Bertelsmann-Studie: Beim Kitaausbau geht Masse vor Klasse

KommentarBertelsmann-Studie: Beim Kitaausbau geht Masse vor Klasse

von Max Haerder

Erst kommt der Ausbau, dann vielleicht auch die Erzieher: Um ab kommendem Monat den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz zu erfüllen, haben Länder und Gemeinden sich ins Zeug gelegt. Doch unter dem massiven Aufwuchs leidet die Qualität: das Personal hält nicht Schritt.

Nicht mal mehr ein ganzer Monat, dann wird der Moment kommen, vor dem so mancher Bürgermeister, so manche Kommunalverwaltung gehörig Angst hat: Ab dem 1. August greift der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder unter 3 Jahren.

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Diese Verpflichtung hat in den Bundesländern und Kommunen für hektische Betriebsamkeit gesorgt, Grundstücke wurden zur Verfügung gestellt, Kitas im Baukastensystem hochgezogen, Tagesmütter rekrutiert. Alles wegen der Furcht, im Sommer 2013 von Eltern reihenweise verklagt zu werden. Die Devise lautete: Kitaplätze müssen her, irgendwie.

Kritiker warnen schon seit längeren, dass bei der Hatz nach mehr Masse die Klasse auf der Strecke bleiben könnte. Betreuung sollte schließlich mehr sein als nur sichere Aufbewahrung: fürsorglich, anregend, mit Spaß und auch mit den ersten Häppchen Bildung. Doch dafür braucht es nicht nur Platz und vier Wände, sondern das geeignete Personal.

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Quelle: dpa

Dass die Sorgen vor Quantität statt Qualität durchaus begründet sind, analysiert nun eine aktuelle Länderanalyse der Bertelsmann-Stiftung. Die wichtigsten Befunde: Alle Bundesländer haben noch (mehr oder minder großen) Nachholbedarf beim Ausbau. Und die Betreuungsrelationen, also das Verhältnis von Erziehern und Kindern, spreizt sich sehr je nach Land.

Dabei zeigt sich im Detail ein klarer Zusammenhang: Länder, die beim Ausbau schon weit vorangeschritten sind (oder wie die ostdeutschen Regionen ohnehin traditionell eine gute Infrastruktur bereitgestellt haben),  haben tendenziell die schlechteren Betreuungsschlüssel. Will heißen: Mehr Betreuung geht offenbar insgesamt auf Kosten der individuellen Förderung.

So war der Ausbaubedarf zum Stichtag 1.März 2012 in den neuen Ländern (mit Ausnahme Berlins) am geringsten und die Betreuungsquoten je Jahrgang gleichzeitig am höchsten. Die ärgste Kita-Unterdeckung droht laut Bertelsmann-Studie in Nordrhein-Westfalen, Berlin, Bremen, Hessen und Baden-Württemberg. Allerdings: Den jeweils prognostizierten Bedarf deckt bisher noch kein einziges der 16 Länder – trotz überall durchaus beachtlicher Zuwächse in den vergangenen Jahren. Nah dran ist nur Sachsen-Anhalt.

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Den relativen Erfolg bei der Betreuung in der Fläche erkaufen sich die ostdeutschen Länder aber mit den ungünstigsten Personalquoten. Bis auf Hamburg (mehr als fünf Kinder pro Erzieher) liegen hier Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen mit Relationen bis über eins zu sechs ganz am Ende der Skala. Als  pädagogisch ideal definieren die Stiftungsexperten einen Schlüssel von eins zu drei. Dem kommen nur das Saarland, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Bremen nahe.

„Wir müssen aufpassen, dass die Jüngsten nicht zu kurz kommen“, warnt der Chef der Bertelsmann-Stiftung Jörg Dräger. Es fehle sehr an gut ausgebildeten Erziehern und Erzieherinnen. Es dürfte deshalb die Herausforderung sein, wenn der Rechtsanspruch erst einmal erfüllt ist: Klasse mit Masse versöhnen.

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