallen, die nötigen Anpassungen zu schweren Turbulenzen führen.

Braucht das Land einen weiteren Schuldenschnitt?

Das Land wird zum Ende des Jahres auf einem Schuldenberg von etwa 350 Milliarden Euro sitzen. Das sind nahezu 170 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Wenn Sie dann sehen, wie lange es gedauert hat, bis Athen nun zum ersten Mal einen kleinen Primärüberschuss erwirtschaftet hat, ist klar: Die Schuldenlast ist viel zu groß. Das wird im Übrigen auch von allen Fachleuten so gesehen, einschließlich des Internationalen Währungsfonds, der sonst immer auf Seite der Bundesregierung steht.

Die Schwarz-Gelbe Koalition hat vor Kurzem erstmals eingeräumt, dass Griechenland möglicherweise neue Hilfen braucht. Sie spricht aber lieber von einer Streckung der bislang gewährten Kredite, als von einem Schuldenschnitt.

Wenn Sie die Laufzeiten von Krediten strecken oder deren Zinssätze reduzieren, dann ist das auch eine Art Schuldenschnitt. Kein Gläubiger wird das freiwillig tun. Jeder Barwertverzicht – und darum handelt es sich hier – ist de facto ein Haircut. Die Bundesregierung betreibt Schönfärberei.

Das Entstehen der AfD

  • 8. Oktober 2010

    Gründung des „Plenums der Ökonomen“ durch VWL-Professor Bernd Lucke. Ziel: Aufklärung über die Gefahren der Euro-Rettungspolitik.

  • 23. Februar 2011

    Das Plenum spricht sich mit großer Mehrheit gegen den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) aus.

  • 11. Februar 2012

    Gründung „Bündnis Bürgerwille“. Unterschriftenaktion für geordnete Staatsinsolvenzen. Unterstützer (u. a.): Bund der Steuerzahler, zahlreiche Bundestagsabgeordnete aus Union und FDP.

  • 10. September 2012

    Gründung der Wahlalternative 2013. Kooperation mit Freien Wählern. Credo: Deutsche Steuerbürger haften nicht für die Schulden europäischer Staaten.

  • 20. Januar 2013

    Niedersachsen-Wahl. Freie Wähler/ Wahlalternative erreichen 1,1 Prozent. Führungsstreit.

  • 6. Februar 2013

    Gründung der Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD). Ziel: Einzug in den Bundestag. Programm: die geordnete Auflösung des Euro-Währungs- gebietes.

  • 11. März 2013

    Erste öffentliche Veranstaltung in der Stadthalle Oberursel / Hochtaunuskreis. 1300 Besucher.

  • 14. April 2013

    Gründungsparteitag in Berlin. Vierseitiges Wahlprogramm. Dreiköpfiges Sprecherteam.

  • 25. April 2013

    Zahl der Mitglieder übersteigt 10.000. Gründung und Aufbau der Landesverbände.

  • 3. Mai 2013

    Bestellung von zwei hauptamtlichen Geschäftsführern. Aufbau einer Mitgliederverwaltung. Vorbereitung eines ordentlichen Parteiberichts.

  • 15. Juli 2013

    Nachweis von mindestens 2000 Unterstützer- Unterschriften pro Bundesland. Sonst keine Zulassung zur Wahl.

  • 22. September 2013

    Bundestagswahl. Ziel: zweistelliges Ergebnis.

Wie lautet ihr Alternativplan im Umgang mit Griechenland und den anderen Euro-Krisenländern?

Unsere Forderung ist, dass keine weiteren Hilfskredite aus dem ESM bewilligt werden. Daraufhin müssten die Krisenstaaten in eine Staatsinsolvenz gehen. Für Griechenland & Co. wäre das gut, weil sie so entschuldet werden würde und eine Chance zum Neuanfang bekämen. Wir würden das Problem endlich an der Wurzel anpacken.

Das sieht man in Athen anders.

So lange die Hilfskredite fließen, ist das auch kein Wunder. Es geht darum, die wirtschaftlichen Anreize so zu setzen, dass Griechenland freiwillig austritt. Die Märkte senden die Signale ja, weil sie die Wettbewerbsfähigkeit des Landes richtig einschätzen und nicht mehr bereit sind, dem Land Kredite zu geben. Nur: Die Markteinschätzung wird durch die Bewilligung von ESM-Krediten und der Politik der Europäischen Zentralbank übertüncht. Ich bin fest davon überzeugt, dass es im griechischen Interesse ist, aus der Währungsunion auszutreten, wenn es keine Rettungskredite mehr gibt. Sollten die Griechen akzeptieren, dass sie keine Hilfskredite mehr bekommen und trotzdem in der Euro-Zone bleiben wollen, dann sollen sie das in Gottes Namen tun. Das wäre zwar zum Nachteil Griechenlands, aber nicht mehr zu Lasten der Euro-Partner.

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54 Kommentare zu Bernd Lucke: "Europa ist mit dem Euro einen Schritt zu weit gegangen"

  • Sachlich, richtig und vernünftig: einfach die Alternative für Deutschland AfD!

  • "Unsere Forderung ist: Der Anspruch auf die beitragsfreien Sozialleistungen muss sich immer gegen das Heimatland der Betroffenen richten."

    Herr Lucke spricht Dinge aus, die selbstverständlich sein sollten, aber in Deutschland und Europa heutzutage offensichtlich gegen quasi-religiöse Denkverbote verstoßen. Ich hätte mir hier nur eine klarere Aussage gegen die ebenso wirtschafts- wie menschenfeindliche Brüsseler Regulierungsflut gewünscht (Olivenölkännchen, "Vater" und "Mutter" verbieten usw). Ich weiß aber, dass die AfD und Herr Lucke in Person auf das Thema bereits ein Auge geworfen haben.

  • Typisch Lucke: Fakten, klar und eindeutig, ohne trunkene Verbrämung vorgetragen und vor allem ohne irgend jemand zu diffamieren. So gefällt mir das. Alles klar am 22.9.

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